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Wirtschaft im Norden Kreuzfahrten: Wieder 17 Prozent mehr
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Norden Kreuzfahrten: Wieder 17 Prozent mehr
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20:37 04.12.2019
Abgase eines Kreuzfahrtschiffes: Naturschützer warnen vor der Luftbelastung. Quelle: Jens Büttner/dpa
Lübeck/Hamburg

Das Passagieraufkommen sei in der ersten Jahreshälfte um 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf rund 1,08 Millionen Passagiere gestiegen, teilte der Verband Clia Deutschland mit. Er vertritt die deutsche Kreuzfahrtindustrie. „Der gleichmäßige Anstieg der Passagierzahlen über alle Altersgruppen hinweg zeigt deutlich, dass die Branche für jedes Alter ein passendes Angebot bereithält“, teilte Deutschland-Direktor Helge Grammerstorf am Mittwoch mit. Für das Gesamtjahr rechnet der Verband mit 2,5 Millionen Passagieren nach 2,23 Millionen im Vorjahr. Dabei ist die Ostsee bei Kreuzfahrtgästen immer beliebter.

Plus 33 Prozent in Kiel

Das spürt vor allem Kiel. In Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt gab es in diesem Jahr 174 Anläufe von Kreuzfahrtschiffen 32 verschiedener Reedereien mit insgesamt 803 000 Passagieren, eine Steigerung von 33,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr (598 577) – die normalen Fähren sind hier nicht mit eingerechnet. „Wir profitieren noch stärker als im Bundesschnitt, sind Start- und Zielhafen für den Ostseeraum in Deutschland und Europa“, sagt Ulf Jahnke, Sprecher des Seehafens Kiel. Die meisten Kreuzfahrtschiffe legen am Ostseekai an, wo es zwei Liegeplätze in direkter Nähe der Kieler Innenstadt gibt. Hier plant der Seehafen Kiel eine Landstrom-Anlage für Kreuzfahrtschiffe. Die vorbereitenden Arbeiten für den Bau eines Umspannwerks laufen, Kostenpunkt 13,5 Millionen Euro. Im kommenden Jahr soll dann der Testbetrieb für Landstrom aufgenommen werden. „Ein Kreuzfahrtschiff hat einen höheren Strombedarf als ein Fährschiff, es ist ja wie ein großer Hotelbetrieb“, sagt Jahnke.

Weniger Anläufe in Lübeck

Die Lübecker Zahlen nehmen sich dagegen bescheiden aus. Hier gab es in diesem Jahr 14 Anläufe gegenüber 21 im Jahr 2018. Die Zahl der Passagiere bei diesen Anläufen sank von 13 843 (2018) auf 5660. „Im Markt der kleineren Kreuzfahrtschiffe bis 200 Meter Länge können wir den Kreuzfahrtreedern derzeit nur den Ostpreußenkai anbieten“, sagt LHG-Geschäftsführer Sebastian Jürgens. Bis Ende 2021 könne man aufgrund umfangreicher Bauaktivitäten am Terminal Skandinavienkai keine Anmeldungen für große Kreuzfahrtschiffe über 200 Meter Länge annehmen. Dies sei mit der Lübeck Port Authority so vereinbart worden. Derzeit gibt es auch keine Landstrom-Anlage für Kreuzfahrer in Lübeck. „Am Ostpreußenkai reicht der Platz dafür nicht aus. Daher rechnen wir auch nicht damit, dass sich auf absehbare Zeit etwas daran ändert“, sagt Jürgens. Der Verein „Lübeck Cruise“ hatte ein Konzept für einen neuen Kreuzfahrtanleger an der Nordermole vorgestellt. Er fand aber in der Politik keine Akzeptanz.

Nabu: Die meisten Schiffe haben keine Filter

Doch selbst wenn es Landstrom-Anlagen gebe, sei es fraglich, ob die Reedereien den Landstrom überhaupt abnehmen, sagt Malte Siegert, beim Naturschutzbund (Nabu) Deutschland Experte für den Bereich Kreuzfahrtschiffe. „Eine Kilowattstunde Landstrom kostet etwa 30 Cent, der an Bord produzierte Strom dagegen nur 6 bis 9 Cent.“ Ein mittelgroßes Kreuzfahrtschiff stoße etwa so viel Schadstoff aus wie eine Million Pkw, erklärt Siegert. Das liege am großen Energiebedarf der Schiffe und dem viel schadstoffreicheren Schiffsdiesel. Im Gegensatz zu Autos mit ihren Katalysatoren und Rußpartikelfiltern hätten die meisten Kreuzfahrtschiffe keine solchen Filter. Zwar würden ab 2020 international die Emissionsgrenzwerte für Schiffe verschärft, aber das gelte nur für Schwefel. Die neuen Stickoxid-Grenzwerte ab 2021 wiederum gelten nur für Neubauten.

210 Anläufe in Hamburg

Gefragt waren vor allem Reisen im Mittelmeer, gefolgt von Touren um die Kanarischen Inseln und in Nordeuropa, erklärte der Kreuzfahrt-Verband Clia. An den drei Hamburger Kreuzfahrtterminals werden bis Ende des Jahres 210 Kreuzfahrtschiffe festgemacht haben und rund 810 000 Passagiere an und von Bord gegangen sein, wie der Hamburger Terminalbetreiber Cruise Gate (CGH) mitgeteilt hatte. Das sind weniger als beim Vorjahresrekord mit 212 Anläufen und 900 000 Passagieren. Nach überdurchschnittlichen Wachstumsraten in den Vorjahren rechnete CGH-Geschäftsführerin Sacha Rougier nicht damit, dass sich der steile Trend fortsetzt.

Landstrompflicht gefordert

„Das Gros der jetzt fahrenden Kreuzfahrtschiffe wäre davon gar nicht betroffen“, sagt Siegert. „Wir werden die enorme Stickoxidbelastung durch Schiffe also noch viele Jahre lang haben.“ In Hamburg zum Beispiel resultierten 39 Prozent der Stickoxidbelastung aus der Schifffahrt. Eine Landstrompflicht für alle europäischen Häfen sei überfällig, erklärt der Nabu. Nur ein kleiner Teil der Flotte werde sauberer, das Gros der Branche setze weiterhin auf Schweröl und verzichte auf den Einsatz von Abgastechnik.Trotz des großen Handlungsdrucks, unter dem die Weltgemeinschaft angesichts der Klimakrise stehe, spülten die Anbieter Jahr für Jahr weitere Riesenschiffe auf den Markt, die allesamt mit fossilen Kraftstoffen betrieben werden. „Die Branche handelt absolut unzeitgemäß und verantwortungslos.“

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