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Wirtschaft im Rest der Welt Betriebsratschef von Amazon Leipzig: „Streikende werden häufiger gekündigt“
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Rest der Welt Betriebsratschef von Amazon Leipzig: „Streikende werden häufiger gekündigt“
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15:46 14.05.2019
Thomas Rigol ist der Betriebsratschef am Amazon-Standort in Leipzig. Bei den Verdi-Streiks war er von Anfang an dabei. Er ist stolz auf die Ergebnisse der Streiks. Trotzdem werde er den Arbeitskampf fortsetzen. Quelle: privat

Thomas Rigol, 38, arbeitet seit elf Jahren am Amazon-Standort in Leipzig. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Großdeuben nahe der Messestadt. Nach seinem abgebrochenen Studium hatte er zunächst als Zeitarbeiter im Lager eines großen Möbelhändlers gearbeitet, bevor er im 2006 eröffneten, 75.000 Quadratmeter großen Amazon-Logistikzentrum anfing. Dort wird in Schichten von montags 0.15 Uhr bis samstags 23.30 Uhr gearbeitet. Rigol ist seit einem Jahr Vorsitzender des Betriebsrats.

Herr Rigol, Sie arbeiten seit elf Jahren bei Amazon, seit einem Jahr sind sie Chef des Betriebsrats. Wie sehr bestimmt der nun schon sechsjährige Arbeitskampf ihren Alltag?

Rigol: Wir haben jedes Jahr etwa 20 bis 30 Streiktage – je nachdem, wie viele wichtige Geschäftstage es gibt, an denen man mit Streiks wirklich etwas bewirken kann, zum Beispiel um Ostern und Weihnachten. Unsere Streikleitung am Standort koordiniert die Termine so, dass sie deutschlandweit abgestimmt sind. Streiks an einzelnen Standorten machen ja wenig Sinn, denn sie lassen sich durch andere Standorte in Deutschland leicht auffangen.

Erinnern Sie sich noch, wie sich Ihr erster Streik vor sechs Jahren angefühlt hat?

Rigol: Anfangs hat es Überwindung gekostet. Bis dahin hatte es nicht viele Gewerkschaftsaktivitäten am Standort gegeben, da war es schon ein mulmiges Gefühl, zum Beispiel Flugblätter zu verteilen und plötzlich vor dem Arbeitgeber zu stehen. Als Verdi dann zu den ersten Streiks aufrief, war ich selbst gerade im Urlaub und konnte nicht teilnehmen. Das hat mich echt geärgert, ich wollte unbedingt etwas für bessere Arbeitsbedingungen unternehmen.

Lässt Ihre Geschäftsleitung es die Beschäftigten spüren, dass sie vom endlosen Arbeitskampf genervt ist?

Rigol: Streikende, die in der Gewerkschaft sind, werden anders behandelt. Zum Beispiel sind manche der Aufgaben, die täglich neu vergeben werden, weniger anstrengend als andere. In meinem Bereich, dem „Pick“, muss ich oft 15 Kilometer am Tag laufen und nach Paketen suchen. Weniger anstrengend und auch abwechslungsreicher ist es zum Beispiel, Stapler zu fahren. Für viele ist das eine mentale Entlastung. Verdi-Leute kriegen solche Stellen kaum zugeteilt. Streikende werden auch öfter zu Gesprächen über krankheitsbedingte Ausfälle eingeladen, nicht selten gefolgt von Kündigungen. Im persönlichen Umgang mit der Geschäftsleitung spüre ich nie Feindseligkeiten. Aber ein beruflicher Aufstieg in der Firma gestaltet sich für aktive Gewerkschafter äußerst schwierig, wie ich am eigenen Leib erfahren durfte.

Ihre Forderungen nach Weihnachts- und Urlaubsgeld, arbeitsfreien Samstagen und Tariflöhnen, die sich am Einzel- und Versandhandel orientieren, lehnt Amazon noch immer ab. Wie motivieren Sie die Kollegen, trotzdem noch zu streiken?

Rigol: Es ist nicht immer leicht, jeden bei Laune zu halten. Aber vom Aufgeben spricht keiner. Verdi hat zugesagt, dass sie uns weiter unterstützen. Tariflöhne haben wir ja immer noch nicht. Aber anfangs standen wir bei 7,76 Euro, mittlerweile sind es über 12,50 Euro, davon kann man zumindest leben. Auch Weihnachtsgeld bekommen wir mittlerweile, wenn auch deutlich weniger als es nach Tarifvertrag wäre. Früher war es normal, sechs Tage die Woche zu arbeiten und täglich ein bis zwei Überstunden. Heute laufen Überstunden auf freiwilliger Basis. Neuere Mitarbeiter kennen die harten Zeiten von vor zehn Jahren gar nicht mehr, deshalb verstehen sie Kritik am Arbeitgeber mitunter gar nicht und es sind eher die Älteren, die streiken. Man muss auch sagen, dass es tatsächlich utopisch ist, dass Samstag freier Tag wird – weil die meisten Bestellungen am Wochenende eingehen.

Was sind dann heute noch Ihre Hauptforderungen?

Rigol: Wir fordern nach wie vor einen Tarifvertrag, für in vielerlei Hinsicht bessere und rechtlich verbriefte Arbeitsbedingungen. Wir wenden uns aber inzwischen auch an die Politik: Es braucht endlich wieder allgemeinverbindliche Tarifverträge im Einzelhandel – damit wäre auch Amazon gezwungen, besser zu zahlen. Vor Ort versuchen wir, Amazon zumindest davon abzubringen, auch noch den Sonntag zum Arbeitstag zu machen. Und es geht konkret auch um einen Gesundheitstarifvertrag. Die meisten von uns arbeiten gern bei Amazon, aber auf viele Probleme der Arbeiter nimmt die Firma kaum Rücksicht – wenn die Leute zum Beispiel mit Rückenschmerzen nach Hause gehen, weil die Tische nicht an die Tätigkeiten angepasst werden. Der Besitzer von Amazon ist der reichste Mann der Welt, da können wir doch erwarten, verstellbare Tische für die Arbeit zu bekommen.

Amazon unterläuft Ihre Streiks mit vielen Saisonarbeitern und kurzfristigen Aushilfen. Kommt es da nicht zu Streit vor Ort?

Rigol: Es kommt höchstens mal zu kleinen Wortgefechten zwischen einzelnen Leuten, wenn es um die Frage von Streik oder Streikbruch geht – aber es gibt keine Spaltung oder vergiftete Atmosphäre unter der Belegschaft. Es werden auch weniger Befristete eingesetzt als früher. Einige kennt man gut, weil sie jedes Jahr wiederkehren. Man unterhält sich normal mit ihnen, kaum über die Streiks. Viele von ihnen brauchen das schnelle Geld und meiden die Streiks aus Angst vor Kündigungen – einige streiken aber auch mit.

Von Flemming Goldbecher/RND

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