Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wirtschaft im Rest der Welt So schwer ist der Kampf für faire Mode
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Rest der Welt So schwer ist der Kampf für faire Mode
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:23 18.04.2019
Viele Textilunternehmen sorgen mittlerweile für faire Arbeitsbedingungen bei ihren Lieferanten – doch gesetzliche Standards lehnt die Branche ab. Quelle: Nick Kaiser/dpa
Berlin

Im Herbst 2012 brannte es in Bangladesch. Eine Textilfabrik in Tazreen stand in Flammen, 120 Arbeiterinnen und Arbeiter starben – offenbar, weil es nicht genügend Notausgänge gab. Gearbeitet hatten die Frauen und Männer auch für deutsche Modeketten. Deutschland ist der zweitgrößte Textilimporteur der Welt.

Wenig später war es ein Christsozialer, der das Thema in Deutschland an sich zog: Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) kritisierte die Textilwirtschaft angesichts weiterer Skandale um Kinderarbeit und Ausbeutung bei Lieferanten in Fernost heftig.

Und er schmiedete mit einem Teil der Modeindustrie ein „Bündnis für nachhaltige Textilien“. Die Mitglieder verpflichteten sich, verstärkt auf die Einhaltung von Sozial- und Umweltstandards zu achten. Doch nur etwa die Hälfte der deutschen Branche wollte mitmachen.

Heute ist Müller ernüchtert: „Freiwilligkeit führt nicht zum Ziel“, sagte der Minister kürzlich bei einer Anhörung im Bundestag. Stattdessen setzt sein Ministerium nun auf ein Gesetz, das Unternehmen zur sorgfältigen Dokumentation ihrer Lieferketten anhält – und bei Verstößen gegen Menschenrechte und Sozialstandards Strafen vorsieht.

Existenzgefährdend, sagt die Industrie

„Was der Minister plant, gefährdet unsere Existenz“, sagte jetzt die Präsidentin des Gesamtverbands textil+mode, Ingeborg Neumann. „Unsere globalen Konkurrenten werden uns einfach aus dem Markt fegen.“ Der Deutschen Presse Agentur sagte Neumann weiter, die Pläne Müllers gingen vollkommen an der Realität vorbei. „Wir können nicht alleine als deutsche Unternehmen die globale Welt retten.“

Lesen Sie auch

Wie smart ist Kleidung aus elektronischen Stoffen?

„Wenn es nach dem Minister geht, müssen wir als Mittelständler jedes Baumwollfeld, jede Knopffabrik und jede Reißverschlussproduktion bis ins kleinste Glied kontrollieren“, befürchtet Neumann. Dabei produziere die deutsche Textilindustrie bereits nach den weltweit höchsten Standards.

Deshalb hält Neumann es für unmöglich, die Herstellungsbedingungen gründlich zu kontrollieren. „Solche Vorstellungen von einer Komplettkontrolle der gesamten Lieferkette in einer globalen Wirtschaftswelt können aber nur an einem Berliner Schreibtisch geboren werden“, sagte Neumann, die Vizepräsidentin des Industrieverbandes BDI ist.

Sie befürchtet. dass vor allem der Mittelstand unter dem Gesetz leiden würde. Komme das Gesetz einschließlich der anvisierten Gefängnisstrafen, können kein deutscher Unternehmer mehr globalen Lieferketten aufbauen. „Mit seinem Lieferkettengesetz vertreibt der Entwicklungsminister ausgerechnet die heimischen Mittelständler, die weltweit die Standards heben,“ so Neumann.

Gewerkschaften unterstützen Müller

Zustimmung bekam Müller dagegen von der Gewerkschaft Verdi. „Gesetzliche Mindeststandards und Sanktionsmöglichkeiten können wir nur begrüßen“, sagte Verdi-Sprecherin Eva Völpel. „Alle Erfahrung zeigt, dass freiwillige Selbstverpflichtungen bisher nicht ausreichen, um die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Produktionsländern und Fabriken wirklich nachhaltig zu verbessern.“

Müller hatte bei einem Forum im Februar gesagt, viele der täglichen Produkte in Deutschland wie Kaffee, Kakao oder Baumwolle kämen aus Entwicklungsländern. Aber am Anfang der Lieferketten herrschten immer noch unglaubliche Bedingungen. Mehr als 150 Millionen Kinder müssten weltweit arbeiten. „Zwangsarbeitsverhältnisse und Hungerlöhne sind vielerorts allgegenwärtig.“ Am Anfang globaler Lieferketten müssten ökologische und soziale Mindeststandards eingehalten werden. „Auch die Unternehmen tragen dafür Verantwortung“, so Müller.

Außerdem verwies er darauf, dass es eine dem möglichen Gesetz ähnelnde Regelung bereits in anderen Branchen gibt: Die Konfliktmineralienverordnung sieht vor, dass Unternehmen Nachweise über die Herkunft bestimmter Rohstoffe erbringen müssen – falls beispielsweise das in Computerchips verbaute Coltan aus Bürgerkriegsländern stammt.

Von RND/dpa/hö