Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wirtschaft im Rest der Welt Hauptversammlung: Ist die Deutsche Bank ein Sanierungsfall?
Nachrichten Wirtschaft Wirtschaft im Rest der Welt Hauptversammlung: Ist die Deutsche Bank ein Sanierungsfall?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:15 23.05.2019
Bei der Deutschen Bank läuft es nicht rund. Quelle: imago images / Jan Huebner
Qatar

Am Gesicht von Paul Achleitner war abzulesen, dass er nicht zum Spaß auftrat. Und dann war die Frankfurter Festhalle nur zur Hälfte gefüllt, als der Aufsichtratsvorsitzende die Hauptversammlung der Deutschen Bank mit seiner Rede eröffnete. Die meisten Aktionäre lauschten missmutig und ignorierten die Kunstpausen, in denen Achleitner wohl auf Applaus hoffte.

Etwa als er Christian Sewing pries. „Er übernahm die Führung und setzte um.“ Pause. Doch niemand klatschte. Auch die übrigen Mitglieder des Kontrollgremiums schauten über weite Strecken eher bedröppelt drein. Dieser Donnerstag war kein guter Tag für das Führungspersonal der Deutschen Bank.

Aktienkurs auf Rekordtief

Es hagelte Kritik aus den Reihen der Aktionäre. Und zu Beginn des Jahrestreffens rutschten deren Anteilscheine auf ein Rekordtief von 6,36 Euro. Die Papiere haben in den vergangenen zwölf Monaten mehr als 40 Prozent an Wert verloren.

Die schweren Einschnitte, die Deutschlands größtem Geldhaus bevorstehen, könnten auch Achleitner selbst treffen. Der Finanzdienst Bloomberg berichtete am Donnerstag, Großaktionäre wie die königliche Familie des Emirats Katar und der US-Vermögensverwalter Cerberus hätten die vorzeitige Abberufung von Achleitner diskutiert, dessen Vertrag bis 2022 läuft.

Auch Manager der Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB) sollen mittlerweile die Position vertreten, dass ein Ausscheiden des Oberkontrolleurs das Beste für die Bank wäre. Ein bemerkenswerter Vorgang ist außerdem, dass renommierte Stimmrechtsberater den Anteilseignern mit großen Aktienpaketen empfohlen haben, dem Vorstand und dem Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern. Das hat zwar keine unmittelbaren Auswirkungen, sollte aber als eine Art Denkzettel wirken.

Es geht kontinuierlich bergab

Achleitner steht seit 2012 an der Spitze des Aufsichtsrats. Seither geht es mit der Bank und ihrem Aktienkurs mehr oder weniger kontinuierlich bergab. Er hat Top-Manager verschlissen und mehrere strategische Kehrtwendungen zu verantworten, die alle erfolglos waren.

Die Deutsche Bank war überdies in zahlreiche Skandale verwickelt, die mehrere Milliarden Euro an Strafzahlungen nach sich zogen. Bis zum heutigen Tag wird noch in einer Reihe von Fällen ermittelt. Ein Sonderbeauftragter der Aufsichtsbehörde Bafin schaut den Deutschbankern in puncto Geldwäsche auf die Finger.

Vor gut einem Jahr sorgte Achleitner dafür, dass Sewing auf den Chefposten gehievt wurde. Auch er hat bislang eher glücklos agiert. So machte Sewing zuerst deutlich, dass es noch nicht an der Zeit für Fusionsverhandlungen mit der Commerzbank sei – die dann doch begannen und nach rund fünf Wochen abgebrochen wurden.

Fusion hätte keine Probleme gelöst

Nach Ansicht von Alexandra Annecke, Portfoliomanagerin bei Union Investment, wären mit einer Fusion die Probleme der Bank ohnehin nicht gelöst, sondern „bestenfalls kaschiert“ worden. Sie beschrieb das Frankfurter Institut in ihrer Rede auf der Hauptversammlung als „Koloss auf tönernen Füßen“, der einst mit US-Instituten wie JP Morgan auf Augenhöhe war. Jetzt mache JP Morgan 20mal mehr Gewinn und sei an der Börse 20mal mehr wert.

Annecke sieht wie viele andere Experten die große Abteilung Investmentbanking als Hotspot der Malaise. Nicht nur, weil es die Investmentbanker waren, die mit krummen Geschäften die immensen Strafzahlungen ausgelöst haben. Was die frühere Vorzeigesparte an Erträgen mittlerweile erwirtschafte, sei „völlig unzureichend“, sagte Annecke. Teile dieses Geschäftsfeldes müssten tief in den roten Zahlen stecken. Genau lässt sich das nicht sagen, denn der Vorstand schlüsselt nicht auf, wo im Investmentbanking Geld verdient und wo Geld verbrannt wird.

Andreas Thomae von Deka Investment fügte hinzu, dass das Versagen noch mit „hohen Bonuszahlungen honoriert“ werde. Analyst Dieter Hein von Fairesearch legte noch eins drauf. Er sagte am Rande der Hauptversammlung, die Deutsche Bank laufe Gefahr, von ihren Investmentbankern so lange ausgenommen zu werden, bis sie zusammenbreche. Und das könne im Prinzip jederzeit geschehen.

Selbstkritischer Sewing

Sewing gab sich derweil in seiner gut 45minütigen Rede streckenweise auch selbstkritisch. Er räumte ein, dass in der Bank zu oft diejenigen die Oberhand hatten, „die bremsen anstatt Neues zu ermöglichen“. Das will er künftig nicht mehr akzeptieren. Er kündigte abermals einen grundlegenden Umbau und tiefe Einschnitte an, ohne in die Details zu gehen. „Wir werden die Transformation beschleunigen“, sagte Sewing.

In jedem Fall sollen künftig alle Sparten dazu verdonnert werden, „klare Renditevorgaben“ zu erfüllen. Damit meint er wohl auch das Investmentbanking. Die Fondstochter DWS soll sich mit einem anderen Anbieter zusammentun und so in die Top Ten der Vermögensverwalter aufsteigen. Verhandlungen mit der Schweizer UBS wurden gestartet, sind aber schwer ins Stocken geraten.

Dazu war von Sewing auf der Hauptversammlung nichts zu hören. Dafür betonte er, dass die Bank bis zu 100 Millionen Onlinekunden bedienen könnte, wenn in Digitaltechnik investiert werde. Aber auch da hapert es. Die IT gilt als überaltert.

Stellen sollen gestrichen werden

Klar ist aus Sicht von Beobachtern, dass der neue Versuch, die Bank wieder in die Spur zu bringen, mit massiven Stellenstreichungen einher gehen wird – Sewing hat es oft genug angedeutet. Dabei dürfte es aber auch Führungskräfte ganz oben erwischen: Es wird gemutmaßt, dass unter anderem die Rechtsvorständin Sylvie Matherat und Garth Richie, Chef des Investmentbanking, gehen müssen.

Von RND/Frank-Thomas Wenzel