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Wirtschaft im Rest der Welt Putzen, schleppen und andere Helfertätigkeiten: DGB sorgt sich um Flüchtlinge in prekären Jobs
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13:03 07.06.2019
Putzen ist eine der vielen Helfertätigkeiten, die viele Flüchtlinge in Deutschland jetzt ausüben. Quelle: dpa
Hannover

Etwa 50,5 Prozent der Flüchtlinge in Deutschland arbeiten als Fachkräfte oder Spezialisten – für die deutsche Wirtschaft sind die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit Anlass, die Erfolge bei der Integration in den Arbeitsmarkt zu betonen. Kanzlern Angela Merkel (CDU) habe mit ihrem „Wir schaffen das“ Recht behalten, sagte Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

Die andere Hälfte der berufstätigen Flüchtlinge bereitet Annelie Buntenbach vom Vorstand des Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) Sorge. Aus ihrer Sicht stecken viele Flüchtlinge in einfachen Helfertätigkeiten fest, obwohl sie eigentlich mehr leisten könnten. „Generell erleben wir, dass Flüchtlinge oft unterhalb ihrer Qualifikation beschäftigt werden“, sagt Buntenbach dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Verstöße gegen das Arbeitsrecht

Dabei beobachten Wissenschaftler, dass Flüchtlinge im Niedriglohnsektor teilweise unter prekären Bedingungen arbeiten. „Wir sehen teilweise systematische Überschreitungen des Arbeitsrechts und Missachtung des Arbeitsschutzes“, berichtet Felix Bluhm vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen.

Für eine noch unveröffentlichte Studie haben Bluhm und sein Team ausführliche Interviews mit mehr als 100 Flüchtlingen geführt, die unter anderem bei Reinigungsdiensten, Schlachtbetrieben und Logistikunternehmen arbeiten. Die Befragten hätten beispielsweise von unzureichender Schutzkleidung, vielen Überstunden und Schmiergeld für die Vermittlung einer Arbeitsstelle berichtet.

Hauptsache irgendein Job?

Dafür, dass viele Flüchtlinge trotzdem Helferjobs annehmen, gibt es viele Gründe: Geringqualifizierte schildern häufig, zufrieden zu sein, wenn sie überhaupt einen Job fänden. Beratungsstellen berichten, dass oft die schnelle Aufnahme einer bezahlten Tätigkeit statt einer langfristigen Weiterbildung im Vordergrund stehe – weil im Herkunftsland Verwandte unterstützt oder Kosten für die Flucht zurückgezahlt werden müssten.

Allerdings gibt es auch Fälle, bei denen Flüchtlinge gegen ihren Willen in Helfertätigkeiten geschoben wurden. Manche fühlen sich von Jobcentern zur Aufnahme einfacher Tätigkeiten gedrängt – auch wenn sie Erfahrungen haben, die sie eigentlich zu besser bezahlten Jobs befähigen. „Das torpediert teilweise unsere Arbeit“, sagt DGB-Migrationsexperte Daniel Weber. Es gebe durchaus Beratungseinrichtungen, die sich um eine der jeweiligen Qualifikation angemessene Beschäftigung für Flüchtlinge bemühen.

Aufenthaltsrecht verschärft die Situation

Auch das Aufenthaltsrecht spielt eine Rolle. Weber zufolge kümmern sich Flüchtlinge mit schlechter Bleibeperspektive seltener darum, ihre ausländischen Bildungsabschlüsse anerkennt zu bekommen oder eine Ausbildung in Deutschland zu absolvieren. „Gerade bei Afghanen sehen wir ein zunehmendes Abgleiten in einen regelrechten Tagelöhnerstatus“, berichtet Weber angesichts der jüngsten Bemühungen der Bundesregierung, mehr Geflüchtete nach Afghanistan zurückzubringen.

Buntenbach befürchtet, dass das Paket aus Fachkräfteeinwanderungsgesetz und dem sogenannten Geordnete-Rückkehr-Gesetz, das am Freitag beschlossen werden sollte, die Lage noch verschärfen kann. Zwar sei es für Fachkräfte künftig teilweise leichter einzureisen. Die ausländischen Arbeitnehmer seien bei einem Arbeitsplatzverlust aber „auf Gedeih und Verderb“ auf die Ausländerbehörde angewiesen – was ihre Position gegenüber ausbeuterischen Arbeitgebern verschlechtern könnte. „Das schwächt die Arbeitnehmerrechte, macht Beschäftigte erpressbar und öffnet so Tür und Tor für Lohn- und Sozialdumping“, sagte Buntenbach dem Fernsehsender N-TV.

Weiterbildung als mögliche Lösung

Abseits der Kritik am jüngsten Gesetzespaket ist es aus Sicht der Gewerkschafter deshalb wichtig, vor allem die Weiterbildungsmöglichkeiten zu verbessern. Zwar gibt es mehrere Programme, mit denen die Ausbildungsbemühungen von Unternehmen für Flüchtlinge unterstützt werden sollen. Doch: „Die werden wenig in Anspruch genommen“, sagt Buntenbach.

In diesem Bereich sehen auch die Industrie- und Handelskammern noch Potenzial: Eine bessere Förderung während der Ausbildung würde Integrationsbemühungen von Unternehmen deutlich unterstützen, fordert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag.

Anerkennung von Abschlüssen dauert zu lange

Auch dauern aus Webers Sicht die Anerkennungsverfahren von ausländischen Abschlüssen trotz jüngster Reformen zu lange. In manchen Bereichen beanspruche die Dokumentenbeschaffung zu viel Zeit, und Vorschriften seien nur schwer erfüllbar. Außerdem fehle es an Möglichkeiten, fachspezifisch deutsch zu lernen, bemängelt Weber.

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Der Deutsche Gewerkschaftsbund sieht noch einen weiteren Grund, um bei Einwanderern vor allem auf die Anerkennung von Abschlüssen sowie die Weiterbildung zu setzen: Wer jetzt als einfacher Helfer arbeitet, sei im Fall eines möglichen Abschwungs besonders kündigungsgefährdet. „Ein großes Risiko ist die Konjunktur“, sagt Buntenbach. „Läuft es nicht so gut, gehören viele Flüchtlinge in den Betrieben zu den ersten, die gehen müssen.“

Von RND/Christoph Höland

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