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Wissen Angkor Wat – der Tempel, der nie verlassen wurde
Nachrichten Wissen Angkor Wat – der Tempel, der nie verlassen wurde
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14:08 08.06.2019
Bäume überwuchern Teile der Tempelanlagen von Angkor Wat. Quelle: dpa
Angkor Wat

Die Tempelanlage von Angkor Wat ist eine der weltweit meistbesuchten religiösen Stätten. Mehr als zwei Millionen Menschen besuchen das historische Juwel im Dschungel Kambodschas. Die Anlage wurde im frühen 12. Jahrhundert erbaut, nachdem König Suryavarman II im Jahr 1113 den Thron bestiegen hatte. Er war einer der berühmtesten Monarchen der Angkor-Dynastie, die vom 9. bis zum 15. Jahrhundert herrschte. Angkor Wat ist als ikonischer Teil der kambodschanischen Identität noch heute Bestandteil der Flagge des südasiatischen Landes.

Massenandrang: Tuk-tuks voller Touristen auf dem Weg nach Angkor Wat. Quelle: Robert Harding/dpa

Viele Touristen haben falsche Vorstellungen

Lange Zeit wurde der Zusammenbruch der Angkor-Zivilisation mit dem Zeitpunkt der Eroberung der Hauptstadt durch das Thai-Königreich von Ayutthaya gleichgesetzt. Die Vorstellung, dass die Hauptstadt Angkors von den Thais aufgegeben worden war, spielte auch eine Rolle bei der kolonialen Einschätzung des 19. Jahrhunderts, die Kambodschaner hätten die Angkor-Zivilisation vergessen und dem Dschungel überlassen. Viele Touristen kommen bis heute nach Angkor Wat mit der überkommenen und romantisierenden Vorstellung, eine Ruinenstadt in einem mysteriösen Dschungel zu besuchen.

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Forscher allerdings haben sich schon länger gegen diese Interpretation gewehrt, schreibt Alison Kyra Carter, Anthropologin an der Universität von Oregon, auf der Wissenschaftsplattform „The Conversation“. Und archäologische Funde legen nahe, dass es sich eher um einen allmählichen Abstieg der Angkor-Zivilisation handelte. Der Prozess dauerte wesentlich länger und war zudem komplexer als bisher bekannt. Der Fall Ankors kann wohl am ehesten als Wandel bezeichnet werden.

„Betrachtet man die Ereignisse näher, die mit diesem einen Tempel in Verbindung gebracht werden, können Archäologen wie ich darin einen Mikrokosmos erkennen, der all größeren regionalen Veränderungen rund um Angkor widerspiegelt.

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Was wurde aus der Angkor-Zivilisation?

Forscher nehmen an, dass die Angkor-Zivilisation im Jahr 802 gegründet wurde. Deren Kernland und Hauptstadt befanden sich an den Ufern des Tonle Sap-Sees im Nordwesten des heutigen Kambodscha. Der angkorianische Staat wurde in einer Zeit des günstigen Klimas mit reichlich Niederschlag gegründet und gedieh deswegen prächtig. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht könnten die Herrscher Angkors weite Teile des südostasiatischen Festlandes kontrolliert haben.

Die Angkor-Zivilisation boomte im frühen 12. Jahrhundert, als mit dem Bau des Angkor Wat-Tempels begonnen wurde. Als Nachbildung des hinduistischen Universums erbaut, sind die fünf Sandsteintürme, die sich über den vier Tempelanlagen erheben und die Gipfel des Mount Meru darstellen, gleichsam das Zentrum des Angkor-Reiches. Der Tempel ist von einem großen Wassergraben umgeben, der das mythische Meer der Milch symbolisiert, aus dem Amrita, ein Elixier der Unsterblichkeit, erschaffen wurde.

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Wechsel von Buddhismus zu Hinduismus

Ende des 13. Jahrhunderts kam es jedoch zu zahlreichen Veränderungen. Der letzte größere Steintempel in Angkor wurde 1295 erbaut – auch die jüngste Sanskrit-Inschrift stammt aus demselben Jahr. Die letzte Inschrift in Khmer, der Sprache Kambodschas, erscheint einige Jahrzehnte später im Jahr 1327. Der Bau von Steintempeln und das Schreiben von Inschriften gelten als Elitetätigkeiten – diese letzten Beispiele angkorianischer Kultur in der eigenen Hauptstadt entstanden mitten während in der weiteren Umgebung Angkor Wats der Theravada-Buddhismus übernommen wurde, der den Hinduismus ersetzte.

Dieser religiöse Wandel brachte die traditionellen Hindu-Machtstrukturen zu Fall. Der Schwerpunkt wurde jetzt auf gemeindebasierte buddhistische Pagoden aus Holz gesetzt – es war das Aus für die staatliche Förderung von Steintempeln und die königliche Bürokratie. Gleichzeitig nahm der Seehandel mit China zu. Die Verlagerung der Hauptstadt weiter südlich in die Nähe der modernen Hauptstadt Phnom Penh ermöglichte es den Herrschern, dessen wirtschaftlichen Möglichkeiten zu nutzen.

Elite verließ die Stadt schon im 14. Jahrhundert

Mithilfe der Paläoklimaforschung war es auch möglich, regionale Umweltveränderungen jener Zeit des Umbruchs zuzuordnen. Eine Reihe jahrzehntelanger Dürreperioden, durchsetzt von schweren Monsunen, störte Angkors ausgeklügelte Kanalsystem, das Wasser auffangen und abführen sollte. Eine Untersuchung der Wassergräben rund um den ummauerten Stadtbezirk Angkor Thom legt nahe, dass die Elite der Stadt bereits im 14. Jahrhundert, fast 100 Jahre vor der angeblichen Plünderung der Hauptstadt durch Ayutthaya, die Stadt verließ.

Alison Kyra Carter und ihre Kollegen begannen 2010 in Zusammenarbeit mit der Regierungsbehörde, die den Archäologischen Park Angkor überwacht, mit den Ausgrabungen in der Tempelanlage. „Anstatt uns auf den Tempel selbst zu konzentrieren, haben wir uns die aufgeschütteten Verteidigungshügel angesehen, die den Tempel umgeben. In der Vergangenheit siedelten dort Menschen.Sogenannte LiDAR-Erhebungen in der Region – das ist eine Methode zur optischen Abstands- und Geschwindigkeitsmessung mit Lasern –, bewiesen, dass Angkor Wat und viele andere Tempel, einschließlich des nahe gelegenen Ta Prohm, von einem System aus Erdwällen innerhalb ihrer Grenzen umgeben waren“, beschreibt Carter die Grabungsarbeiten vor Ort.

„Zu drei unterschiedlichen Jahreszeiten, die dem Zyklus von Saat, Pflege und Ernte entsprachen. haben meine Kollegen und ich diese Hügel ausgegraben und dabei Reste von Keramikgefäßen, Feuerstellen und verbrannten Essensresten, Pfostenlöcher und flach liegende Steine, die Teil einer Bodenfläche oder eines Pfades gewesen sein könnten, freigelegt“, so Carter weiter.

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Wohnte das Tempelpersonal auf den Hügeln?

Es ist noch nicht klar, wer auf diesen Hügeln lebte. Inschriften beschreiben, dass Tausende von Menschen, benötigt wurden, um die Tempelaktivitäten am Laufen zu halten. Daher ist zu vermuten, dass viele von denen, die auf den Hügeln lebten, im Angkor Wat-Tempel arbeiteten, vielleicht als religiöse Spezialisten, Tempeltänzer, Musiker oder andere Arbeiter. Mit der Radiokarbonmethode konnte nachgewiesen werden, dass die Landschaft um Angkor Wat seit dem 11. Jahrhundert durchgängig besiedelt war. Im 12. Jahrhundert wurden die Kanal- und Hügelstrukturen angelegt. Danach allerdings stellten die Forscher eine Lücke in ihren Radiokarbon-Daten fest.

Sie muss, so Carter, zwischen dem späten 12. oder frühen 13. Jahrhundert bis zum späten 14. oder frühen 15. Jahrhundert liegen. Diese Lücke stimmt mit vielen Veränderungen überein, die in jener Zeit in Angkor stattfanden. Aufgrund der Ausgrabungen scheint es, dass die Hügel in dieser Zeit aufgegeben oder ihre Nutzung verändert wurden.

Der Tempel von Angkor Wat selbst wurde jedoch nie aufgegeben. Und die Landschaft rund um den Tempel scheint im späten 14. oder frühen 15. Jahrhundert wieder besiedelt gewesen zu sein, als Angkor angeblich von Ayutthaya geplündert und verlassen worden war. Diese Nutzung reicht bis ins frühe 18. Jahrhundert.

Angkor Wat als Mikrokosmos der Zivilisation

Als einer der wichtigsten angkorianischen Tempel kann Angkor Wat als eine Art Vorbote für umfassendere Entwicklungen der Zivilisation angesehen werden.

Es scheint gleichzeitig Transformationen erfahren zu haben, die auch die breitere angkorianische Gesellschaft neu organisierte. Bezeichnenderweise wurde Angkor Wat jedoch nie aufgegeben. Was aufgegeben werden kann, ist das müde Klischee, dass ausländische Forscher verlorene Städte im Dschungel „entdecken“.

Während es offensichtlich ist, dass die Stadt einen demografischen Wandel erlebte, waren bestimmte Schlüsselbereiche der umliegenden Kulturlandschaft zu keinem Zeitpunkt menschenleer. Die Menschen kehrten nach Angkor Wat und in die umliegenden Gebiete zurück, während historische Chroniken besagen, dass die Stadt angegriffen und verlassen wurde.

Angkors Niedergang als Zusammenbruch zu bezeichnen, ist nach Einschätzung von Alison Kyra Carter deshalb falsch. Laufende archäologische Studien belegen ihre Forschungsergebnisse wonach sich die Angkorianer über Jahrhunderte neu organisiert und an eine Vielzahl turbulenter, sich stetig ändernder Bedingungen angepasst haben.

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Von Daniel Killy/RND

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