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Wissen „Bitte bleib bei uns!“ Wie mein Baby dem plötzlichen Kindstod entkam
Nachrichten Wissen „Bitte bleib bei uns!“ Wie mein Baby dem plötzlichen Kindstod entkam
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11:18 26.09.2019
Plötzlicher Kindstod ist für viele frischgebackenen Eltern ein aufwühlendes Thema. Quelle: Luma Pimentel/Unsplash

„Schlaf gut, kleiner Mann“, flüsterte ich meinem Sohn zu, nachdem er gerade friedlich eingeschlafen war. Hätte ich gewusst, was ein paar Stunden später passieren sollte, hätte ich sicherlich andere Worte gewählt. Bedeutungsvollere, größere Worte. Aber es gab keine Anzeichen auf das, was an diesem Abend passieren würde.

Es war eine Bilderbuchschwangerschaft gewesen und eine recht einfache Geburt. Unser Sohn war kerngesund, ein kräftiger, großer Junge. An diesem Abend war er genau 14 Tage alt und lag friedlich schlummernd und frisch gestillt neben mir. Er lag auf dem Bauch, denn tatsächlich wachte der Kleine immer auf, sobald er auf dem Rücken lag.

„Manche Babys sind eben von Anfang an Bauchschläfer“, hatte die Hebamme zu mir gesagt. Auch mein Mann, ich und unsere größere Tochter schlafen ausschließlich auf dem Bauch - und wenn ich daran dachte, wie sehr mich das Auf-dem-Rücken-Schlafen in der Schwangerschaft gequält hat, konnte ich nachempfinden, warum mein Kleiner sich so schwer damit tat.

Die Hebamme gab mir den Tipp, das Baby zum Einschlafen auf den Bauch zu legen und wieder umzudrehen, wenn es fest schläft. Genauso machten wir es seit ein paar Tagen und es klappte wunderbar.

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“Die Beine hingen herunter, als wären sie aus Wachs.”

Normalerweise wartete ich, bis der Kleine eingeschlafen war, und ging dann ins Wohnzimmer, um noch ein bisschen zu lesen oder fernzusehen. Nur an diesem Abend hatte ich irgendwie das Bedürfnis, noch ein wenig bei ihm zu bleiben, seine Nähe zu genießen, ihm ab und zu übers Köpfchen zu streicheln. Ich bin mir sicher - hätte ich das an diesem Abend nicht gemacht, wäre er heute nicht mehr bei uns.

Ich blieb also bei ihm, bestaunte ihn, tippte ein bisschen am Handy herum, griff immer mal rüber, streichelte ihn am Kopf - und plötzlich fühlte sich etwas komisch an. Ich bemerkte, dass er kälter war als gewohnt. Nicht so, wie Babys beim Schlafen sind, sondern richtig kalt. Ich stupste ihn an, sprach ihn an, doch er reagierte nicht.

Die Panik stieg in mir auf. Ich rief laut nach meinen Mann. Ich öffnete den Schlafsack des Kleinen und konnte sehen, dass sich der Brustkorb nicht mehr bewegt. Ich nahm ihn hoch, seine Beine und Arme hingen rechts und links herunter, als wären sie aus Wachs. Ich schrie nach meinem Mann, er solle den Krankenwagen holen, weil der Kleine nicht mehr atmet.

Ich war wie im Tunnel, als mein Mann mir das Handy übergab. Am anderen Ende der Leitung stellte mir jemand Fragen, aber ich war nicht in der Lage, diese zu beantworten. Ich hörte, ich solle mein Baby vor mich legen - aber das wollte ich nicht. Ich wollte mein Baby weiterhin im Arm halten, umgriff seinen Brustkrob und rüttelte diesen immer wieder leicht hin und her.

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Nicht in der Lage, das Kind zu beatmen

Noch immer war mein Kind ohne jegliche Körperspannung. Ich hatte einen Erste-Hilfe-Kurs für Babys gemacht. Vier Jahre vorher, vor der Geburt der großen Schwester zum ersten Mal, in der zweiten Schwangerschaft zur Auffrischung noch einmal. Natürlich wusste ich in der Theorie genau, was zu tun war. Aber in diesem unbeschreiblichen Moment war ich so unter Schock, so in eine Starre verfallen, dass ich gar nicht auf die Idee gekommen bin, das Kind zu beatmen. Ich weiß, dass klingt total schlimm und ich mache mir deshalb auch schreckliche Vorwürfe. Aber mein Kopf war in diesem Moment einfach leer, ich konnte nicht klar denken. Und so rüttelte ich weiterhin an dem Brustkorb.

Plötzlich bemerkte ich, dass der Kleine einen winzigen Atemzug nahm. Kein tiefes Nach-Luft-schnappen, nur ein winziger Atmemzug und dann wieder nichts. Diese kleine Regung gab mir Hoffnung und tatsächlich kam ein zweiter Atemzug und dann noch einer. In seinem Körper machte sich wieder so etwas wie Spannung breit, die Atempausen wurden immer kürzer, bis er wieder normal atmete und die Augen öffnete.

Ich fing an zu weinen. Ich weinte und weinte, hielt mein Baby auf dem Arm und ließ es nicht los. Als der Krankenwagen und der Notarzt endlich da waren, war der Kleine zwar sehr müde, aber ansonsten erinnerte nichts mehr an das, was er und wir gerade durchlebt hatten.

Wir fuhren ins Krankenhaus und unser Sohn wurde durchgecheckt. Atmung, Sauerstoffsättigung, Herzfrequenz, alle Werte waren total normal. Tagelang machten sie in der Klinik alle möglichen Tests - sie blieben alle ohne Befund. Er war nach wie vor ein normales gesundes Baby.

Nur, dass in meiner Welt nichts mehr normal war.

Schließlich stellten die Ärzte die Diagnose: ALTE (Apparently Life-Threatening Event), ein durch rechtzeitiges Eingreifen verhinderter Plötzlicher Kindstod.

Überwachungsmonitor für Zuhause

Wir machten einen erneuten Erste-Hilfe-Kurs und bekamen für Zuhause einen Überwachungsmonitor mit. Ich merkte, dass für mich nichts mehr so war wie vorher. Alle Glücksgefühle über das Baby waren weg, ich spürte nur noch Angst. Während ich bei meinem ersten Kind oft dachte, die Zeit solle still stehen, hatte ich jetzt nur einen Wunsch: Der Kleine sollte so schnell wie möglich das erste Lebensjahr hinter sich bringen, damit die Gefahr des Plötzlichen Kindstodes schnell sinkt.

Sobald mein Kind nun eingeschlafen war, wurde sofort immer der Monitor eingeschaltet. Da ein so kleiner Zwerg quasi ständig schläft, war es für uns einfacher, den Monitor in der Anfangszeit permanent anzuhaben. Das Gerät hat uns überallhin begleitet, im Auto, beim Spazieren gehen, beim Kuscheln, immer war mein Kind verkabelt.

Natürlich fällt so ein verkabeltes Baby auf - ich musste die Geschichte also immer und immer wieder erzählen. Das machte es für mich nicht leichter, sondern eher schwerer. Denn es warf mich immer und immer wieder zurück in das Geschehene. Manchmal versuchte ich einen flapsigen Spruch zu machen und sagte: „W-Lan-Babys gab es gerade keine, da haben wir eins mit Kabel genommen.“

Das Ganze ist nun über ein Jahr her, den Monitor benutzen wir nur noch nachts, in ein paar Tagen müssen wir ihn abgeben und mir graut es davor. Es gab in der gesamten Zeit keinen weiteren Zwischenfall. Mittagsschlaf macht der Kleine inzwischen in der Krippe, ohne Monitor und ohne dass ich ab und zu nach ihm schauen kann. Ich muss zugeben, dass ich jeden Tag um die Mittagszeit nervös werde und mir schon oft ausgemalt habe, in die Krippe zu kommen und von den Erzieherinnen zu hören „Tut uns leid, er ist nicht mehr aufgewacht“.

“Seit dieser Nacht habe ich das Vertrauen ins Leben schlicht verloren.”

Und noch immer träume ich nachts von diesem Moment, als ich diesen kleinen leblosen Menschen auf meinen Händen hatte und seine Arme und Beine wie aus Wachs an ihm herunter hingen - dann wache ich panisch auf.

Noch immer denke ich jeden Abend beim ins Bett bringen daran, dass die Worte, die ich jetzt sage, die letzten sein könnten, die er jemals hört. Jeden Abend erzähle ich ihm, was wir am nächsten Tag vorhaben, damit es nicht wie ein Abschied klingt. Jeden Abend flüstere ich ihm zu, wenn er eingeschlafen ist und ich das Zimmer verlasse „Bitte bleib bei uns!“.

Wir hatten uns eigentlich immer drei Kinder gewünscht, aber nach diesem Vorfall war unsere Familienplanung mit einem Schlag beendet. Ich kann einfach keinem Baby mehr beim Schlafen zusehen. Ich verfalle in Panik, wenn ich ein schlafendes Baby ohne Monitor irgendwo sehe und ich würde das bei einem weiteren eigenen Kind nicht aushalten.

Diese Selbstverständlichkeit, dass die Kinder am nächsten Tag wieder aufwachen werden, die ist weg. Seit dieser Nacht habe ich das Vertrauen ins Leben schlicht verloren. Auch wenn bei uns nochmal alles gut gegangen ist.

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Von aufgeschrieben von Katharina Nachtsheim/RND

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