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Wissen Das Selbstwertgefühl von Kindern stärken
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11:00 18.02.2019
Groß, stark und unbesiegbar: Je liebevoller das Zuhause ist, desto selbstbewusster werden Kinder. Quelle: Getty Images
Leipzig

Damit Kinder ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln, das auch im Erwachsenenalter erhalten bleibt, können Eltern mit einfachen Tricks und Kniffen den Grundstein dafür legen. Ulrich Orth ist Professor für Entwicklungspsychologie. Seine Analysen haben die Diskussionen zu Selbstwertgefühl stark geprägt. Was Eltern tun können, damit ihre Kinder gestärkt durch das Leben gehen, verrät er im Interview.

Jedes Jahr kommen Dutzende Egoratgeber auf den Markt, die uns versprechen, durch Eigenliebe endlich unser Leben auf die Kette zu bekommen. Sie beschäftigen sich wie kein anderer mit unserem Selbstbewusstsein: Ist das wirklich der Schlüssel zum Erfolg?

Zunächst: Wir sprechen in der Forschung eigentlich nicht von Selbstbewusstsein, sondern von Selbstwertgefühl. Ein positives Selbstwertgefühl hat, wer sich selbst akzeptiert – mit all seinen Stärken und Schwächen.

Na gut, sagen wir also Selbstwertgefühl. Aber welchen Einfluss hat das nun?

Zu dieser Frage gibt es eine bereits seit Jahrzehnten andauernde Debatte. Lange ging die Forschung davon aus, das Selbstwertgefühl habe keinerlei Konsequenzen für das eigene Leben. Mittlerweile gibt es jedoch eine Reihe von repräsentativen Längsschnittstudien, die darauf hindeuten, dass das nicht stimmt. Konkret: Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass ein höheres Selbstwertgefühl vor Depressionen schützt und dass es zu Erfolg in Beruf und Partnerschaft beiträgt. Denn ein höheres Selbstwertgefühl wirkt sich auch auf unser Verhalten aus: Wer sich selbst gegenüber positiv eingestellt ist, geht konstruktiver mit Konflikten in Beziehungen um und zieht sich in Problemsituationen nicht so schnell zurück. Allerdings ist das Selbstwertgefühl nur ein Einflussfaktor unter vielen psychologischen Faktoren.

Welche gibt es da noch?

Selbstkontrolle, Intelligenz oder Temperament beispielsweise spielen in Beruf und Partnerschaft ebenfalls eine Rolle – jedoch keiner dieser Faktoren eine dominierende.

Bevor wir nun weiter über das Selbstwertgefühl sprechen, wäre es vielleicht hilfreich zu klären, wie es entsteht.

Das ist noch längst nicht geklärt. Die prominenteste Erklärung stammt aus der Bindungstheorie. Sie besagt, dass eine zuverlässige und liebevolle Erziehung für Kinder viele positive psychologische Effekte hat – auch für die Entwicklung des Selbstwertgefühls. Wir haben dazu kürzlich eine Studie durchgeführt, mit einem Datensatz, der uns die Möglichkeit gegeben hat, viele verschiedene Einflüsse gleichzeitig zu prüfen. Und zwar anhand von knapp 9000 Personen aus den USA, für die in den ersten sechs Lebensjahren Angaben zu ihrer Erziehung und familiären Umwelt gesammelt wurden und die später zwischen dem achten und 27. Lebensjahr immer wieder selbst befragt wurden. Unsere Ergebnisse haben die These der Bindungstheorie bekräftigt: Kinder, die warmherzige, zuverlässige und engagierte Bezugspersonen hatten, entwickelten ein höheres Selbstwertgefühl als diejenigen, die das nicht erfahren haben.

Welchen Einfluss hatte das Einkommen? Wer mehr Geld zur Verfügung hat, hat mehr Mittel, sie in die Erziehung ihrer Kinder einzubringen.

Letztlich ist die liebevolle und fördernde Erziehung das ausschlaggebende. Armut ist zwar ein negativer Faktor, der Effekt kommt aber vermutlich zustande, weil Armut das Erziehungsverhalten der Eltern beeinträchtigt.

Und was ist mit Bildung? Kinder von Eltern mit höherer Bildung erzielen meist deutlich bessere Leistungen als Kinder aus bildungsfernen Familien und sammeln damit schon im Kindergarten mehr Erfolgserfahrungen.

Da gilt dasselbe. Es gibt einen Zusammenhang zwischen Bildung der Eltern und Selbstwertgefühl von Kindern, jedoch ist der Effekt vermutlich auf die Wirkung von Bildung auf die Erziehungsqualität zurückzuführen.

Eltern also prägen unser Selbstwertgefühl. Was aber passiert danach? Wie verändert sich das Selbstwertgefühl anschließend – durch Erfolge und Misserfolge beispielsweise?

Der Einfluss der Kindheit schwächt sich mit der Zeit zwar ein wenig ab, aber er gibt das Level vor, von dem aus sich das Selbstwertgefühl weiterentwickelt. Die ersten Jahre im Leben eines Kindes sind für die Selbstwahrnehmung im späteren Leben wichtig und wirken möglicherweise bis ins hohe Erwachsenenalter nach.

Mit einer Ausnahme, nehme ich an? Die Pubertät. Zumindest bei mir fuhr mein Selbstwertgefühl damals Achterbahn.

Tatsächlich stagniert das Selbstwertgefühl im Durchschnitt zwischen dem elften und 15. Lebensjahr – es sinkt jedoch nicht, anders als oftmals angenommen. Das ist eines der zentralen Ergebnisse eines Forschungsprojekts vom letzten Jahr, bei dem wir 331 Studien zum Thema ausgewertet haben. Generell jedoch nimmt das Selbstwertgefühl bis zum Alter von etwa 60 bis 70 Jahren zu. Anschließend sinkt es zunächst nur wenig und erst im ganz hohen Alter – ab 90 Jahren etwa – verringert es sich stärker. Dann aber wohl aus gesundheitlichen Gründen.

Wie kommt es zu diesem kontinuierlichen Anstieg des Selbstwertgefühls?

Die meisten Menschen schaffen es mit der Zeit, Rollen und Kontexte zu finden, die zu ihnen passen. Sie finden eine Partnerschaft, einen passenden Beruf und befriedigende Hobbies. Dieser Prozess beginnt sehr ausgeprägt in der Pubertät, in der man etliche Rollen ausprobiert, zieht sich dann aber auch durchs Erwachsenenalter, in dem man immer mehr Nischen für sich entdeckt, bei denen man sagt: Das passt zu mir. Man sammelt so immer mehr bestätigende Erfahrungen.

Wenn unser Selbstwertgefühl im Mittel einem festen Auf und Ab folgt – wie groß kann der Einfluss von Erfolgen und Misserfolgen denn dann noch sein?

Anhand der vorliegenden Studien ist beispielsweise zu vermuten, dass der Einfluss von Berufserfolg aufs Selbstwertgefühl begrenzt ist. Allerdings sollte man nicht den Fehler machen, den Durchschnitt auf Einzelpersonen zu übertragen. Es gibt durchaus Ereignisse, die das Selbstwertgefühl beeinflussen.

Welche zum Beispiel?

Die Forschung zeigt zum Beispiel, dass eine gelingende und langanhaltende Partnerschaft das Selbstwertgefühl positiv beeinflusst. Anders verhält es sich bei einer Trennung. Nach einer solchen geht das Selbstwertgefühl zwar erstmal zurück, erfreulicherweise pendelt es sich jedoch anschließend wieder auf dem vorherigen Niveau ein. Bei Langzeitarbeitslosigkeit und schweren Krankheiten sind jedoch langfristige negative Folgen fürs Selbstwertgefühl zu vermuten. Dazu gibt es momentan allerdings noch nicht genügend Forschung. Das wird sich in Zukunft zeigen.

Ulrich Orth ist Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern Quelle: Oliver Oettli

Zur Person: Professor Orth

Es gibt Anzeichen dafür, dass ein höheres Selbstwertgefühl zu Erfolg in Beruf und Partnerschaft beiträgt“, sagt Ulrich Orth. Er ist außerordentlicher Professor für Entwicklungspsychologie an der Universität Bern. Seine Analysen haben die Diskussion zu Selbstwertgefühl und Persönlichkeitsentwicklung erheblich geprägt. Für seine Forschung erhielt Orth unter anderem den William-Stern-Preis für Persönlichkeitspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie sowie den SAGE Award der amerikanischen Gesellschaft für Persönlichkeit und Sozialpsychologie.

Von RND/Julius Heinrich

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