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Wissen Eine Grundschullehrerin kritisiert: Mit Quereinsteigern kriegen wir den Lehrermangel nicht in den Griff!
Nachrichten Wissen Eine Grundschullehrerin kritisiert: Mit Quereinsteigern kriegen wir den Lehrermangel nicht in den Griff!
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08:00 29.09.2019
Wenn Kinder gern und ohne Angst zur Schule gehen, dann haben Lehrer schon viel erreicht. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Überall herrscht Lehrermangel - können Sie verstehen, warum für viele Studenten der Lehrerberuf unattraktiv ist?

Ja, überall herrscht Lehrermangel. Das liegt aber nicht am mangelnden Interesse an dem Studienfach. Die Bewerbungen für die Lehramtsfächer übersteigen an den Unis bei weitem die Kapazitäten. Die Politik hat verpennt, rechtzeitig genug Leute auszubilden und den Unis die Kapazitäten dafür freizuräumen.

Sind Quereinsteiger die Lösung für den Lehrermangel?

Nein, die Quereinsteiger können nicht die Lösung sein – schon allein, weil uns ausgebildeten Lehrern die Zeit fehlt, diese Kollegen so engmaschig anzuleiten, dass da qualitativ vernünftiger Unterricht bei heraus kommt. Aber in der jetzigen Situation – die einfach aus jahrelangen Versäumnissen entstanden ist – sehe ich auch keine andere Möglichkeit. So werden die Kinder zumindest betreut.

Quereinsteiger können nicht die Lösung sein – schon allein, weil uns ausgebildeten Lehrern die Zeit fehlt, diese Kollegen so engmaschig anzuleiten, dass da qualitativ vernünftiger Unterricht bei heraus kommt.

Warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

Ich bin selbst immer gern zur Schule gegangen und hatte – wie wahrscheinlich die meisten – eine Mischung aus richtig tollen, mittelmäßigen und richtig furchtbaren Lehrern. Irgendwann kristallisierte sich dann bei mir der Wunsch heraus, dass ich meine Begeisterung für Schule und fürs Lernen gern weitergeben möchte. Deswegen habe ich nach dem Abi Grundschulpädagogik und Germanistik studiert. 2011 habe ich mein Studium abgeschlossen, 2012 mein Referendariat. Ich habe dann bis zu meiner Elternzeit 2014 an einer Gemeinschaftsschule in Berlin-Neukölln unterrichtet und bin seit 2015 an einer Grundschule in Berlin-Wilmersdorf. Dort leite ich eine jahrgangsübergreifende 1. und 2. Klasse.

Mehr lesen: Immer auf die Kleinen - Werden jüngere Schulkinder leichter depressiv?

Was sind für Sie die schönsten Momente in deinem Beruf?

Die schönsten Momente sind die, wenn ich merke, dass ich mit meiner Art und Einstellung in meiner Klasse erfolgreich bin. Dass die Kinder mit Freude zur Schule kommen, motiviert und angstfrei lernen, sich wohlfühlen und eine Klassengemeinschaft entsteht, in der jeder akzeptiert und von der Gemeinschaft getragen wird.

Und gab es auch schon mal ein Kind, das Sie an Ihre Grenzen gebracht hat?

Nein, an meine persönlichen Grenzen hat mich noch kein Kind gebracht. Leider gibt es aber in jedem Jahr Kinder, die die Grenzen des Systems sehr deutlich zu spüren bekommen. Die beispielsweise nicht am eigentlich kostenlosen Mittagessen teilnehmen können, weil die Eltern das nicht unterschreiben (weil sie oft selbst nicht schreiben können). Die nicht an Ausflügen teilnehmen können, weil ihre Eltern es nicht schaffen, die kostenlose Fahrkarte zu beantragen. Für die sich das Jugendamt bei Verwahrlosung oder Gewalt in der Familie nicht interessiert, weil das in den Herkunftskulturen halt so üblich ist. Zu wissen, diesen Kindern bei aller persönlicher Mühe, nur begrenzt helfen zu können, ist manchmal schwer zu ertragen.

Leider gibt es in jedem Jahr Kinder, die die Grenzen des Systems sehr deutlich zu spüren bekommen.

Immer wieder wird beschrieben, dass die Eltern sich heute sehr in den Schulalltag einmischen und die Lehrer mit ihrem Ansprüchen nerven. Können Sie das bestätigen und in wieweit haben sich die Eltern in den letzten Jahren verändert?

Ich würde sagen, wie insgesamt in der Gesellschaft, geht auch beim Thema Elterneinmischung die Schere immer weiter auf und die Extreme nehmen zu. Zwischen kompletter Kontrolle (jede Woche bei der Schulleitung auf der Matte stehen und den Unterricht mit Smartwatches überwachen) und komplettem Desinteresse ist alles dabei. Leider nimmt auch eine Egoisten-Mentalität zu. „Für mein eigenes Kind tue ich alles. Aber wehe, es könnte noch ein anderes Kind davon profitieren, dann lasse ich es sein.“ Es wird immer schwerer, Eltern zur Mithilfe bei Festlichkeiten oder Aktivitäten zu finden.

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Es wird immer schwerer, Eltern zur Mithilfe bei Festlichkeiten oder Aktivitäten zu finden.

Welche Mitarbeit erwarten Sie von den Eltern zu Hause?

Ich gebe grundsätzlich keine Hausaufgaben auf. Aber ich erwarte von den Eltern, dass sie einmal am Tag in die Postmappe und ins Mitteilungsheft gucken und auf die Post auch zeitnah reagieren. Es ist so nervig, diesen Dingen immer hinterherlaufen zu müssen. Eine Teilnahme an Elternabenden wäre wünschenswert. Das sind so die Mindestanforderungen von meiner Seite – die leider aber auch nicht von allen erfüllt werden.

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Gibt es ein Vorurteil über Lehrer, der Sie total nervt?

Lehrer haben vormittags Recht und nachmittags frei. Und außerdem 12 Wochen Urlaub im Jahr. Nichts nervt mich so sehr wie das. Ich arbeite 75 Prozent, habe also in Berlin eine Unterrichtsverpflichtung von 21 Stunden in der Woche. Um mir meine Ferien „freizuarbeiten“, also rein rechnerisch auf einen Urlaubsanspruch von 30 Tagen im Jahr zu kommen, müsste ich jede Woche 34 Zeitstunden arbeiten. Wenn ich das einhalten kann, war es eine gute entspannte Woche. In der Regel bin ich bei 40 Zeitstunden in der Woche, in Zeugnisphasen und am Schuljahresanfang noch mehr. Und trotzdem arbeite ich auch in den Ferien. Und das sind Zeiten, die bei mir im Kollegium nicht ungewöhnlich sind.

Ich wünsche mir mehr staatliche Unterstützung in Fällen, bei denen das Elternhaus wirklich Null Unterstützung leistet.

Wenn Sie sofort etwas an Ihrem Beruf und an der Schule an sich ändern könnten - was wäre das?

Ich wünsche mir mehr staatliche Unterstützung in Fällen, bei denen das Elternhaus wirklich Null Unterstützung leistet. Mehr Zeit für Kinder, die ohne Deutschkenntnisse in die Klassen kommen. Weniger bürokratische Hürden und Aufgaben.

Was möchten Sie allen Eltern sagen, deren Kinder jetzt kürzlich eingeschult worden sind?

Für Ihre Kinder – und auch die Lehrer – ist die erste Zeit aufregend und spannend. Begleiten Sie Ihre Kinder, lassen Sie Ihnen Zeit bei der Umgewöhnung. Sie sind und werden auch keine Lernmaschinen, nur weil sie jetzt Schulkinder sind. Und lassen Sie auch den Lehrern Zeit bei der Einstellung auf eine neue Klasse. Haben Sie Geduld und bringen Sie etwaige Kritik respektvoll vor. Auch wir sind und werden keine Unterrichtsmaschinen. Aber wir geben für Ihre Kinder unser bestes. Jeden Tag!

Ihren Nachnamen wollte Nina aus persönlichen Gründen nicht öffentlich machen.

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