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Wissen Nashorn-Nachwuchs ohne Sex – ein Modell der Zukunft?
Nachrichten Wissen Nashorn-Nachwuchs ohne Sex – ein Modell der Zukunft?
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18:01 25.06.2019
Das männliche Nördliche Breitmaulnashorn Sudan steht im Wildtierreservat Ol Pejeta. Mit seinem Tod starb seine Unterart faktisch aus. Doch die Wissenschaft könnte sie noch retten – denn noch gibt es zwei Weibchen und etwas eingefrorene Spermien. Quelle: AP
Berlin

Am Fuß des Mount Kenia, dem zweithöchsten Bergmassiv in Afrika, erzählen die Dinge traurige Geschichten über eines der größten und ältesten Säugetiere der Erde. Mitten in der Savanne unter dem Schatten einer ausladenden Akazie entstand vor zehn Jahren ein außergewöhnlicher Friedhof – ein Friedhof für Nashörner. Wildhüter des Reservats Ol Pejeta hatten die Gedenkstätte errichtet, um auf das Schicksal eines der am meisten bedrohten Tiere der Welt aufmerksam zu machen. 20 Gräber sind es inzwischen. An den Steinhaufen stehen die Namen der Tiere.

Im März 2018 kam Sudan hinzu. Sein Tod bewegte die Welt: Das Nördliche Breitmaulnashorn war der letzte männliche Vertreter seiner Art. Der scharf bewachte Bulle, von seinen Bewachern liebevoll „Last Man Standing“ genannt, starb an Altersschwäche, bevor er Nachkommen zeugen konnte. Nun sind nur noch zwei Kühe von der Unterart übrig, beide sind unfruchtbar. Das Nördliche Weiße Nashorn ist damit faktisch ausgestorben.

„Nur die knallharte Reproduktion kann dieser Art helfen“

Doch die Wissenschaft hat andere Pläne. Gut 6000 Kilometer Luftlinie von Kenia entfernt, setzt ein internationales Forscherteam um das Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) derzeit alles daran, die Unterart noch zu retten. Mit Hilfe modernster Reproduktions- und Stammzelltechnologie soll der Fortbestand dieser Schlüsselart gesichert werden. „Nur die knallharte Reproduktion kann dieser Art noch helfen“, sagt der Berliner Forscher und Tierarzt Thomas Hildebrandt.

Die beiden Methoden sollen eine Vorlage für die „Rettung“ weiterer hochgefährdeter Tierarten liefern. Dafür soll langfristig in Berlin ein Labor entstehen. Das Bundesforschungsministerium fördert das Projekt nach eigenen Angaben mit vier Millionen Euro.

Für die Austragung werden Nashorn-Leihmütter benötigt

Hildebrandt und sein Team wollen so bald wie möglich nach Kenia reisen, um den beiden letzten Kühen des Nördlichen Breitmaulnashorns Eizellen zu entnehmen. Mit den tiefgefrorenen Spermien längst verstorbener Bullen der Unterart sollen diese dann im Labor befruchtet werden. Allerdings sei die Qualität schlecht, sagt Hildebrandt, deshalb müssten die Spermien jeweils direkt in die Eizelle gespritzt werden.

Dafür arbeiten die Forscher mit einem italienischen Unternehmen zusammen, das das Verfahren auch bei Pferden und Rindern nutzt. Die sogenannte Intrazytoplasmatische Spermieninjektion (ICSI) ist auch beim Menschen gängige Methode zur künstlichen Befruchtung. Allerdings sind die beiden in Kenia verbliebenden Nashorn-Küche Najin und Fatu altersbedingt nicht mehr in der Lage, Kälber auszutragen. Deshalb werden Leihmütter benötigt. Dafür eignen sich besonders Südliche Breitmaulnashörner, sie gehören zur gleichen Gattung, und von ihnen gibt es noch 20 000 Tiere.

IZW-Forscher um Thomas Hildebrandt (ganz rechts) entnehmen einem Südlichen Breitmaulnashorn im Zoo in Polen Eizellen. Quelle: Jan Stejska/IZW/dpa

„Durchbruch“ schon 2018

Schon 2018 hatten die Pioniere aus Berlin einen „Durchbruch“ in der Nashornreproduktion verkündet. Ihnen war es mit der ICSI-Methode gelungen, mehrere Nashorn-Embryos im Labor zu züchten. Diese werden derzeit im flüssigen Stickstoff dauerhaft konserviert. Allerdings handelt es sich bei den Keimlingen noch um Hybride aus dem Südlichen und dem Nördlichen Breitmaulnashorn.

Derzeit testen die Wissenschaftler den Transfer eines Embryos in ein Südliches Breitmaulnashorn. „Wir wollen zeigen, dass es funktioniert“, sagt Hildebrandt. Parallel zur künstlichen Befruchtung arbeiten Forscher des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin an Stammzelltechnik, um aus erhaltenen Nashorn-Körperzellen Spermien und Eizellen zu züchten. Denn nur so könnte man eine genetische Vielfalt herstellen, die für den Aufbau einer Population groß genug wäre. Zunächst wollen sie „so schnell wie möglich“ viele Nashorn-Babys gewinnen. Aus ihren Hautzellen sollen dann mittels Stammzelltechnik weitere Spermien und Eizellen in der Petrischale gezüchtet werden.

Die Vision: In zehn Jahren könnten vielleicht schon wieder 30 Nördliche Breitmaulnashörner auf der Erde sein, und in 25 Jahren könnten vielleicht schon wieder ein paar Hundert Tiere in freier Wildbahn leben. Nashörner, die keine Klone mehr sind, sondern sich wieder auf natürliche Weise vermehren.

Ein Tierpfleger steht im Wildtierreservat Ol Pejeta neben einem der beiden letzten verbliebenen weiblichen Nördlichen Breitmaulnashörner. Quelle: Gioia Forster/dpa

Habgier ist Hauptgrund für Nashornsterben

Doch vor allem der Mensch ist der Feind des natürlichen Vorkommens der Wildtiere. Habgier ist Hauptgrund für das Nashornsterben. In Afrika herrscht seit Jahren eine „Wilderei-Krise von biblischem Ausmaß“, wie der Deutsche Bundestag schon 2016 feststellte. Auch die meisten der in Kenia beerdigten Nashörner sind grausam getötet und verstümmelt worden, damit die Wilderer an ihre Hörner kommen. Die gelten in Asien als Wundermedizin und erzielen auf dem Schwarzmarkt erhebliche Preise.

So werden die Dickhäuter in Afrika im Akkord getötet – alle sieben Stunden eines, 1200 im Jahr, so die Schätzungen des Umweltverbandes WWF. Bei Elefanten sind die Zahlen noch drastischer, da werden pro Jahr 20 000 Exemplare hingerichtet. Aber von ihnen gibt es auch noch mehr.

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Mittlerweile gibt es nur noch fünf Nashornarten weltweit. Drei von ihnen sind extrem gefährdet. Vom Java- und Sumatra-Nashorn soll es nur noch 30 bis 50 Exemplare geben. Auch um das Schwarze Nashorn steht es schlecht. Passiert nicht ein Wunder, verschwinden auch diese Arten bald von der Bildfläche – so wie das Nördliche Breitmaulnashorn. Die beiden Methoden der künstlichen Reproduktion sowie der Stammzellforschung sollen auch eine Vorlage liefern für die „Rettung“ weiterer hochgefährdeter Tierarten.

Der Mensch will wiederbeleben, was er zerstört hat

Doch ist das die Lösung? Die künstliche Reproduktion von Tieren, die die Menschheit auf dem Gewissen hat? Auch die Wissenschaft ist zutiefst zerstritten: Ist das noch Artenschutz? Oder greifen wir zu stark in die Natur ein?

Das brutale Werk von Wilderern: Zwei hingerichtete Nashörner im Waterberg District in Südafrika, 350 Kilometer nordwestlich von Johannesburg entfernt. Quelle: EPA/RIAAN KOTZE / INKWE VALLEY GAME LODGE

Hildebrandt und sein Team müssen sich diesen Fragen öfter stellen. „Das ist unser Manko“, sagt er. „Aber wir sehen uns nicht als die Problemlöser für schlechte politische Entscheidungen. Wir sind die letzten, die Profitgier oder korrupte Systeme fördern wollen, die dazu geführt haben, schlampig mit unseren Ressourcen umzugehen.“ Infrage für die Reproduktionsmedizin kämen ohnehin nur extreme Fälle der Artenrettung und sie dürfte nur die letzte Stufe sein. Ohnehin seien die Verfahren viel zu aufwendig und kostspielig, um massenhaft Tiere zu produzieren, meint IZW-Projektleiter Hildebrandt.

Genehmigung fehlt: „Wettlauf mit der Zeit“

Und es gibt noch ein drängendes Problem: Für die Pionierarbeit in Kenia fehlt es noch an der entsprechenden Genehmigung aus Afrika, um den Kühen in Kenia die nötigen Eizellen zu entnehmen und auszuführen. Hildebrandt spricht von „gewaltigen bürokratischen Hürden“, die die ehrgeizigen Pläne bereits um ein Jahr verzögert haben.

Offenbar weiß Kenia nicht, wie es mit der Genehmigung umgehen soll. Für lebendige und tote Tiere gibt es für die Ausfuhr verbindliche Regeln – aber eben nicht für Eizellen. Die Verzögerung sei zum Verzweifeln, sagt Hildebrandt mit Blick auf das fortgeschrittene Alter der beiden verbliebenden Nashornkühe Najin und Fatu. „Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit.“

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Von Sonja Fröhlich/RND

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