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Wissen Helikoptereltern: Die Überbehütung von Kindern?
Nachrichten Wissen Helikoptereltern: Die Überbehütung von Kindern?
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13:39 01.03.2019
„Helikoptereltern“ haben einen schlechten Ruf. Doch ist ihr Verhalten wirklich immer falsch? Quelle: Xavier Mounton/unsplash
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Hamburg

Jan Abele war stellvertretender Chefredakteur der „Neon“ und des Elternmagazins „Nido“, bevor er begann, als freier Journalist in Hamburg zu arbeiten. Abele ist 45 Jahre alt, verheiratet und Vater eines sechsjährigen Sohnes. Er schreibt besonders häufig zu Themen rund um Familie und nachhaltiges Leben. Im Interview klärt er über „Helikoptereltern“, über die viel gespottet wird, auf. Nach Abele haben sie auch gute Seiten.

Jan Abele war Vizechef der „Neon“ und „Nido“. Quelle: Timo Jaeger

Herr Abele, wenn man den Begriff Helikoptereltern googelt, bekommt man schnell den Eindruck, dass es sich hier um eine sehr besondere Spezies handelt. Über kaum eine Gruppe wird so viel Hohn und Spott ausgebreitet. Wie erklären Sie sich das?

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Es ist zunächst einmal ein Begriff, den man inhaltlich gar nicht so genau fassen kann. Wann fängt das Überbehüten von Kindern an? Man weiß es nicht. Aber der Begriff eignet sich wunderbar dafür, Eltern in eine Schublade zu stecken: Helikoptereltern machen nämlich alles falsch. Und sie sind immer die anderen. Es ist heute Mainstream, sich von Helikoptereltern abzugrenzen. Das zeigt aber auch, wie viel Angst Eltern heute haben, selbst in der Erziehung Fehler zu machen. Da herrscht gerade durch diese Debatte eine große Verunsicherung.

Sie haben mit „Ich glaub, ich bin jetzt warm genug angezogen“ ein Buch über die positiven Seiten des Helikopterns geschrieben. Warum?

Ich glaube, dass die Angst, das eigene Kind zu verhätscheln, nicht berechtigt ist. Es ist statistisch belegt, dass Eltern heute viel mehr Freizeit mit ihren Kindern verbringen als früher. Was ist daran schlecht, wenn ich mit meinem Sohn am Sonntagmorgen im Bett sitze und Zeit mit ihm verbringe? Wenn ich stundenlang mit ihm Lego spiele? Natürlich kann man Eltern komisch finden, die ihr Kind auf der Klassenfahrt begleiten, um mal ein typisches Helikopterklischee zu nennen. Ich kann das aber gar nicht beurteilen, solange ich den Hintergrund nicht kenne. Meine Frau und ich haben uns nach der Geburt unseres Sohnes ziemlich lange im Familienzimmer der Klinik eingemietet. Im achten Schwangerschaftsmonat gab es eine schlimme Komplikation. Wir waren einfach froh, noch ein bisschen in der Klinik bleiben zu können.

Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, das Buch zu schreiben?

Ich war mit meinem Sohn auf dem Spielplatz, er turnte auf einem Klettergerüst herum. Mein Bauchgefühl sagte mir: Ich muss da jetzt hin. Er wird herunterfallen. Aber ich habe es nicht gemacht. Mir ging im Kopf herum, dass man sein Kind nicht von morgens bis abends im Arm halten kann. Was würden die anderen Eltern denken, wenn ich jetzt dort hinrenne? Der Helikoptervater ... Natürlich ist mein Sohn runtergeknallt. Ich habe ihm sogar vorgeworfen, dass er mich hätte rufen sollen. Ich verhielt mich nicht mehr authentisch. Da dachte ich: Das muss aufgeschrieben werden.

Eine Ihrer Thesen ist: Es hat auch etwas für sich, dass Eltern heute so viel Angst um ihre Kinder haben. Warum?

Es ist ja so, dass nicht nur Eltern heutzutage unter mehr Ängsten leiden. Wir leben in einer angstgetriebenen Gesellschaft. Das hat mit den Informationsmöglichkeiten zu tun. Nehmen wir nur den Kindersitz. Als ich Kind war, gab es noch nicht mal eine Kindersitzpflicht. Heute kann ich aus 50 Modellen auswählen. Daraus erwächst natürlich ein anderes Bewusstsein. Eltern werden für eine Urangst, nämlich ihr Kind zu verlieren, sensibilisiert.

Was ist gut daran?

Es gibt sicherlich Situationen, in denen ich meine Angst unterdrücken muss, im Straßenverkehr beispielsweise. Der Verkehr ist übrigens ein Bereich, in dem Kindern heute mehr Gefahren drohen als früher, weil er enorm gewachsen ist – zumal wenn Familien wie wir auch noch mitten in der Stadt wohnen. Als ich Kind war, hatte ich auf der Kuhwiese höchstens Angst vor Brennnesseln. Auf dem Spielplatz meines Sohnes warnt ein Schild vor Drogenspritzen und Scherben. Das macht einen aufmerksamer. Aber wenn ich meine Angst nicht immer unterdrücke, zeige ich auch, dass ich kein unfehlbarer Vater bin. Ich bin nicht die autoritäre Vaterfigur von früher. Das ist gut. Wenn Eltern das Bedürfnis nach Nähe zu ihren Kindern haben, ist das völlig okay. Es bedeutet nicht, dass ihr Kind mit 35 Jahren noch zu Hause lebt.

Aber Sie können auch der Mutter etwas abgewinnen, die im Kindergarten versucht, Kuchenspenden ohne Zucker oder im Ausnahmefall gerade noch mit Biorohrzucker durchzusetzen.

Ich möchte es mal mit dem Rauchen vergleichen. Früher haben Erwachsene ganz selbstverständlich überall geraucht, auch im Beisein von Kindern. Heute ist es gesellschaftlich akzeptiert, dass Rauchen ungesund und bei vielen Gelegenheiten verboten ist. Die Mutter, die von anderen Eltern zuckerloses Backen fordert, klingt zunächst sehr extrem. Aber möglicherweise ist sie eine Visionärin der Zukunft. Möglicherweise weist sie auf eine Gefahr hin, die wir in ein paar Jahren ganz selbstverständlich alle meiden.

Sie schreiben, dass die Kritik an überbehüteten Kindern auch etwas typisch Deutsches ist. Inwiefern?

Meine Frau hat griechische Wurzeln, und immer wenn wir in Griechenland sind, erlebe ich, wie normal das ‚Verhätscheln‘ von Kindern dort ist. Dass wir in Deutschland solche Angst davor haben, hat auch mit unserer Geschichte zu tun. Schweigen,Verdrängen, sich selbst mit Härte zu begegnen waren gängige Mittel, um nach dem Krieg zurück in den Alltag zu finden; Überlebensmittel sozusagen. Die Beziehungen von Eltern zu ihren Kindern waren damals oft von Kälte geprägt. Wir machen uns heute frei davon, indem wir mehr Nähe zu unseren Kindern zulassen. Das Ergebnis: Heranwachsende haben heute oft ein sehr partnerschaftliches Verhältnis zu ihren Eltern. Das ist doch ein Zeichen dafür, dass wir Eltern heute viel richtig machen.

Autor Jan Abele legt mit seinem Debüt ein wichtiges Buch zum Thema „Helikoptereltern“ vor (Eden-Books, 14,95 Euro). Quelle: Verlag

Von RND / Jutta Rinas