Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Wissen Tornados in Deutschland: Wie groß ist die Gefahr?
Nachrichten Wissen Tornados in Deutschland: Wie groß ist die Gefahr?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:19 06.06.2019
Sieht aus wie ein Tornado, ist aber nur ein Gewittersturm: Ein Fotograf der örtlichen Zeitung in Wichita, Kansas (USA) hielt 2018 dieses spektakuläre Bild aus einer Tornadoregion fest. Zu einem Wirbelsturm kam es letztlich nicht. Quelle: AP/Archiv
Hannover

Entwurzelte Bäume, ein abgedecktes Dach und ein durch die Luft gewirbeltes Auto: Tornados haben schwere Schäden zur Folge. Und sie sind keineswegs nur Wetterphänomene aus den USA, wie sich in der Nacht zum Mittwoch in Bocholt gezeigt hat. Ob in Deutschland nun generell häufiger mit solchen Wirbelstürmen zu rechnen ist und was Menschen bei einer Tornadowarnung tun können, erklärt Andreas Friedrich, Diplom Meteorologe und Tornadobeauftragter des Deutschen Wetterdienstes, im Interview.

Herr Friedrich, in Teilen Deutschlands wüten aktuell heftige Unwetter, die Rede ist sogar von Tornados. Was ist da dran?

Das ist tatsächlich so. Wir hatten schon am Dienstag vor einem Tornado-Risiko für den Westen Deutschlands gewarnt. Das hat sich in der Nacht auf Mittwoch in Bocholt bestätigt. Als Meteorologen können wir jedoch Stunden vorher nicht sagen, wo der Tornado auftritt und ob er überhaupt auftritt. Wir können das Risiko nur anhand der Wetterlage voraussagen und die etwaige Region. Dieses Risiko besteht für den Südwesten und Westen in der Nacht zum Donnerstag wieder. Danach dürfte es erstmal vorbei sein.

Andreas Friedrich ist Diplom Meteorologe und Tornadobeauftragter beim Deutschen Wetterdienst in Offenbach am Main. Quelle: Bildkraftwerk/Bernd Lammel

Was ist denn überhaupt ein Tornado und wie entsteht er?

Ein Tornado braucht als Grundvoraussetzung eine Schauer- oder Gewitterwolke. Dazu sollte die Wolkenuntergrenze nicht mehr als 1000 Meter über dem Boden sein, die Luft muss sehr feucht sein und sie muss aufsteigen. Das Entscheidende ist dann letztlich die sogenannte Windscherung: Windrichtung und Windstärke müssen sich vom Boden bis zu den Wolken verändern. Dann können die Luftmassen unter der Wolke in eine Drehbewegung um eine senkrechte Achse geraten und es kann sich ein Wolkenrüssel bilden.

Die Voraussetzungen für einen Tornado sind also recht komplex?

Es sind komplexe Voraussetzungen, die glücklicherweise in der Atmosphäre nicht so häufig vorhanden sind. Das Zusammenspiel der Faktoren ist auch bis heute nicht komplett erforscht.

Hat sich die Gefahr von Tornados insgesamt erhöht?

Das können wir weltweit noch nicht nachweisen. Allerdings hat sich die Entdeckungsrate erhöht. Man kann davon ausgehen, dass es in Deutschland jährlich hunderte Tornados gibt – es werden jedoch nur zwischen 20 und 60 entdeckt. Einen Tornado kann man nämlich nicht mit Wetterradargeräten sehen. Die einzige Chance ihn zu entdecken, ist durch Augenzeugen.

Wie konnte der Tornado in Bocholt dann festgestellt werden?

Da hat zwar auch keiner den Tornado gesehen, weil es schon dunkel war. Jedoch sind Geräusche und Schäden Indizien dafür, dass wir von einem Tornado sprechen können – vor allem, weil Autos durch die Luft gewirbelt wurden.

Durch einen Tornado wurden in Bocholt Autos durch die Luft gewirbelt, Häuser beschädigt und Bäume entwurzelt. Es handelte sich möglicherweise um einen Tornado. Quelle: Stadt Bocholt/dpa

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Tornados und dem Klimawandel?

Momentan können wir noch nicht sagen, dass sich die Klimaerwärmung, die wir weltweit messen können, auf das Verhalten der Tornados ausgewirkt hat. In stark betroffenen Gebieten der USA haben Beobachter bislang keine Veränderung festgestellt. Dort gibt es Schwankungen von Jahr zu Jahr. In der Zukunft könnte es bei einer weiteren Klimaerwähnung jedoch zu stärkeren Tornados kommen.

Wie stark sind die Tornados in Deutschland?

Tornados werden auf der Fujita-Skala von F0 (63-117 km/h) bis F5 (419-512 km/h) eingeteilt. Der Tornado in Bocholt lässt sich auf der Skala mit F2 einstufen und taucht etwa einmal jährlich in Deutschland auf. Am häufigsten gibt es die Tornados der schwächsten Kategorie – in 90 Prozent aller Fälle. Wenige Prozent sind von der zweiten Kategorie und weniger als ein Prozent bilden die beiden stärksten Kategorien – eher ein Jahrhundertereignis in Deutschland.

Welche Schäden entstehen bei Tornados wie in Bocholt?

Das sind Geschwindigkeiten von 180 bis 250 km/h. Dabei werden Autos durch die Luft gewirbelt und massive Bäume gestürzt und Dachstühle zerstört. Dachziegel und Äste können zu gefährlichen Geschossen werden.

Was können Menschen bei einer Tornadowarnung tun?

Man sollte sich ganz anders als bei einem Gewitter verhalten – nämlich ausweichen und wegfahren, wenn noch Zeit da ist, und man die Zugrichtung absehen kann. In einem Gebäude sollte man sich nicht hinter Fensterscheiben aufhalten, sondern in einen fensterlosen Raum – am besten in den Keller gehen. Wer keinen Schutz findet, sollte sich in eine Mulde flach auf den Bauch legen.

Gibt es einen Unterschied zwischen einer Windhose und einem Tornado?

Wenn der Begriff Windhose im Deutschen korrekt benützt würde, wäre er das Synonym für den Tornado. Wir benutzen den Begriff beim Deutschen Wetterdienst nicht, weil Windhose leihweise für alle lokalen Windereignisse falsch genutzt wird – beispielsweise für Gewitterfallböen, die aber geradlinig wehen. Die entstehen nämlich sehr viel häufiger als richtige Tornados, können jedoch auch Geschwindigkeiten bis um die 200 km/h aufweisen und ähnlich starke Schäden auftreten.

Lesen Sie auch:

Hitzerekorde, schwere Gewitter und Waldbrände: Meteorologen erwarten weiter extremes Wetter.

Auto durch die Luft gewirbelt, 100 Bäume entwurzelt - Verdacht auf Tornado in NRW.

Von Sebastian Stein/RND

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Fast eine Million Kinder sind betroffen: Vor allem in Westafrika müssen die Jüngsten bei der Kakaoernte helfen, denn die Farmen können sich keine erwachsenen Arbeiter leisten. Doch schon kleine Preisaufschläge würden reichen, um die schlimmsten Formen von Kinderarbeit zu vermeiden.

05.06.2019

Die Zahl der Luchse ist leicht angestiegen: Mindestens 135 der Raubkatzen sind im vergangenen Jahr durch Deutschlands Wälder gestreift. Doch Naturschützern ist das zu wenig – denn der Erhalt der Luchse ist nach wie vor schwer.

05.06.2019

Der Konsum von Alkohol und Zigaretten oder auch Computerspiele schränken die Arbeitsfähigkeit ein – und zwar stärker als zunächst erkennbar. Wie sehr, das zeigt jetzt eine neue Studie.

05.06.2019