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Wissen Suchtexpertin: Kinder orientieren sich beim Alkoholkonsum an ihren Eltern
Nachrichten Wissen Suchtexpertin: Kinder orientieren sich beim Alkoholkonsum an ihren Eltern
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07:01 19.09.2019
Eltern sind Vorbilder für ihre Kinder - sie sollten sich darüber bewusst sein, dass es für ein Kind eine Belastung ist, die Eltern betrunken zu sehen. Quelle: Getty Images/iStockphoto
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Hannover

Ein, zwei Bier vor dem Fernseher oder ein Glas Wein zum Abendessen: Alkoholische Getränke zu konsumieren, ist in unserer Gesellschaft selbstverständlich. Die meisten Jugendlichen fangen daher irgendwann an, Alkohol zu probieren – oft zum Leidwesen ihrer Eltern. Michaela Goecke von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erklärt, wann es wirklich gefährlich wird.

Worauf sollte man achten, wenn man als Erwachsener vor Kindern Alkohol trinkt?

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Eltern sind Vorbilder und Orientierungspunkte für Kinder - und das schon im Kleinkindalter. Darauf hinzuweisen, ist uns sehr wichtig. Man sollte nicht denken: Meine Kinder sind noch so klein, die bekommen ja gar nicht mit, dass ich Alkohol konsumiere. Das ist nicht der Fall. Dessen sollte man sich von Anfang an bewusst sein und entsprechend mit Alkohol umgehen. Das heißt zum einen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man alkoholische Getränke zu Hause hat oder täglich trinkt. Zum anderen sollte es nicht vorkommen, dass es auf einem Fest nur alkoholische Getränke gibt. Erwachsene sollten sich darüber bewusst sein, dass es für ein Kind eine Belastung ist, wenn es erlebt, dass die Eltern betrunken sind. So etwas gehört nicht in die Familie und sollte nicht vorgelebt werden.

Könnte es nicht auch sein, dass es auf Kinder abschreckend wirkt, die Eltern mal betrunken zu erleben?

Das ist schon möglich. Studien haben aber gezeigt, dass Kinder, die aus Alkohol-belasteten Familien kommen, ein deutlich erhöhtes Risiko haben, auch selbst eine Sucht-Problematik zu entwickeln. Sie nehmen Alkoholtrinken dann eher als eine Möglichkeit wahr, Probleme zu lösen. Was nicht gelingt, wie wir wissen.

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Es kommt oft vor, dass Erwachsene zwar nicht gleich betrunken, aber doch beschwipst sind und sich anders als sonst verhalten. Sollten Kinder auch das nicht sehen?

Wenn Erwachsene angeheitert sind, kann ein Kind damit umgehen. Es darf nur nicht regelmäßig sein. Wenn das jede Woche oder sogar täglich passiert, entsteht bei den Kindern und Jugendlichen die Wahrnehmung, dass das normal ist. Und so etwas sollte nicht vorkommen, weil Alkoholkonsum in dieser Form mit enormen Gesundheitsrisiken verbunden ist.

Stimmt es, dass die Suchtgefahr umso größer ist, je früher Jugendliche anfangen, Alkohol trinken?

Ja, das bestätigen Studien. Insbesondere dann, wenn sie nicht nur nippen, sondern Rauschtrinken betreiben. Grundsätzlich gilt: Je früher, je mehr und je häufiger getrunken wird, desto höher ist die Suchtgefahr.

Michaela Goecke (54) ist seit 2011 Referatsleiterin für den Bereich Suchtprävention bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA).

Was können Eltern tun, um Kinder möglichst lange von Alkohol fernzuhalten?

Es ist wichtig, in der Familie klare Regeln aufzustellen, die konsequent umgesetzt werden. Also zum Beispiel: Kein Alkohol für Jugendliche unter 16 Jahren! Außerdem ist es wichtig, mit dem Kind in der Pubertät im Gespräch zu bleiben. Es lässt sich in unserer Gesellschaft nicht vermeiden, dass Jugendliche irgendwann Interesse haben, Alkohol auzuprobieren, und vielleicht auch den Wunsch haben, einen Rausch zu erleben. Das ist eine normale Entwicklung. Eltern sollten da nicht dramatisieren, aber bei dem Kind sein und beobachten: Welche Funktion hat das jetzt, dass das Kind Alkohol probiert hat? Wenn damit Probleme bewältigt werden sollen, dann sollten die Alarmglocken läuten.

Bei Jugendlichen kann eine Droge wesentlich mehr Schaden anrichten, da sie sich in einem körperlichen und psychischen Entwicklungsprozess befinden.

Michaela Goecke, Referatsleiterin für den Bereich Suchtprävention bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Wenn man merkt, dass sich das Kind betrunken hat, sollten Eltern also mit ihm darüber sprechen?

Genau, und zwar ohne Vorwürfe. Man sollte dabei aber auch wissen, dass die Wirkung alkoholischer Getränke auf junge Menschen erheblich gravierender ist als auf Erwachsene. Bei Jugendlichen kann eine Droge wesentlich mehr Schaden anrichten, da sie sich in einem körperlichen und psychischen Entwicklungsprozess befinden.

Auf Familienfeiern kommt es schon mal vor, dass auch Teenagern, die unter 16 sind, zum Anstoßen ein Glas Sekt angeboten wird. Lehnen Sie das ab?

Ja. Aus unserer Sicht könnte man die Altersgrenze auch noch weiter anheben. Wer unbedingt mit einem Sektglas anstoßen möchte, kann auf alkoholfreie Alternativen ausweichen. Da gibt es ein großes Angebot. Alkoholfreie Getränke sollten in den Familien den gleichen Stellenwert haben wie alkoholische.

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Früher war es üblich, dass Eltern ihre Kinder mal an ihrem Bier oder Wein haben nippen lassen, um ihnen zu zeigen, wie scheußlich das schmeckt. Ist das in Ordnung?

Das sollte man nicht tun. Sonst besteht die Gefahr, dass Kinder sich an den Geschmack von Alkohol gewöhnen. Besonders gefährlich sind süße Getränke, bei denen der Zucker den Alkoholgeschmack überdeckt.

Was raten Sie Familien, in denen ein Elternteil abhängig ist oder war? Kinder von Alkoholikern haben schließlich ein stark erhöhtes Risiko, selbst süchtig zu werden.

In so einem Fall ist intensive Beratung nötig, wie sie die Suchtberatungsstellen vor Ort bieten. Ansonsten gibt es auch telefonisch oder im Internet Ansprechmöglichkeiten. Zuerst muss bei den Eltern aber eine Einsicht da sein, dass sie ein Problem haben und dass es auch ihre Kinder tangiert.

Alarmierend ist es auch, wenn das Kind regelmäßig mit einer Fahne nach Hause kommt.

Michaela Goecke, Referatsleiterin für den Bereich Suchtprävention bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

In welchen Fällen sollte man sich noch Hilfe holen?

Wenn man zum Beispiel feststellt, dass sich im Zimmer des Jugendlichen Alkohol befindet und man den Eindruck hat, dass der auch wirklich dort getrunken wird. Das ist ein Zeichen, dass man direkt handeln und ins Gespräch kommen sollte. Alarmierend ist es natürlich auch, wenn das Kind regelmäßig mit einer Fahne nach Hause kommt. Auch dann sollte man das Gespräch suchen. Immer wichtig: Vorwürfe bringen wenig. Besser ist es, nach dem Grund zu fragen und auf die Risiken hinzuweisen. Und zu sagen, dass die Eltern da sind, um zu helfen.

Haben Sie den Eindruck, dass die meisten jungen Leute heute genug über Alkohol wissen?

Die Jugendlichen wissen in der Theorie, denke ich, gut Bescheid über alkoholische Getränke. In der Praxis kann das aber anders aussehen. Da wissen Jugendliche oft noch nicht, wie schnell alkoholische Getränke wirken können, gerade hochprozentige.

Müssen sie also ihre eigenen Erfahrungen machen?

Ja, so ist das leider. Wer in unserer Kultur aufwächst, muss den Umgang mit Alkohol irgendwie lernen. Dabei ist zu begrüßen, dass die Gesellschaft immer kritischer gegenüber dem Alkoholkonsum wird. Vor ein paar Jahrzehnten gab es noch gar keine Diskussionen über die gesundheitlichen Risiken von Alkoholkonsum. Auch Alkoholabhängigkeit war ein großes Tabu. Inzwischen hat sich viel getan, aber der Wandel ist ein langer Prozess.

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Von Angela Stoll/RND