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Wissen Über die Scheißangst, es als Mutter zu vermasseln
Nachrichten Wissen Über die Scheißangst, es als Mutter zu vermasseln
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09:00 25.09.2019
Zu viel schimpfen, zu viel arbeiten, wenig Zeit für den Nachwuchs: Wann ist man eine gute Mutter? Viele Mütter plagt oft ein schlechtes Gewissen. Quelle: Olga Komarova - stock.adobe.com
Hamburg

Mit ihrem Buch Muttergefühle.Gesamtausgabe wurde die Hamburger Texterin Rike Drust zur Bestseller-Autorin. Endlich eine Frau, die Müttern aus der Seele sprach und sich nicht scheute, alle Seite der Mutterschaftsmedaille zu beleuchten – auch die etwas weniger schönen. Ihr Nachfolger Muttergefühle.Zwei bringt die Leserin wieder zum Lachen, Weinen und Grinsen. Es geht, wie der Titel schon sagt, auch um das zweite Kind – und was die neue Familienkonstellation für die Mama bedeutet. Im Interview erzählt sie, warum sie manchmal Angst hat, es als Mutter zu vermasseln.

Frau Drust, Sie schreiben von der "Scheißangst, es als Mutter zu vermasseln". Was meinen Sie damit konkret?

Manchmal, wenn ich ein bisschen Zeit habe, und einfach mit meinen Kindern rumhänge, dann gucke ich sie an und denke: „Diese zwei Superkinder machen mich so, so glücklich.“ Leider fange ich dann nicht immer vor Glück das Hüpfen an, sondern bekomme es häufiger mal mit der Angst zu tun. Davor, dass sie irgendwann nicht mehr so viel mit mir rumhängen wollen. Dass ich sie nicht glücklich genug mache. Dass sie krank werden oder einen schlimmen Unfall haben. Oder dass ich irgendwas in ihrer Kindheit so verkacke, dass sie mir später im Altersheim ein Zimmer ohne Fenster aussuchen. Sowas. Ich könnte leider ewig weitermachen, denn mein Kopfkino hat rund um die Uhr geöffnet.

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Und wie gehen Sie mit dieser Angst um?

Bei der Angst, die Kinder zu vermurksen, denke ich immer an den Zettel, den mein Sohn mir irgendwann mal geschrieben hat. Auf dem steht "Du bist meine beste Mutter der Welt.“, und damit hat er den Nagel auf den Kopf getroffen, finde ich: Jede Mutter ist für ihre Kinder die Beste. Die zwei scheinen zum Glück zu spüren, dass ich sie liebe und mein Bestes dafür gebe, dass sie mutig und stark und glücklich sind. Dass es bei uns auch mal rummst und knirscht, juckt die beiden dabei gar nicht so.

Bei eher irrationalen Ängsten versuche ich zuerst, mir selbst zu erklären, wie unwahrscheinlich ein plötzlicher Kindstod, ein Unfall oder eine schlimme Krankheit sind. Dann sage ich mir, dass ich sowieso nicht auf alles einen Einfluss haben kann und komme zu dem Schluss, dass wir uns deshalb die Zeit, die wir gemeinsam haben, so schön wie möglich machen sollten. Dann herze ich die Kinder, bis sie mich wegschieben, schimpfe nicht über herumliegende Socken, spacke mit allen zu lauter Musik durchs Wohnzimmer erlaube Essen vorm Fernseher. Wenn ich es mir genau überlege, finden meine Kinder vermutlich ziemlich gut, dass ich so ängstlich bin.

Autorin Rike Drust, Mutter von zwei Kindern, spricht den Müttern aus der Seele. In ihrem zweiten Buch beschreibt sie mit viel Humor den Alltag als Mutter. Quelle: Lisa Harmann

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Sie schreiben von "ruinierten Brüsten und Besserwissern". Ich schätze Sie als Mensch ein, dem so etwas egal ist. Ist es? Oder ist es nicht?

Zusammen mit den Brüsten sind bei mir zum Glück auch meine Ansprüche gesunken, irgendwelche Schönheitsideale erfüllen zu wollen. Vor Kurzem hat eine befreundete Fotografin Bilder von mir gemacht. Auf meinem Lieblingsbild kneife ich ein Auge zu, zeige meine schiefen Zähne und habe ein Doppelkinn. Und genauso hätte ich mich vor ein paar Jahren tatsächlich selbstkritisch fertig gemacht. Jetzt sehe ich auf diesem Foto eine 41-jährige Frau, die scheissglücklich aussieht und sich gerade sehr kaputtlacht. Und das macht in meinen Augen inzwischen viel schöner als Salat ohne Dressing und ein zurückhaltendes Lächeln.

Bei den Besserwissern bin ich noch nicht ganz so entspannt. Ich bin ein ziemlich harmonischer Mensch und habe schnell das Gefühl, dass meine Kinder zu laut sind oder sonstwie stören. Manchmal finde ich das gut, weil für mich ein gesellschaftliches Zusammenleben auch immer mit Rücksichtnahme zu tun hat. Aber wenn dann Menschen die Augen rollen und sich beschweren, einfach weil Kinder da sind, dann reisst mir auch mal die Hutschnur. Als ich zum Beispiel mal mit meinem Sohn auf dem Weg ins Kino war, hat er vor Freude gehüpft und dabei eine alte Frau minimal touchiert. Sie hat uns, obwohl ich ihn schon sanft zur Seite geschoben und sie freundlich angelächelt hatte, mit bösen Augen entrüstet angetststst. Sowas verstehe ich nicht. Mein Sohn hatte Monate lang sehr viel Rücksicht auf seine neue Schwester genommen und war wirklich einfach froh, dass es sich mal um ihn drehte. In solchen Situationen bleibe ich dann leider nicht immer freundlich, und es könnte sein, dass ich etwas gesagt habe, das sich ein bisschen auf „Ja, doch“ reimt.

Nachdem Sie ein zweites Kind bekommen haben, gab es Momente, in denen Sie "nicht die Mutter waren, die Sie gern sein würden". Warum?

Erstmal war ich sehr viel genervt. Ich hatte gefühlt überhaupt keinen Raum für mich, zum Durchschnaufen, zum Sitzen, ohne, dass jemand an mir reisst. Ich habe mir aber so sehr meine Ruhe gewünscht, dass ich zum Beispiel immer versucht habe aufzuräumen, als die Kinder noch wach waren, damit ich, wenn sie schliefen, schneller Zeit für mich hatte. Das hat natürlich nicht geklappt, und ich wurde noch genervter. Da hab ich schon mal heulend im Wohnzimmer gesessen und gedacht: VERDAMMT, LASST MICH DOCH EINFACH ALLE MAL ZUFRIEDEN!!! Aber die Lösung ist ja nicht, die Kinder anzumaulen und ihnen um 17 Uhr das Tuschen zu verbieten, weil nichts dreckig werden soll, sondern sich Freiräume zu schaffen. Und das hat bei mir besser funktioniert, seitdem ich nicht mehr versucht habe, in Begleitung eines Kleinkinds schon mal „schnell“ die Wäsche zu machen, sondern meinem Mann oder meinen Nachbarn zu sagen, dass ich mal ein bisschen mehr allein sein muss. Allerdings, wer jetzt denkt, bei uns ist immer alles superfriedlich, kann sich zum Beispiel morgens gegen 8:30 und abends gegen 17:43 gelegentlich vom Gegenteil überzeugen.

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Sie machen sich viele Gedanken um Gleichberechtigung und Fairness zwischen Mutter und Vater. Gerade auch, was das Finanzielle angeht. Welche Regelungen haben Sie zum Beispiel für Ihre Rente getroffen?

Wir haben alle Renten- und Spargeschichten so angepasst, dass alle Beteiligten in der Familie in allen Lebens- und Sterbekonstellationen gleich gut leben können.

Haben Sie mit Ihrem Man auch einen Ehevertrag?

Ja. Ich saß irgendwann mit meinem ersten Baby Zuhause und wurde immer wütender. Weil mir alle sagten, was ich als Stay-at-Home-Mutter leisten muss und es mit die anstrengendste Zeit meines Lebens war, ich aber kaum Anerkennung bekam. Im Gegenteil. So viele Leute meinten, mir besserwisserisch reinquatschen zu dürfen, mich zu verunsichern und als „Muddi“ kleinzureden, und finanziell war es trotz Elterngeld auch ein ziemliches Minusgeschäft, auch weil die Rentenversicherung auf Eis lag. Zudem ist es nicht so, dass in der Werbebranche die Agenturen ein Jahr auf dich warten, gerade mit der Aussicht, dass du nach der Elternzeit nicht mehr so flexibel bist wie vorher. Und inzwischen kannte ich eben auch Paare, die sich getrennt hatten. Frauen, die vorher in der klassischen Einverdienerehe lebten, haben teilweise in leeren Wohnungen gesessen und konnten sich keine Wohnungseinrichtung leisten. Diese Wohnungen lagen ganz woanders, weil in dem Viertel, in dem sie gewohnt hatten, alles viel zu teuer war. Diese Mütter musste wegen des Unterhaltsgesetzes plötzlich Vollzeit arbeiten gehen und die Kinder mussten die Schule wechseln. All das in einer Zeit, in der Kinder eigentlich meiner Meinung nach so viel Alltag wie möglich haben müssten, weil eine Trennung der Eltern schon genug Umstellung ist. Wir haben also in unserem Ehevertrag festgehalten, dass die Person, die von uns beiden mehr verdient, eben nicht nur bis zum 3. Lebensjahr des jüngsten Kindes unterhaltspflichtig ist, sondern viel, viel länger. Zudem steht drin, dass die Person, die sich mehr um die Kinder kümmert, in der Wohnung bleiben kann, unabhängig davon, wer im Grundbuch steht. Ich hoffe natürlich, dass ich die Rechtsanwältin, bei der wir den Vertrag unterschrieben haben, nie wieder sehe, aber ich bin entspannter, seit ich bei ihr war.

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Wie schaffen Sie und Ihr Mann es mit der Gleichberechtigung im Alltag? Wer holt beispielsweise bei Krankheit aus der Kita ab, wenn beide gerade arbeiten?

Es gibt so ein Wort, das ich vor Kurzem kennengelernt habe. Es heißt Mental Load und beschreibt dieses Monstrum an Sachen, an die wir im Alltag denken müssen. Haushalt, Kindergeburtstage, Impftermine, Ängste, Vorlieben der Kinder beim Essen, beim Spielen, bei Klamotten und vieles mehr: Wir Eltern häufen ein Wissen und eine Kompetenz an, das ist der Wahnsinn. Leider sind es aber in echt meistens nur die Mütter, die all das wissen und demzufolge ziemlich viel Verantwortung allein mit sich rumschleppen. Mein Mann hat sich früher bestimmt auch öfter gefragt, warum ich mich beschwere, weil er doch schließlich schon mit dem Sohn auf den Spielplatz gegangen war. Aber es war ich, die die Tasche gepackt, an die Matschhose und Wechselklamotten und so gedacht hatte. Seit der Mann weniger und flexibler arbeitet, ist das anders. Er hatte Zeit, mir etwas von diesem Wissen abzunehmen und wir teilen jetzt tatsächlich. Gerade heute Morgen zum Beispiel war es zeitlich superknapp und ich dachte gerade noch: „Waaaa, heute ist ja Schwimmen, wo sind die Flipflops?“, aber da strahlte schon die vom Mann gepackte Schwimmtasche am ebenfalls fertig gepackten Ranzen. Klingt nach Kleinigkeiten, ist aber eine Riesenerleichterung. Wir teilen uns den Mental Load, und es fühlt sich gut an, dass dieser ganze Kram nicht allein auf meinen Schultern liegt.

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Nun klingt das ja alles auch nach ganz schön viel Auseinandersetzung, trotzdem liest man bei Ihnen immer auch das Glück durch die Zeilen, das Ihnen Ihre Familie beschert...

Ja, und viele dieser Auseinandersetzungen waren und sind jedes Mal aufs Neue auch wirklich ätzend. Aber genau genommen ist doch großartig, dass wir so lange diskutiert und eben auch gestritten haben, bis wir für uns eine Lösung gefunden haben, mit der die ganze Familie glücklich ist, oder? Und dass wir in der Lage sind, die Dinge, die uns unglücklich machen, relativ einfach ändern zu können, ist auch ein ziemliches Geschenk, finde ich. Ach ja, und meine zwei Pappnasen sind eh die Größten. Nicht ohne Grund heißt eines meiner Lieblingskapitel im Buch „Alles scheiße außer Kinder“.

Ihr erstes Buch "Muttergefühle. Gesamtausgabe" spricht Müttern aus der Seele: unverblümt, selbstironisch, provokant. Das zweite Buch ist genauso lesenswert und voller Humor. Quelle: Lisa Harmann

Von Lisa Harmann/RND

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