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12:15 09.04.2019
Christian Hemschemeier ist Paartherapeut und schildert an dieser Stelle regelmäßig Fälle aus seiner Praxis. Quelle: Hemschemeier/RND
Hamburg

Nahezu alle Paare, die zu mir in die Praxis kommen, streiten entweder zu viel oder zu wenig (mal abgesehen von den weiteren Themen, die sie haben). Wobei zu wenig Streit oft kritischer ist. Es ermöglicht zwar lange ruhige Beziehungen, aber diese gehen häufig zulasten von Spannung und Sexualität – die Beziehung schläft ein.

Beziehung und Partnerschaft: Was ist gut am Streiten?

Ursula und Karl (die Namen sind geändert) kommen in meine Praxis. Sie berichten von beständig zunehmenden Auseinandersetzungen. Ich lasse mir einen typischen Streit detailliert erklären. Aus meiner Erfahrung weiß ich: Jedes Paar hat eigentlich immer die gleichen Streitthemen. Im Fall von Ursula und Karl waren Themen und Anlässe aber gar nicht so wichtig. Interessanterweise – denn am Ende jedes Konflikts geht es nur noch darum, wer was warum gesagt hat. Beide unterstellen dem anderen bestimmte verborgene Ziele oder Motivationen (negativer Art), was der andere brüsk zurückweist.

Da beide auch etwas psychologisch vorgebildet sind, überziehen sie sich zusätzlich mit „Analysen“ vielfacher Art. Diese Form zu streiten führt gleich zu mehreren Problemen: Zunächst geht es viel um Sätze, die mit „Du bist ...“ beginnen anstatt mit „Ich fühle ...“. Außerdem haben wir hier das vermeintliche „Gedankenlesen“ als negative Kommunikationsstrategie. Noch problematischer ist aber, dass jeder der Partner annimmt, der andere lebe auf dem gleichen Planeten. Das ist aber nicht so.

Hemschemeier-Video: Plötzlich kurz vor der Trennung ... Was tun?

Realität wird oft anders empfunden

Jeder von uns hat seine eigene gefärbte Sicht- und Denkweise. Leicht zu beobachten ist das beim Fußball, wenn bei einer kritischen Situation die eine Mannschaft Elfmeter fordert und die andere einfach weiterspielen will. Viele Paare wünschen sich da einen Schiedsrichter, der entscheidet, wie es wirklich war. Aber wie wir ja regelmäßig bei den Spielen sehen, reicht selbst das nicht. Es braucht in vielen Fällen noch einen Videoschiedsrichter, und selbst dieser löst nicht jede Unklarheit. So ist es bei Paaren auch. Jeder hat seine ganz eigenen Einstellungen und Sichtweisen. Es ist gut, wenn man sich das klarmacht. Doch schwierig wird es, wenn man Ereignisse und Abläufe völlig anders wahrnimmt als sein Gegenüber. Es ist manchmal schwer erträglich, wenn der Partner die scheinbare „Realität“ zwar ähnlich, aber irgendwie doch recht anders empfunden hat.

Hemschemeier-Video: Wie beende ich ein Beziehungs-Drama?

Richtige oder falsche Wahrnehmung gibt es nicht

Unsere Psyche mag das nicht. Diese getrennte Wahrnehmung erzeugt Unsicherheit. Und so versuchen wir im Streit oft verzweifelt, den Partner von der eigenen Realität zu überzeugen. Wenn das jedoch beide gleichzeitig machen, werden die Auseinandersetzungen oft richtig heftig. Dazu kommt dann noch unser Ego, was sowieso am liebsten immer recht haben will.

Bei Ursula und Karl zeigt sich genau diese Dynamik. Egal welches Thema sie anpacken, am Ende geht es nur noch darum, ob einer der beiden exakt dieses oder jenes gesagt oder getan hat.

Wir besprechen, dass diese Art von Streitigkeiten nicht nur kräfteraubend für beide ist, sondern wohl auch der Beziehung nach und nach den Todesstoß versetzt. Ich frage sie beide, was ihnen wichtiger ist: ihr Ego durchzusetzen oder ihre Liebe zu beschützen (und mal einfach „die Klappe zu halten“).

Erst sind sie beide etwas vor den Kopf gestoßen. Aber sie verstehen, dass Liebe oft auch bedeutet, mal loszulassen und sich bewusst zu machen: Ich muss nicht immer recht haben. Meine Wahrnehmung ist nicht die einzig wahre oder richtige. Auch der Paartherapeut hat nicht die perfekte Sichtweise und kann sagen, welche Realität richtig oder falsch ist. Das hoffen ja viele Paare, dass der Paarspezialist entscheiden kann, wer von ihnen die „richtige“ Wahrnehmung hat. Er bringt lediglich eine weitere, vielleicht etwas unabhängigere und hoffentlich nützliche Wahrnehmung herein.

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Von RND / Christian Hemschemeier

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