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Wissen Wut im Bauch: Wenn Kinder fluchen
Nachrichten Wissen Wut im Bauch: Wenn Kinder fluchen
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14:34 03.05.2019
Verbale Ausfälle sind bei Kindern in manchen Phasen ganz normal. Quelle: Syda Productions - stock.adobe.com
Hannover

Gerade hat man sich noch der Illusion hingegeben, dass das eigene Kind ganz anders wird als die anderen, schon sagt es laut und deutlich „Arschloch“ zu einem. Zu drastisch? Tatsächlich gehören vulgäre Ausschreitungen bei vielen Kindern zur Entwicklung dazu. Es mögen in zahlreichen Fällen nur Ausrutscher sein, aber es gibt auch Kinder und Jugendliche, bei denen eine harte Sprache und verbale Beschimpfungen zur täglichen Kommunikation innerhalb der Familie gehören. Die Eltern stehen dem Ganzen oft hilflos gegenüber und fragen sich: Was haben wir falsch gemacht?

Frühes Trotzalter: Häufiges Schimpfen

Die erste Frage, die sich Dorothea Wolff im Umgang mit einem Kind immer stellt, ist: In welcher Entwicklungsstufe befindet es sich gerade? Im frühen Trotzalter kommt es beispielsweise gehäuft zu verbalen Ausfällen, sagt die Kinderpsychiaterin aus München: „Dazu zählt das dritte bis fünfte Lebensjahr. In diesem Alter ist es ein wesentlicher Prozess, Grenzen spüren zu können. Und da wird das Kind, insbesondere wenn es in den Kindergarten geht und dort bestimmte Dinge hört und sieht, die eine bestimmte Reaktion bei Erwachsenen auslösen, neugierig“, erklärt Wolff. „Danach wird das Kind das zu Hause auch ausprobieren, um zu sehen, wie die eigenen Eltern reagieren.“ Grundsätzlich habe dieser Prozess nicht zwingend etwas Aggressives. Die Neugier stehe im Vordergrund.

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In dieser Phase ist es für Eltern wichtig, dass sie eine Haltung finden, wie zu Hause geredet werden darf und soll. Dabei sollten sie vorab prüfen, wie sie selbst im Alltag sprechen. Wer als Elternteil viel flucht, darf sich nicht wundern, wenn sein Kind ihn über kurz oder lang nachahmen wird. Mit diesem Bewusstsein können entsprechende Regeln festgelegt werden, in denen die Erwachsenen eine Vorbildfunktion haben. Eltern sollten sich aber klarmachen: „Es gehört auch dazu, dass ein Kind diese Dinge ausprobiert“, erklärt Wolff. Und sie betont: „Fast jede Auseinandersetzung nimmt man mit Kindern persönlich. Sollte man aber nicht.“ Man solle sich als Elternteil bewusst machen, dass das Ausprobieren der Schimpfworte für Kinder wichtig sei. Nach mehrmaligem Ausprobieren hat es sich in der Regel mit verbalen Ausfällen in dieser Altersspanne.

Zeit für die Wut zulassen

Um einen Umgang mit Verbalausbrüchen von Kindern zu finden, gibt es unterschiedliche Tipps. Das Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München empfiehlt unter anderem:

• Notfallwörter erfinden: In Familien kann man sich lustige, harmlose Begriffe ausdenken, die bei Bedarf eingesetzt werden – wie „langweiliger Knalltüten-Lurch“.

• Kasse für Schimpfworte einrichten: Wenn Kinder oder Eltern ein „schmutziges Wort“ benutzen, zahlen sie einen vorher verabredeten Geldbetrag in die Kasse. Ein Effekt ist auch, sich überhaupt bewusst zu machen, wie viel Kraftausdrücke benutzt werden.

• Schimpf-und Wutzeit zulassen: Mit dem Kind können Eltern eine feste Zeit von zum Beispiel fünf Minuten täglich verabreden,in der das Kind ungehindert drauflosschimpfen darf.

Pubertät: Teenager testen Grenzen aus

Die zweite Entwicklungsphase, in der Schimpfworte häufiger vorkommen, ist die Pubertät. Spätestens die bringt viele Eltern nervlich zu Fall. „Als Frau und Mutter musste ich da ganz schön schlucken, als mein Sohn mit so heftigen Worten ankam. Ich dachte mir, wo sind all die Werte hin, die ich ihm vermittelt habe“, schildert eine Mutter.

Grundsätzlich liegt das ein Stück weit in der Natur jeder Pubertät, beruhigt Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Rudolf Ritzinger. Auch bei Teenagern geht es darum, Grenzen auszutesten – allerdings in verschärfter Form. Es sei ja auch eine Zeit gravierender Veränderungen: „Das findet im Körper statt, das findet auf hormoneller Ebene statt. Die Sexualität entwickelt sich. Da ist unglaublich viel Energie. Die ganze Hirnphysiologie. Alles ist stark im Umbruch und gleichzeitig müssen die Jugendlichen ihr eigenes Ich entwickeln, ihre eigene Identität finden.“

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Wut im Bauch: Temperament des Kindes ausschlaggebend

Bis wann ist es Teil der normalen Entwicklung, ab wann wird es einfach zu viel? Vieles sei individuell vom Temperament des Kindes abhängig, genauso vom Erziehungsstil der Eltern und der damit verbundenen Toleranzschwelle, sagt Ritzinger. Letztendlich gehe es immer darum, dass Eltern die Bedürfnisse der Kinder richtig läsen. Je sicherer das Fundament im Alter von bis zu sechs Jahren gelegt worden sei, desto ruhiger würden die Ausbrüche in der Pubertät ablaufen. Folgende Fragen sollten sich – so Ritzinger – Eltern im Zweifelsfall stellen: „Wie oft kommt das Beschimpfen vor? In welcher Intensität kommt das vor? Über welche Zeitdimension kommt es vor?“ Gelangen Eltern dann zu dem Schluss, dass nicht mehr die Rede von Ausrutschern sein kann, sollten sie Ritzingers Einschätzung zufolge einen Experten zurate ziehen. „Dann ist es ein schadhaftes Muster. Dann zeigt es, dass irgendwelche Kräfte im Kind walten, bei denen es sich nicht anders zu helfen weiß. Und das muss man sich dann schon gezielt anschauen.“

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Mangel an Respekt oder Unsicherheit?

Natürlich kann es ein Mangel an Respekt sein, genauso aber auch eine Unsicherheit. In den seltensten Fällen ist den Jugendlichen egal, was ihre Eltern von ihnen halten – da ist sich die Kinder- und Jugendpsychiaterin Wolff ganz sicher: „Es ist ihnen sogar alles andere als egal. Die Pubertät ist eine Zeit, in der Jugendliche oft selbst sehr unzufrieden mit sich sind. Und dann tun sie Dinge, die andere ähnlich unzufrieden machen mit einem selbst“, sagt sie. „Es ist manchmal wie eine Art Inszenierung, in der der Jugendliche provoziert, dass er so behandelt wird, wie er sich fühlt. Oder er sucht den Streit, um sich an seinen Eltern zu reiben. Um zu spüren: Wer bin ich und wer bist du. Und wie stark bist du?“

Häufige Verbalattacken: Eine Zeichen für innere Schieflage

Entscheidend ist, dass Verbalattacken nicht zum regelmäßigen, destruktiven Reaktionsmuster werden. Dann wird es vor allem ungesund für das Kind, warnt Ritzinger: „Gesund wäre zu sagen: Hey, mir fehlt etwas. Ich brauche etwas anderes. Wenn das Kind aber immer sehr intensiv reagiert, dann heißt das, dass eine Bedürfnislage in seinem Inneren in Schieflage geraten ist.“

Kontraproduktiv sind dann autoritäre Drohgebärden und ständige Sanktionierungen. Im Idealfall ist das alles zu besprechen, zumindest aber sollten Eltern offen bleiben für die Sorgen ihrer Kinder, Eskalationen vermeiden und im Zweifel Fachleute um Hilfe bitten.

Von RND / Andrea Mayer-Halm

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