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Wissen Zu harte Erziehungsmethoden? Streit um Dokumentation „Elternschule“
Nachrichten Wissen Zu harte Erziehungsmethoden? Streit um Dokumentation „Elternschule“
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14:56 26.10.2018
Szene aus dem Film: Ein Mädchen bei seinem Aufenthalt in der Gelsenkirchener Klinik. Quelle: Foto: Zorro Filmverleih
Hannover

Kinder, die 14 Stunden am Tag schreien und wild um sich schlagen, die keine Nacht durchschlafen, sich blutig kratzen oder ihr Essen gleich wieder erbrechen, es sei denn, es handelt sich um frittiertes Hähnchen. Diese Kinder sind Patienten in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen. In der „Elternschule“ der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik sollen verzweifelte Eltern Hilfe bekommen.

Ein Kamerateam hat mehrere Familien über ein halbes Jahr begleitet. Seit vergangener Woche läuft der Dokumentarfilm in ausgewählten Kinos. Der Film polarisiert – und sorgt derzeit für große Empörung. Im Fokus stehen die zum Teil unorthodoxen Methoden der Klinik, die laut der Kritiker auf unangemessene Härte setzen und stark umstritten sind.

Onlinepetition will Film verbieten

Im Internet werden darüber hitzige, emotionale Debatten geführt. Kinderärzte, Psychologen, Institutionen und aufgebrachte Eltern äußern sich entsetzt über den Film. In einer Onlinepetition haben sich mehr als 14.000 Menschen dafür ausgesprochen, den Film zu verbieten.

Es geht um Szenen, wie diese: Ein Baby wird in ein sehr hohes Gitterbett der Klinik gelegt, der Raum komplett abgedunkelt, die Tür verschlossen. Bis zum nächsten Morgen wird das immerzu schreiende Baby keine menschliche Nähe erfahren, außer medizinische Kontrollen durch eine Nachtschwester mit Taschenlampe. Die Behandlung wird so lange fortgeführt, bis das Kind einen Schlafrhythmus erlernt hat.

Kinderarzt und Buchautor Herbert Renz-Polster äußert auf seinem Blog „Kinder-verstehen.de“ harsche Kritik an den Methoden des Schlaf-, Ess- und Verhaltenstrainings der Klinik. „Ich sehe hier Kinder in schwerer Not. Ich sehe Mütter und Väter in schwerer Not. Ich sehe keine echten Beziehungen, ich sehe Kampfbeziehungen.“ Dabei sei das Gegenteil wichtig: Vertrauen, Verständnis, Nähe. Insbesondere ärgere ihn, sagt Renz-Polster, dass die Klinik „uns vorschreiben will, wie Erziehung geht“.

Doku-Psychologe sieht sich Hetzkampagne ausgesetzt

Mathias Voelchert ist ebenfalls erschrocken. Er sei wie betäubt von den Bildern. „So geht Elternschule? Nein, das glaube ich nicht, so geht Elternschule überhaupt nicht. So werden Eltern-Kind-Beziehungen eher beschädigt als geheilt.“ Auch der Kinderschutzbund hat sich zu Wort gemeldet, bisher aber nur zu dem Trailer des Films: „Durch den „Zusammenschnitt von dramatischen Filmsequenzen“ komme es zu einer „gewollten Zuspitzung von problematischen Situationen“. Die kindliche Persönlichkeit werde verzerrt dargestellt.

Der Psychologe Dietmar Langer, der die „Elternschule“ in Gelsenkirchen leitet, sieht die Vorwürfe als gezielte Hetzkampagne gegen ihn und die Klinik. Der Film zeige lediglich Fragmente und habe nicht den Anspruch, die Therapien als Lehrstück für den Hausgebrauch zu vermitteln, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. Aufnahmekriterium für seine Station sei, dass alle therapeutischen und medizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. „Zu uns kommen Familien, die am Ende sind.“

Eltern sollten Film im Kontext verstehen

Auch andere Mediziner empfehlen, die Behandlungen im Kontext zu den schweren Störungen der Kinder im Film zu sehen. Ein Kinderarzt aus Ulm schreibt: „Verhaltenstherapien, die in potenziell gefährlichen und lebensbedrohlichen Situationen verhältnismäßig sind, können im allgemeinen Erziehungsalltag unverhältnismäßig sein.“ Wer den Film sieht, müsse das dringend beachten.

Von Sonja Fröhlich/RND

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