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Wissen Aufregung um eBay-Versteigerung von Dinosaurier-Baby
Nachrichten Wissen Aufregung um eBay-Versteigerung von Dinosaurier-Baby
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14:00 16.04.2019
Rekonstruktion des Skeletts von Son of Sampson, der auf eBay zum Verkauf steht. Quelle: Alan Detrich
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La Jolla

Der eBay-Händler Joe Bissell alias PirateGoldCoins aus dem südkalifornischen La Jolla hat als professioneller Anbieter von Fossilien, alten Goldmünzen aus Schiffswracks sowie teuren Kristallen etliche wertvolle Gegenstände in seinem Angebot, doch seine aktuelle Versteigerung ist nicht nur die mit Abstand teuerste – sie sorgt auch für heftige Empörung.

Tyrannosaurus-Baby zu verkaufen

Denn zum Verkauf steht der „womöglich einzige“ junge Tyrannosaurus rex weltweit. Den Baby-Dino gibt es übrigens zum Festpreis. Wem die aufgerufenen 2.950.000 Dollar (2,61 Millionen Euro) zu teuer sind, der kann auch ein eigenes Angebot einreichen.

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Paläontologen dagegen sind empört über die kommerzielle Ausschlachtung des einzigartigen Fossils. Das eBay-Angebot treibe die Preise für wissenschaftlich wertvolle Funde in die Höhe, berichtet das Fachmagazin Science. Für Ärger unter den Wissenschaftlern sorgt zudem die Tatsache, dass der Saurier länger als ein Jahr im Natural History Museum in Lawrence gezeigt wurde – einer wissenschaftlichen Institution, die von der Universität von Kansas betrieben wird. Die Aktivitäten des Museums, die unter anderem Untersuchungen des Skeletts beinhalteten, hätten zudem, wenn wohl auch unabsichtlich, den kommerziellen Wert des Fundes gesteigert, heißt es in einem offenen Brief der Society of Vertebrate Paleontology (Gesellschaft für Wirbeltierpaläontologie, SVP) in Bethesda, Maryland. Je höher der materielle Wert sei, desto unwahrscheinlicher werde es, dass das Fossil einer öffentlichen Sammlung gestiftet werde – und in Privatbesitz sei es faktisch für die Wissenschaft verloren.

Privatbesitz „nicht hinnehmbar“

Weiter heißt es in dem offenen Brief: „Fossile von Wirbeltieren sind selten und häufig einmalig. Die wissenschaftliche Praxis verlangt, dass akademische Schlussfolgerungen bezüglich des Fossils verifizierbar bleiben: Die Forscher müssen jederzeit die Möglichkeit haben, das Fossil erneut zu untersuchen, ihre Ergebnisse neu zu interpretieren – was Jahrzehnte oder auch Jahrhunderte nach dem Fund geschehen kann. Zudem könnten technologischer Fortschritt, neue wissenschaftliche Fragen und die Möglichkeiten der synthetischen Forschung dazu führen, dass Fossile für neue Untersuchungen genutzt werden, die nicht dem ursprünglichen Forschungsgedanken entsprechen. Deshalb sagen die Statuten unserer Gesellschaft auch unmissverständlich, dass ,der Tausch, Verkauf oder Erwerb wissenschaftlich bedeutsamer Wirbeltierfossilien nicht hinnehmbar ist, es sei denn, sie werden dadurch in eine öffentlich-rechtliche Stiftung überführt oder dort gehalten.’“

Das ist bei dem aktuellen eBay-Angebot anscheinend absolut nicht der Fall. Das 68 Millionen Jahre alte Skelett, das den Spitznamen „Son of Sampson“ trägt, wurde 2013 auf einem Privatgelände im US-Bundesstaat Montana freigelegt. Alan Detrich, der zusammen mit seinem Bruder das Fossil entdeckte, wandte sich dann an das Museum der Universität von Kansas und bot eine Dauerleihgabe an. Bis 2017 war „Son of Sampson“ dann auch in dem Museum ausgestellt – und etliche Paläontologen, so Detrich zu „Science“, hätten sich auch bei dem Museum gemeldet, um den Tyrannosaurus wissenschaftlich zu untersuchen.

Dem widerspricht der ehemalige SVP-Präsident und Paläontologe David Polly von der Universität von Indiana entschieden. Die Untersuchungen, bei denen es unter anderem darum ging, ob die Proportionen von Sampsons Extremitäten auf ein Jungtier schließen lassen oder es sich um eine eigene Gruppe namens Nanotyrannus handle, hätten dazu geführt, dass das kommerzielle Interesse an Sampson extrem zugenommen habe – und das Museum habe nicht im Dienste der Wissenschaft, sondern der Profitmaximierung gehandelt.

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Museumsdirektor Leonard Krishtalka sagte in einem Statement: „Weder verkauft das Museum Funde an Privatpersonen noch vermittelt es derlei Verkäufe. Das Dinosaurier-Skelett sei aus der Ausstellung entfernt worden und werde Detrich zurückgegeben.“ Mehr, so Krishtalka zu „Science“, könne er aus rechtlichen Gründen dazu nicht sagen.

Eigentümer pocht auf sein Verkaufsrecht

Detrich wiederum bedauert seine Entscheidung mittlerweile, die eBay-Auktion gestartet zu haben, ohne das Museum zu informieren. „Das hätte man wirklich besser machen können, ich übernehme dafür die volle Verantwortung.“ Allerdings gebe es kein Gesetz, das Privatleuten verbiete, ihre Fossilien zu verkaufen, ob auf eBay oder sonst wo, oder sie in Museen auszustellen.

Wer sich die eBay-Plattform von „PirateGoldCoins“ oder auch deren Website anschaut, mit der Detrich augenscheinlich zusammenarbeitet, stellt schnell fest, dass der Handel mit fossilen Skeletten offensichtlich ein einträgliches Geschäft ist. Und Detrich hat wohl noch eine weitere Einkommensquelle aus Fossilien. Er betreibt die sektiererisch anmutende Seite spearofjesus.com, auf der er selbst erstellte „Kunstwerke“ vertreibt, die aus Fossilteilen hergestellt sind „und Jesu Wort durch Kunst verbreiten“ sollen, so der Claim der Seite. Woher Detrich seine fossilen Funde hat, die auch auf der Webseite zu sehen sind, bleibt ebenso im Dunkeln wie seine Geschäftsbeziehung zu dem eBay-Händler in Kalifornien.

Dass gegen den Verkauf von Privateigentum rechtlich nichts zu machen ist, ist auch David Polly klar. Er verweist in „Science“ darauf, dass gerade im Berliner Museum für Naturkunde ein Tyrannosaurus rex aus Privatbesitz ausgestellt sei. Die Schau TristanBerlin zeigt Zähne“, verweist stolz darauf, dass „Tristan Otto das bisher einzige Originalskelett eines T. rex in Europa“ sei. Zu der Ausstellung ist eigens auch eine Tristan-App entwickelt worden. Tristan Otto, der nach den Vornamen der Söhne seines Eigentümers benannt ist, wurde in derselben Region, der Hell Creek Formation in Montana, gefunden, aus der auch „Son of Sampson“ stammt. Für Polly ist klar, dass auch Tristan seinen Ruhm und seinen wissenschaftlichen Lorbeer durch Ausstellungen gemehrt habe – und damit seinen Wert.

„Der geforderte Preis ist absurd.“

Sein Paläontologen-Kollege Thomas Carr vom Carthage College in Kenosha/Wisconsin gibt „Son of Sampson“ für die Wissenschaft schon verloren – und bedauert das auch. Allerdings verweist er darauf, dass dieses nicht komplette Skelett mit geborstenem Schädel nicht der beste aller Funde sei, trotz der Behauptung von Detrich, es sei der einzige jugendliche Tyrannosaurus weltweit. „Das ist eine Verdrehung der Tatsachen“, sagt Carr, der überzeugt ist, dass alle sogenannten Nanotyrannus-Saurier in Wahrheit nicht ausgewachsene T-Rex seien, zu „Science“. Zudem ist er überzeugt, dass niemand die geforderten 2,95 Millionen Dollar für Sampson zahlen werde. „Der geforderte Preis ist absurd.“

Noch läuft die Auktion, die seit 26. Februar online ist, und ein Ablaufdatum ist nicht zu entdecken. Offensichtlich ist der Onlinehandel mit Fossilien auf eBay wirklich lohnend – denn derselbe Verkäufer preist auch noch ein komplettes Skelett eines Triceratops an; ein echtes Schnäppchen im Vergleich zu Sampson: der gehörnte Saurier ist für 890.000 Dollar zu haben.

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Von Daniel Killy/RND

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