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12:00 30.06.2018
Lars Fetköter, stellvertretender LN-Chefredakteur.
Lars Fetköter, stellvertretender LN-Chefredakteur. Quelle: Olaf Malzahn
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Moskau/Lübeck

Nach Misserfolgen wieder aufzustehen und aus dem Scheitern zu lernen - das versuchen wir unsere Kinder zu lehren. Wenn wir das ernst meinen, gelingt es uns sogar hin und wieder, es ihnen vorzuleben. Und jetzt? Nach dem kläglichen WM-Aus der deutschen Weltmeisterelf fordert die Mehrheit der Bundesbürger, verlangen etliche Fußballexperten den Rücktritt von DFB-Cheftrainer Joachim Löw.

Mannschaft raus, Trainer raus. So einfach können wir uns das machen. Aber es wäre ein Fehler. 

Aus drei Gründen. Der erste: Es gibt keinen besseren für diesen Posten. Die Erfahrung, die Löw seit 2004 mit der Nationalmannschaft gewonnen hat, ist ein unglaublicher Schatz. Er weiß, wie sich aus vielen Talenten eine hungrige und spielfreudige Mannschaft formen lässt. Er weiß, wie man eine Mannschaft in einem wichtigen K.-o.-Spiel gegen Italien vercoacht (EM-Halbfinale 2012 in Warschau) und wie man sie in einem wichtigen K.-o.-Spiel gegen Italien zum Erfolg führt (EM-Viertelfinale 2016 in Bordeaux).

Löw hat 2014 in Brasilien bewiesen, dass er viele Einzelspieler dazu bringen kann, als Einheit aufzutreten und gemeinsam mit Teamgeist und Spielwitz jede Mannschaft der Welt zu besiegen. Und nun hat er bitter lernen müssen, dass er mit seinen Weltmeistern, wenn er sie in schlechter Verfassung aufs Feld schickt, gegen jede Mannschaft der Welt verlieren kann.

Löw hat großen Anteil am erbärmlichen Abschneiden in Russland

Soll der DFB ihn deshalb vom Hof jagen? Den Weltmeistertrainer, der die deutsche Elf bei großen Turnieren in sechs Halbfinals (2006 als Assistent von Jürgen Klinsmann), in zwei Finals und zu einem Titel geführt hat? Klar, Löw hat großen Anteil am erbärmlichen Abschneiden der DFB-Elf in Russland. Niemand wird im Rückblick besser wissen als er, wann er Routine und Verdienste (Neuer, Boateng, Khedira, Müller) über Fitness, Hunger und Spielwitz (ter Stegen, Sané) gestellt hat. 

Den Konkurrenzkampf, der nach den Siegen im Confed-Cup und bei der U21-EM ausgerufen schien, hat Löw mit dem Festhalten an seinen treuen Gefährten erstickt, auch noch in Russland. Die beschwingte und inspirierende Atmosphäre in den Sechser-WGs vom Campo Bahia 2014 hat den Zusammenhalt im Team gefördert, in den Einzelzimmern von Watutinki 2018 fiel das Team auseinander. Auch diese Erfahrung hat Löw jedem seiner möglichen Nachfolger voraus. Er weiß besser als wir alle, was schiefgelaufen ist. Und er wird besser als jeder andere wissen, mit welchen Spielern der Neuanfang gelingen kann.

Löws Vertrag gilt noch vier Jahre - das verpflichtet ihn und den DFB

Der zweite Grund, warum Löw bleiben sollte, ist schlicht: Vertragstreue. Der DFB und Löw haben sich vor wenigen Wochen auf eine Zusammenarbeit bis 2022 geeinigt. Das verpflichtet beide. Der DFB sollte Löw nicht aus populistischen Gründen oder wegen der grausamen Gesetze des Fußballmarktes fortjagen. Und dem Bundestrainer, der pro Jahr mehr als drei Millionen Euro kassiert, darf abverlangt werden, dass er sich auch nach diesem peinlichen Misserfolg wieder an die Arbeit macht.

Hinfallen. Aufstehen. Krönchen richten. Weitermachen

Hier kommen wir zum dritten Grund: Wenn Joachim Löw als Bundestrainer nach dem Scheitern einen Neustart wagen will und wagen darf, hat das Vorbildcharakter. Jeder, der eine Bauchlandung erleidet, ob im Beruf, in der Schule oder im Privaten, ob im Kleinen wie im Großen, hat ein weithin sichtbares Beispiel dafür, dass es auch nach dem Scheitern möglich ist, seine Selbstachtung wiederzufinden. Hinfallen. Aufstehen. Krönchen richten. Weitermachen.

Bitte, lieber Jogi Löw, bleiben Sie! Werte DFB-Funktionäre, lassen Sie den Bundestrainer im Amt. Das Scheitern von Russland 2018 wird Löw besser machen, nicht schlechter. Er weiß, wie man Weltmeister wird. Und er weiß, wie man eine WM vergeigt.

Lars Fetköter