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Sport im Norden Neustädter Kufen für Olympia 2022
Sportbuzzer Sport im Norden Neustädter Kufen für Olympia 2022
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23:10 24.03.2018
Nico Walther und Andreas Babbe (r.) vermessen eine Kufe. Links: Die „Kufen-Musketiere“ Nico Walther, Andreas Babbe, Jens Sager und Johannes Strobel (v.l.).
Nico Walther und Andreas Babbe (r.) vermessen eine Kufe. Links: Die „Kufen-Musketiere“ Nico Walther, Andreas Babbe, Jens Sager und Johannes Strobel (v.l.). Quelle: Fotos: Felix König
Neustadt

Ortseingang Neustadt, mitten im Gewerbegebiet, am Holmer Weg ist „Deutschland – das Land der Ideen“ zu finden. So steht es auf dem Schild am Firmeneingang von „F&F Lasertechnik“. Die Köpfe hier sind nicht nur ideenreich, sondern auch schräg. Welche Chefs versehen ihre Parkplätze sonst mit den Namen „Dumm“, „Hässlich“ und „Schnuggel“?

Nach Viererbob-Silber in Südkorea: Nico Walther besucht „F&F Lasertechnik“ – Ostholsteiner steigen in Kufen-Bau ein – Bob-Pilot sucht Anschieber im Norden.

Die klugen Köpfe sind die Geschäftsführer Andreas Babbe (50), Jens Sager (47) und Janine Kühl (39). Mit Metall- und Blechverarbeitung haben sie sich einen Namen gemacht (Umsatz pro Jahr: 5,5 Mio. Euro, 40 Angestellte). Seit 2012 haben sie den Sport entdeckt, schleifen seitdem die Kufen von Eisschnellläuferin Claudia Pechstein. Seit dem Vorjahr – und das war lange ein Geheimnis – auch die des Bob-Teams Nico Walther. Für den Sachsen entwickelten sie mit ihrem wissenschaftlichen Mitarbeiter Johannes Strobel (24) eine neue Schleiftechnologie. „Ich hatte schnell gemerkt, dass ich da Hilfe brauche“, erklärt Walther. Das Neustädter Trio war auch bei den Pyeongchang-Spielen vor Ort – und das in einer Art olympischer Dauerschleife: Schleifen, Schlafen, Schleifen. Der Erfolg: Walther jagte mit Kevin Kuske, Alexander Rödiger und Eric Franke zu Olympia-Silber. „Ohne die F&F-Jungs hätte ich die Medaille nie und nimmer geholt“, adelt er die Ostholsteiner.

Geschichte. In Neustadt stecken die „F&F’s“ mit dem Silber-Sachsen die Köpfe zusammen. Es geht um Peking 2022, die nächsten Spiele. Dass sie den Weg gemeinsam gehen, ist beschlossen, das Vorhaben ehrgeizig: „Wir wollen für Nico die Kufen nicht nur schleifen, auch bauen“, sagt Babbe. Wohlwissend, dass das vom internationalen Verband verpasste Korsett dabei verdammt eng ist. Die 10000 Euro teuren Rohlinge, aus denen die 14 Millimeter breiten Kufen entstehen, dürfen sie beispielsweise nur bei einem Hersteller in der Schweiz kaufen. Pro Jahr braucht Walther bis zu 23 Sätze. „Das wird eine üble Materialschlacht“, ahnt Babbe. Allein fürs Testen hat er zwölf Sätze eingeplant. Sager ist da eher der Mann fürs Visionäre: „Wenn wir es schaffen, eine bessere Kufe zu bauen, profitieren auch wir.“ Denn langfristig wollen die Neustädter ihre Kufen „Made in Schleswig-Holstein“ in die Welt exportieren. Der Deal: Walther hat für ein Jahr Exklusivität, danach kann F&F frei verkaufen.

Der Sachse will im Norden nicht nur Kufen bauen lassen. Er ist hier auch auf der Suche nach neuen Anschiebern. „In Sachsen habe ich alles abgegrast, da ist nix mehr.“ Der Verband hilft bei der Suche zwar auch, „aber bisher war eher alles Zufallsprinzip“. Die Anforderungen: Schnell und kräftig müssen sie sein, mindestens 1,80 Meter groß. „Und 80 Kilo sollten die Jungs schon auf die Waage bringen.“ Footballer hatte er schon in der Testschleife, ideal sind Sprinter. Denn Fakt ist: Wer in Deutschland gut ist, läuft international dennoch hinterher. Im Bobsport hat er die Chance, bei Olympia und WM um die Medaillen mitzufahren. Sagen würde Walther solche Sätze nie, auch um die gute Zusammenarbeit mit dem Leichtathletik-Verband nicht aufs Spiel zu setzen. Und was erwartet mögliche Interessenten? Walther, der mit seinem Team in Dresden trainiert und in Altenberg seine Hausbahn hat, würde sie nach Sachsen einladen.

Der 27-Jährige, der bei der Bundespolizei angestellt ist, nimmt die Dinge ohnehin gern selbst in die Hand. Er fährt zwar im Team, ist als Pilot aber doch eine Ich-AG. Trainingslager, Reisen, Material – alles muss er selbst organisieren und bezahlen. Auch seine Anschieber stehen auf seiner Gehaltsliste. Für sie zahlt er Reisen, Unterkunft, Essen, auch Prämien. Pro Saison kommen da mehr als 100 000 Euro zusammen. Vom Verband gibt es dank der Zentralvermarktung (Post-AG) eine Spritze, den Rest müssen Sponsoren abdecken. Doch das reicht nicht immer. Um 2015 in den Weltcup zu kommen, musste er einen 15.000-Euro-Kredit aufnehmen. Seine Anfänge, als der Altenberger vier Jahre zuvor mit 21 vom Rodel in den Bob umstieg, klingen sogar abenteuerlich: „Meine erste Crew habe ich auf dem Dresdner Weihnachtsmarkt angeworben. Ich hab’ da einfach Leute angequatscht.“ Das braucht er jetzt nicht mehr. Walther setzt auf Olympia-Silber als Visitenkarte – und künftig auch auf Kufen aus Neustadt.

Nico Walther über . . .

. . die, die den Bob anschieben: „Wenn ich höre, das sind nur Anschieber geht mir der Hut hoch. Die Jungs machen den Unterschied aus, den über Medaille oder Blech. Andre Lange wäre ohne Kevin Kuske nicht vierfacher Olympiasieger geworden.“

. . . Olympia in Deutschland: „Dass das mit München nicht geklappt hat, ist extrem schade. Gerade in punkto Nachhaltigkeit finde ich es wichtig, dass die Winterspiele wieder an traditionelle Länder gehen. Dahin, wo alle Sportstätten da sind. In Peking muss fast alles neu gebaut werden.“

. . . über Dopingkontrollen: „Die sind richtig und wichtig, auch wenn das Adams-System, bei dem wir eingeben müssen, wo wir sind, oft nervig ist. Nett ist auch, wenn der Kontrolleur klingelt und du nicht kannst. Ich hatte einen schon mal zwei Stunden an der Hacke, habe ihn mit zum Einkaufen und ins Hotel genommen.“

. . . über Doppel-Olympiasieger Francesco Friedrich: „Wir sind im selben Verein in Oberbärenburg, trainieren Athletik im Team auch oft gemeinsam. Doch das war’s. Über Material, Ideen oder ähnliches reden wir kein Wort. Da sind wir Konkurrenten.“

. . . die Karriere danach: „Die kommt nicht vor 2022. Ich wollte immer Pilot werden. Bei der Flugstaffel der Polizei einzusteigen, wäre ideal.“

 Jens Kürbis