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Schießen: Sonja Scheibl – Doppelleben als Schützin und Tischlerin

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09:00 25.04.2021
Trap-Schützin Sonja Scheibl hat die EM-Qualifikation fest im Visier.
Trap-Schützin Sonja Scheibl hat die EM-Qualifikation fest im Visier. Quelle: imago sportfotodienst
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Lübeck/Suhl

Auf Scheiben schießen, das ist die Passion von Sonja Scheibl (Itzstedt) und Vincent Haaga (Heringsdorf). In Suhl leben beide ihre große Leidenschaft an diesem Wochenende aus. Deutschlands beste Flintenschützen ermitteln ihre Starter für die EM im kroatischen Osijek (24. Mai bis 5. Juni). Und das schleswig-holsteinische Duo liegt vor dem Finale auf EM-Kurs. Scheibl ist im Trap nach acht von zehn Runden (die erste Qualifikation war in Frankfurt/Oder) mit 178 Scheiben auf Rang zwei notiert, mit vier Scheiben Vorsprung auf Rang drei. Die besten zwei Frauen lösen das EM-Ticket. In Haagas Disziplin Skeet sind drei Plätze zu vergeben. Und der Ostholsteiner führt mit Tilo Schreier (Frankfurt/Oder) mit 194 Scheiben das Feld an – mit vier Scheiben Vorsprung auf Platz vier.

Scheibl schaut nicht auf die Ergebnisse

Noch 2x25 Schuss am Sonntag, dann ist es vollbracht. „Die Anspannung ist schon groß“, gibt Haaga zu, „gerade in den ersten beiden Runden war es extrem.“ Mit 24 sowie 23 Scheiben verfehlte er drei, „ein Fehler hätte nicht sein müssen“. Dafür passte die letzte Runde. 25 Schuss, 25 Treffer. Scheibl war „im Großen und Ganzen schon zufrieden“. Wie sie genau liegt, das weiß sie nicht. „Ich schaue nie auf die exakten Ergebnisse.“ Mit der Erfahrung aus 25 aktiven Jahren ist sie bei Wettkämpfen ganz bei sich, will sich nicht von Zwischenergebnissen verrückt machen lassen. „Ich bin nicht der Mensch, der sonderlich aufgeregt ist, lass es ganz entspannt auf mich zukommen.“

Haaga und Scheibl – zwei Leidenschaften, zwei Ansätze

Haaga und Scheibl – zwei Leidenschaften, zwei Ansätze. Er ist 25, lebt als in Oberhof stationierter Sportsoldat seine Passion als Fulltime-Job aus. Sie ist 41, führt ein Doppelleben im segebergischen Itzstedt als Schützin und Tischlerin. Er schoss sich 2017 als Vizeweltmeister in die Weltspitze. Als er danach die Scheiben und auch seine Ziele verfehlte, fiel er in ein Loch. Jetzt ist er wieder da. Sie ist seit mehr als 20 Jahren in Kadern des Deutschen Schützenbundes (DSB), stand dabei mehrfach auf dem Podest, zuletzt 2018 (EM-Silber mit dem Team). Der zwischenzeitliche Höhepunkt liegt indes schon mehr als acht Jahre zurück, die Olympischen Spiele 2012 in London (Platz 17). Jetzt nimmt sie ihren zweiten Anlauf, hätte – wie Haaga – bei der EM die Chance, das Tokio-Ticket zu lösen.

Vincent Haaga lebt als Sportsoldat seine Leidenschaft fürs Schießen als Fulltime-Job voll aus. Quelle: Otto Kasch

Tischlerei Scheibl – Auftragsbücher sind voll

Mit zwölf Jahren begann Sonja Scheibl mit Luftgewehrschießen, mit 16 griff sie zur Flinte. „In unserem kleinen Nest Itzstedt gab es nur den Schützen- und den Tennisverein. Ich habe mich eben fürs Schießen entschieden“, erzählt sie. Auch ihre Eltern sind im Verein aktiv. Doch für die gebürtige Oldesloerin zählt mehr als nur Kimme und Korn, das tägliche Schießen auf 70 km/h schnelle, aus einem Bunker auffliegende Tonscheiben. Sie ist mit Leib und Seele auch Tischler-Meisterin, hat sich in Itzstedt selbstständig gemacht. Ein Ein-Frau-Betrieb, „anders würde es nicht funktionieren“. Mit dem Fertigen von Möbeln und Einrichtungsgegenständen, ihrer individuellen Beratung, hat sie sich einen Namen gemacht. Morgens um 7 Uhr steht sie bereits in der Werkstatt. Ihre Auftragsbücher sind voll.

Scheibl: Büroarbeit im Trainingslager

Bleibt da noch Zeit fürs Schießen? „Im Sommer schieße ich nachmittags, fahre auch zweimal im Monat für zwei, drei Tage in Kurz-Trainingslager in die Nähe von Osnabrück.“ Denn in Itzstedt fehlen Trainer und Trainingspartner. 300 Kilometer hin, 300 Kilometer zurück. Das Büro, ihr Laptop, ist immer dabei, auch beim Wettkampf. „Da schreibe ich dann Angebote, Rechnungen, der Bürokram muss ja auch sein.“ Und Athletik-Training? „In der Werkstatt ist genug körperliche Arbeit“, erzählt sie lachend. Denn sie weiß, dass sie auch von ihrer mentalen Stärke lebt. „Ich habe ja schon ein paar Jährchen Erfahrung mehr, mache auch viel in dem Bereich.“ Dem finalen Kampf ums EM-Ticket sieht so entspannt entgegen: „Ich gehe davon aus, dass ich mich qualifiziere.“ Und glaubt sie auch an Olympia? „An die Chance ja. Aber dass die Spiele stattfinden, da bin ich eher skeptisch.“ Ihre zweiten Spiele würde sie aber schon gern erleben. „London, das war schon toll. Ich habe da auch Sportarten, wie Ringen, zum ersten Mal erlebt, da war ich völlig von der Rolle.“ Nur die Abschlussveranstaltung musste sie sausen lassen. In Itzstedt wartete die Werkstatt.

Von Jens Kürbis