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Rudern Christian von Warburg: Der große Traum ist für Lübecks Topruderer geplatzt
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20:02 04.12.2019
Christian von Warburg war bei der U23-WM 2017 in Plovdiv (Bulgarien) als Ersatzmann dabei. Quelle: Detlev Seyb/HFR
Lübeck

Vor. Zurück. Vor. Zurück. Wie ein Pendel schiebt Christian von Warburg seinen Sitz auf der Schiene hin und her, treibt mit kräftigen Seilzügen die Metallscheibe vor sich immer schneller an. Von seiner Stirn tropft der Schweiß, der Puls rast. Die Einheit auf dem Ergometer, sie gehört derzeit zum festen Tagesablauf des 24-Jährigen. Doch es ist keineswegs die schöne Aussicht, die er nur ein paar Minuten weg von seiner Hamburger Wohnung bei der Rudergesellschaft Hansa genießt. Es ist auch nicht der Traum von Olympia, der den Lübecker antreibt. Denn der ist geplatzt, explodiert wie ein Luftballon. Von Warburg steigt aus, sagt dem Leistungssport ade.

Zwei, drei dünne Sätze und ein Hinweis

Auf der Webseite „sxulls.de“, die den Weg von Deutschlands besten Skullern bis Tokio 2020 aufzeichnet, ist er noch als Athlet aufgelistet. Doch das ist überholt. Bundestrainer Marcus Schwarzrock hat von Warburg mitgeteilt, dass er nicht mehr zum Team gehört, auch nicht mehr Sportsoldat ist. „Er meinte, er brauche den Platz für einen anderen.“ Zwei, drei dünne Sätze, garniert mit dem Hinweis, dass „ich ja zwei Jahre Zeit gehabt und sie nicht genutzt hätte“. Wenn von Warburg das erzählt, kann er seine Verbitterung nur schwer verbergen – nicht über seine Ausbootung, sondern über das Wie.

Christian von Warburg (Lübecker RG, r.) gewinnt mit Anton Finger, Johannes Lotz und Steven Hacker 2017 in München DM-Gold mit dem U23-Doppelvierer. Quelle: Detlev Seyb/HFR

Aus nach der Kleinboot-Meisterschaft

Seit November 2018 hat der Verband Deutschlands beste Skuller am Stützpunkt Hamburg/Ratzeburg zusammengeholt. 15 Skuller, 3 Bootsklassen, 7 freie Plätze – für den Olympia-Traum. Im April war der für von Warburg eigentlich schon vorbei. Nach der Kleinboot-Meisterschaft, der Selektion für die Boote, war er raus. „Und danach saß ich da mit großen Fragezeichen. Ich wollte wissen, wie es weitergeht, habe um ein Gespräch gebeten. Doch ich bin immer wieder ins Leere gelaufen.“

Christian von Warburg (l.) mit dem Olympiazweiten von 2016, Max Munski, und Olympiasieger Florian Mennigen (r.) bei der Sportshow in Lübeck. Quelle: Agentur 54°

„Da gab es vom Verband keine Hilfe, nichts“

Es ging schließlich um seinen Platz im Perspektivkader, seinen Status als Sportsoldat, seinen Lebensunterhalt. Von Warburg hing lange in der Warteschleife fest – ohne klare Ansage, ohne Wettkampf. Bis das Aus kam. Ungebremst. Von 100 auf null, von 24 Stunden Training die Woche auf Abtrainieren. Selbst das organisierte von Warburg in Eigenregie. „Da gab es vom Verband keine Hilfe, nichts.“ Ärzte und Trainer halfen erst auf Nachfrage. Von Warburg akzeptiert, „dass andere besser sind. Das ist nun mal im Sport so, zumal ich mir vollkommen klar war, dass noch viel Arbeit vor mir liegt.“ Denn sein Plan war auf 2024 ausgerichtet. „Doch ohne richtige Unterstützung kommt man auch nicht weiter. Was aber gar nicht geht, das ist die Kommunikationskultur, die Art und Weise, wie mit einem umgegangenen wird, wenn man raus ist.“ Der 100-Kilo-Recke vermisst da Verantwortungsgefühl.

Mentor Lötsch: „Leistung hat nicht gereicht“

Landestrainer Björn Lötsch, bei seinem Heimatverein der Lübecker RG auch sein Mentor, kann die Schwarzrock-Entscheidung nachvollziehen: „Am Ende des Tages hat die Leistung nicht gereicht. Den Schuh ziehe ich mir mit an.“ Aber das Wie, das gefällt auch Lötsch nicht: „Man kann die Sportler nicht so hängen lassen. Da hätte ich mir mehr Unterstützung auch vom Bundestrainer gewünscht.“

Auf dem Ergometer ist Christian von Warburg eine Maschine: WM-Gold 2016 in Boston unter den Augen von Trainer Björn Lötsch. Quelle: HFRt

WM-Gold 2016 auf der Maschine

In der sechsten Klasse hat von Warburg das Rudern in der Riege der Thomas-Mann-Schule entdeckt. Über die Lübecker Talenteschmiede der LRG schaffte der gebürtige Eutiner den Sprung ins U23-Nationalteam, war bei der WM 2017 dabei. Auf dem Ergometer brachte er es sogar zu höchsten Ehren in der bootlosen Kunst. WM-Gold 2016 in Boston. Es folgte die Berufung in den Förderkader „Team Lübeck“. Der Traum von Olympia war plötzlich mehr als nur eine Vision . . .

Schöner Abschluss in Henley

Aus und vorbei. Und hat er es bereut? „Nein, ich habe so viele Erfahrungen sammeln dürfen, Fähigkeiten erworben, die mir später weiterhelfen. Auch die, mit Niederlagen umzugehen. Und ich habe einiges gesehen. Dass ich im Sommer mit dem Militär-Achter bei der legendären Henley-Regatta dabei sein durfte, war ein schöner Abschluss.“

Für 13 Jahre beim Bund verpflichtet

Von Warburg hat jetzt einen klaren Schnitt gemacht – im Sport, im Studium, im Job. Das Studium für Ingenieurwissenschaften hat er abgebrochen, beginnt eines für Bildung und Erziehung neu. Und er setzt auf die Bundeswehr als festen Arbeitgeber. „Ich habe mich für 13 Jahre verpflichtet.“ Im Januar geht es nach Eckernförde zum Truppen-Praktikum bei der Marine-Infanterie. Dem Rudern will der Hauptgefreite OA aber treu bleiben, seine Erfahrungen weitergeben. Der Trainer-Schein und der fürs Motorboot steht deshalb aktuell auf seiner Agenda ganz oben. „Ich werde auch weiter rudern. Aber nur noch aus Spaß.“

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