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Sportmix Titanic-Überlebender wird Tennis-Champion
Sportbuzzer Sportmix Titanic-Überlebender wird Tennis-Champion
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12:00 08.09.2019
Eine zeitgenössische Darstellung zeigt den Untergang der Titanic. Einer der Überlebenden war Richard Norris Williams (kl. Bild). Quelle: dpa, corbis/getty images
New York

Am Sonntag (22 Uhr MESZ, Eurosport live) stehen sich im Herren-Finale der 139. US Opender spanische Tennis-Altmeister Rafael Nadal und Shootingstar Daniil Medwedew (Russland) gegenüber. Das Grand-Slam-Turnier in New York ist reich an Geschichten und Kuriositäten. Eine der bemerkenswertesten Stories ist die von Richard Norris Williams II, der vor 107 Jahren die Herren-Konkurrenz gewann – zwei Jahre nachdem er den Untergang der Titanic überlebt hatte, bei dem 1514 der über 2200 Personen an Bord ums Leben kamen.

Der Bug der Titanic ist schon im Wasser verschwunden

Die grauenvolle Gewissheit kommt gegen zwei Uhr morgens. Seit mehr als einer Stunde haben Richard Norris Williams II. und sein Vater Charles Duane an diesem 15. April 1912 nicht an sich gedacht, sondern an Frauen, Kinder und Ältere. Es herrscht Chaos auf der Titanic, diesem angeblich unsinkbaren Luxusliner, der kurz vor Mitternacht im Atlantik einen Eisberg gerammt hatte und dessen Bug bereits im Wasser verschwunden ist. Menschen schreien, Metall bricht, und Hilfe ist nicht in Sicht. Dennoch haben Richard, 21 Jahre alt, angehender Harvard-Student und talentierter Tennisspieler, und Duane Williams, ein Anwalt aus Philadelphia, zahlreichen Passagieren in die Rettungsboote geholfen, selbstlos und selbstverständlich. Doch jetzt wird ihnen klar, dass für sie kein Boot mehr übrig ist und sie um ihr Leben schwimmen müssen.

Williams’ Vater wird von einem Schornstein erschlagen

Bevor sie ins eiskalte Wasser springen, wird Duane Williams von einem einstürzenden Schornstein erschlagen. Richard Williams erstarrt, doch ihm bleibt keine Zeit zum Trauern. Alles muss jetzt ganz schnell gehen. Er klettert auf eine Brüstung, springt fünf Meter tief ins eiskalte Wasser und schwimmt „mit aller Kraft“. Der Pelzmantel über seiner Rettungsweste erschwert das Entkommen. Aus einiger Entfernung sieht er schließlich, wie der Stahlkoloss um 2:20 Uhr untergeht - „ohne Lärm, völlig geräuschlos”.

Die Carpathia ist die Rettung

Williams erreicht ein Rettungsboot, das umgekippt im Wasser treibt. Neben ihm klammern sich etwa 30 weitere Personen an den hölzernen Rumpf. Nur 13 von ihnen überleben die Stunden im eiskalten Atlantik-Wasser. Als das Passagierschiff Carpathia Williams rettet, ist er ausgezehrt und völlig unterkühlt. Seine Beine sind rot-lila, er kann sie nicht mehr fühlen.

Schiffsarzt will Williams’ Beine amputieren

Ein Schiffsarzt legt ihm eine Amputation nahe, Williams schüttelt energisch den Kopf. „Meine Beine brauche ich noch“, entgegnet er. Richard Norris Williams hatte schließlich noch viel vor. Und er hat es tatsächlich geschafft. Zwei Jahre später, am 1. September 1914, gewinnt er in Newport/Rhode Island die amerikanischen Tennis- Meisterschaften, das Vorgängerturnier der US Open.

„Ein bescheidener Mann, der nicht gern über sich selbst redete“

Wenn Quincy Williams über seinen Großvater Richard Norris Williams II., erzählt, wirkt er zögerlich. Er spricht von einem „bescheidenen Mann, der nicht gern über sich selbst redete“. Aber so richtig erinnern kann sich der 60-Jährige an ihn nicht mehr. Wie auch. Schließlich war Quincy Williams neun, als sein Großvater 1968 starb. Das meiste, was er über ihn weiß, hat er aus dessen Memoiren erfahren. Die Tenniserfolge und seine Zeit als Soldat im Ersten Weltkrieg. Und wie er den Untergang der „Titanic“ überlebte.

Richard Norris Williams mit seiner Verlobten Frances Gilmore bei einem Tennisturnier in Southampton. Quelle: Corbis/Getty Images

Masern hatten eine frühere Reise verhindert

Richard Norris Williams II. kommt 1891 in Genf zur Welt. Aufgrund gesundheitlicher Probleme seines Vaters sind die Eltern von Philadelphia in die Schweiz gezogen, um leichteren Zugang zu Heilbädern zu haben. Duane Williams bringt seinem Sohn das Tennisspielen bei, 1911 ist dieser erstmals Schweizer Meister. Im Herbst 1912 will er an der Harvard-Universität studieren und Tennis spielen. Um ihn auf beide Aufgaben vorzubereiten, planen die Eltern, ihn bereits im Februar in die Vereinigten Staaten zu schicken. Williams soll an den Sommerturnieren teilnehmen und an der Milton Academy lernen. Das Internat bei Boston ist für sein Prestige und überzeugendes, akademisches Programm bekannt. Doch Williams bekommt die Masern und muss die Reise verschieben.

Erste-Klasse-Tickets für die Titanic

Als sein Vater von der Jungfernfahrt der Titanic hört, bucht er zwei Erste-Klasse-Tickets. Richard und Duane Williams gehören zu den 274 Passagieren, die am 10. April 1912 in Cherbourg an Bord gehen. Vier Tage später sitzen sie zum Abendessen am Tisch von Kapitän Edward Smith. Alle hätten sich die Mägen vollgeschlagen, schreibt Richard Williams später einem anderen Titanic-Überlebenden. Als das Schiff einen Eisberg rammt, werden er und sein Vater aus dem Schlaf gerissen. Panik, sagt Williams, sei aber nicht ausgebrochen. Duane Williams hatte Jahre zuvor auf dem Atlantik ein Schiffsunglück überlebt und versichert seinem Sohn: „Selbst wenn die Titanic stark getroffen ist, kann sie mindestens 12 bis 15 Stunden über Wasser bleiben.”

Sieg bei den US-Tennismeisterschaften

Nur zwölf Wochen nach der Katastrophe spielt Richard Williams wieder ein Tennis-Turnier. Es kommt ihm entgegen, dass die Kleiderordnung weiße, lange Hosen vorschreibt. Denn seine Beine bleiben zeitlebens von den Erfrierungen gekennzeichnet. Trotzdem hat er Erfolg. Am 1. September 1914 gewinnt Williams die amerikanischen Meisterschaften. Im Finale besiegt er den Champion der beiden vorangegangenen Jahre, Maurice McLoughlin.

Kein Wort über die Titanic-Katastrophe

Die Berichterstattung in der New York Times über sein 6:3, 8:6, 10:8 kommt einer Hommage gleich. Von „einer der größten Überraschungen seit Ewigkeiten“, einem „brillanten Spiel“ und „einem völlig überforderten Titelverteidiger“ ist dort zu lesen. Weitaus überraschender als Williams’ Sieg ist aus heutiger Sicht jedoch, dass es im Text ausschließlich um die sportliche Leistung des 23-Jährigen ging. Dabei hatte Williams seinen größten Sieg nicht an jenem Dienstag auf dem grünen Rasen des Newport Casino errungen, sondern am 15. April 1912 im Wasser des Atlantiks.

Ein Flachmann mit besonderer Geschichte

Aus jener Nacht vor 107 Jahren stammt der Flachmann, den Quincy Williams besitzt. Nachdem die Titanic den Eisberg gerammt hatte, war sein Großvater damit zu einer Bar gegangen, um ihn mit Alkohol füllen zu lassen. Der Schnaps, so Richard Williams’ Hoffnung, könne ihn in den kommenden Stunden warm halten. Das Bordpersonal verweigerte jedoch den Ausschank mit der Begründung, die Bar sei geschlossen. Der Flachmann, sagt Quincy Williams, sei bis heute nie gefüllt worden.

US Open, Wimbledon und ein Olympiasieg

Richard Norris Williams II gewann nicht nur zweimal (1914 und 1916) die Einzelkonkurrenz bei den US-Tennismeisterschaften, dem Vorläufer US Open. Er wurde in New York 1925 und 1926 an der Seite von Vincent Richards auch Doppel-Champion. 1920 siegte er außerdem in Wimbledon mit Chuck Garland im Doppel und 1924 gewann er im Alter von 34 Jahren mit der 37-jährigen Hazel Hotchkiss Wightman das Mixed bei den Olympischen Spielen in Paris. 1957 wurde er in die International Tennis Hall of Fame aufgenommen.

Von Heiko Oldörp

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