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Beltquerung Wird der Belttunnel zum Milliardengrab?
Thema B Beltquerung Wird der Belttunnel zum Milliardengrab?
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21:48 14.05.2014
So soll die Einfahrt des 18 Kilometer langen Belttunnels aussehen. Ängstliche Fahrer könnten die Durchfahrt jedoch massenhaft verweigern, glauben Experten. Illustration: Femern A/S
So soll die Einfahrt des 18 Kilometer langen Belttunnels aussehen. Ängstliche Fahrer könnten die Durchfahrt jedoch massenhaft verweigern, glauben Experten. Illustration: Femern A/S
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Der Fehmarnbelt-Tunnel könnte für den dänischen Steuerzahler zum Milliardengrab werden. Mit dieser Aussage schrecken Verkehrsforscher derzeit die Öffentlichkeit in Dänemark auf. Zwar sind die Dänen mehrheitlich für den Tunnel. „Man hat ihnen aber auch nie die ganze Wahrheit erzählt“, behauptet Knud Erik Andersen, ehemals leitender Beamter der obersten dänischen Verkehrsbehörde.

Alle Informationen zur Hinterlandanbindung und der Beltquerung bekommen Sie unter www.ln-online.de/beltquerung

Nach Andersens Recherchen würden die erwarteten Einnahmen aus der Maut nicht ausreichen, um die für den Bau des 5,5 Milliarden Euro teuren Tunnels notwendigen Kredite zu bedienen. Die Planungen für das Milliardenprojekt hätten entscheidende Faktoren nicht berücksichtigt. „Man ist immer davon ausgegangen, dass bei Eröffnung des Tunnels der Fährbetrieb zwischen Puttgarden und Rodby eingestellt wird. Tatsächlich wird Scandlines die Fähre aber weiter betreiben — und könnte ihre Preise für die Überfahrt um 30 bis 40 Prozent reduzieren“, so Andersen. Die einstündige Zeitersparnis reiche in einem Markt mit starker Konkurrenz durch die Fähren als Argument für den Tunnel aber nicht mehr aus, zumal sich viele Autofahrer vor der 18-Kilometer-Tour unter dem Meeresboden schlicht fürchten könnten. „Studien aus Norwegen haben gezeigt, dass bis zu 30 Prozent der Autofahrer solche Ängste haben“, so Andersen.

An einen messbaren negativen Effekt durch Tunnel-Phobiker glaubt Per Homann Jespersen, Verkehrsforscher an der Universität Roskilde, zwar nicht. Eine bleibende Konkurrenz durch die Fähren könnte das Geschäftsmodell des Tunnels jedoch ernstlich gefährden, pflichtet er seinem Kollegen bei. Jespersens Analysen zufolge würden sich für Speditionen, die Güter zwischen Norddeutschland und der Insel Seeland transportieren, zwar in jedem Fall lohnen. „Für die Langstrecke dürfte es aber günstiger sein, die Fähre zwischen Trelleborg und Travemünde zu nehmen“, glaubt Jespersen. Sowohl er als auch Knud Erik Andersen fordern jetzt, ein internationales Expertengremium mit einer neuen Wirtschaftlichkeitsanalyse zu beauftragten.

Danach sieht es nicht aus. „Es gibt keinen übertriebenen Optimismus — weder bei der Finanzierung noch bei der Verkehrsprognose“, stellt Dänemarks Verkehrsminister Magnus Heunicke klar. Selbst im Falle eine fortgesetzten Fährbetriebs nach 2021 wäre der Tunnel nicht in Frage gestellt. Bei diesem Szenario würden lediglich acht Prozent des Pkw-Verkehrs und 13 Prozent der Lkw weiter die Fähre benutzen. „Ich finde, dass jeder selbst entscheiden soll, ob er beim Überqueren des Fehmarnbelts in Zukunft lieber einen Kaffee auf der Fähre trinken oder etwa eine Stunde Fahrzeit sparen möchte“, gibt sich Heunicke gelassen.

Laut Obinna van Capelleveen, Sprecher der Betreiberfirma Femern A/S, habe sich bei der Öresund-Querung gezeigt, dass der Fährverkehr trotz gegenteiliger Ankündigung der Fährgesellschaften am Ende doch nicht fortgesetzt wurde. Capelleveen betont zudem, dass sich nach der letzten Bewertung von 2007 andere Faktoren positiv für den Tunnel entwickelt hätten. So seien in der ursprünglichen Kalkulation Zinszahlungen in Höhe von 3,5 Prozent für die Kredite eingerechnet worden. Wegen der Niedrigzinspolitik in der EU seien es gegenwärtig aber null Prozent. Überdies hätten sich auch die EU-Förderrichtlinien für länderübergreifende Verkehrsachsen geändert. Statt angesetzten zehn Prozent EU-Fördermitteln wären jetzt bis zu 40 Prozent möglich.

Umfrage sieht weniger Tunnel-Kritiker in Dänemark
55 Prozent der Dänen sind für den Fehmarnbelttunnel. Das sagt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Epinion im Auftrag von Femern A/S. In Norddeutschland liegt die Zustimmung hingegen nur bei 41 Prozent. Danach waren in Dänemark 42 Prozent „positiv“, 13 Prozent der Befragten sogar „sehr positiv“ eingestellt, 12 Prozent lehnen den Tunnel ab. In Deutschland waren 24 Prozent positiv, 17 Prozent sehr positiv eingestellt. 20 Prozent antworteten mit „negativ“ oder „sehr negativ“.

Oliver Vogt