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Flughafen Blankensee Ein Jahr PuRen: Wenig Flüge, keine Medizin-Touristen
Thema F Flughafen Blankensee Ein Jahr PuRen: Wenig Flüge, keine Medizin-Touristen
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23:09 31.07.2015
Neu am Airport: Bastian Wroblinski (41) prüft die Zündkerzen der Cessna 150, Baujahr 1974. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen, Dpa, Strunk
Lübeck

Seit einem Jahr versucht Yongqiang Chen sein Glück mit der PuRen Germany GmbH. Mit mäßigem Erfolg. Es gibt bisher keine der angekündigten Medizin- Touristen, keine Flüge nach China (Hamburg will bald wieder einen Direktflug anbieten) — und auch sonst existieren nur vier Linienverbindungen. Immerhin: Eine Wartungsfirma für Flugzeuge gibt es wieder in Blankensee — dafür wurden extra drei Männer eingestellt. Und die Flugschule ist im Aufbau. 13 Fluglehrer arbeiten bereits daran mit und sollen eingestellt werden, wenn es im Herbst losgeht. Auch die 90 Mitarbeiter sollen am Airport bleiben.

Chen hat bisher eine Million Euro in den Flughafen investiert — zusätzlich zu den jährlichen Betriebskosten, die auf sechs Millionen Euro geschätzt werden.

„Es ist schwierig, aus der Insolvenz heraus etwas aufzubauen“, gibt Geschäftsführer Peter Steppe zu. „Aber wir tun alles, um wieder etwas aus dem Flughafen zu machen.“ Er leitet den Airport seit Mai — war aber bis Dezember 2005 schon einmal 13 Jahre lang Airport-Chef, als der Flughafen noch der Hansestadt gehörte. Steppe hatte den irischen Billigflieger Ryanair 2000 nach Lübeck geholt, der sich nach 14 Jahren allerdings wieder verabschiedete, als der Airport im April 2014 Insolvenz anmelden musste. Damals hatte sich der Eigentümer Mohamad Rady Amar aus dem Staub gemacht.

Der Deutsch-Ägypter ist bis heute nicht wieder aufgetaucht.

Heute ist Steppe wieder im Gespräch mit Ryanair, die sich aber mittlerweile in Hamburg festgesetzt haben. Derzeit werden von Lübeck aus Danzig (Polen), Kiew (Ukraine), Riga (Lettland) und Skopje (Mazedonien) angeflogen. Diese Destinationen bietet die ungarische Billig-Airline Wizz-Air an. „Aber zwei Ziele haben wir schon erreicht, die sich Chen gesetzt hat“, sagt Steppe. Erstens: Seit Mitte Juni gibt es die Wartungsfirma mit neu eingerichteter Werkstatt. Derzeit bringen die drei frisch eingestellten Luftfahrtprüfer zwei Maschinen für die Flugschule auf Vordermann. Steppe will den Wartungsservice vor allem denjenigen anbieten, die ihre Maschinen in Blankensee untergestellt haben. Derzeit stehen dort 80 private Flieger. Seit zehn Jahren gibt es damit erstmals wieder eine Wartungsfirma am Airport. Zweitens: Die Flugschule läuft an. Dort sollen Chinesen den Pilotenschein für private Fliegerei machen können. „Wir haben die Zulassung beantragt und warten auf die Genehmigung“, sagt Steppe. Das Land bestätigt, dass der Antrag auf die Flugschule nach neuem europäischem Recht vorliegt. Die Unterrichtsmaterialien seien fertig, die Räume auch, die Fluglehrer seien an Bord. Für die Unterkunft hat der Flughafen bereits einen Bauantrag gestellt. Derzeit bereitet Steppe die Unterlagen für das Bundesluftfahrtamt vor, denn die neue Flugschule soll irgendwann auch einmal den Flugschein für Berufspiloten anbieten.

Allerdings gibt es auch Knatsch am Airport. PuRen hat 75 000 Euro Pacht einbehalten und nicht an Lübeck überwiesen. Airport-Betreiber und Stadt streiten sich über den Zustand der Gebäude. Es steht auch immer noch das Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht in Schleswig aus — seit 2010. Die Gemeinde Groß Grönau klagt gegen das Land. Das hat den Planfeststellungsbeschluss für den Flughafen erlassen. Dabei geht es um den Ausbau des Airports, konkret um die Erweiterung der Start- und Landebahn (2102 Meter) um weitere 60 Meter im Westen und 95 Meter im Osten für einen Wendehammer. Ein Gerichtssprecher sagt aber: „Es ist kein Termin absehbar.“

Das sagen die Politiker
Verkehrsminister Reinhard Meyer (SPD): „Es muss irgendwann etwas zu sehen sein von Herrn Chens Plänen. Das schafft Vertrauen, und Vertrauen ist das Entscheidende.“



Bürgermeister Bernd Saxe (SPD): „Die Ideen von Herrn Chen befinden sich in der Phase der Umsetzung. Ich bin zuversichtlich, dass weiter Aktivitäten von PuRen am Flughafen folgen.
Bei der Etablierung neuer Flugrouten liegt der Flughafen nach einem Jahr unter Regie von PuRen hinter meinen Erwartungen zurück. Ich habe aber überhaupt keinen Anlass, an der Seriosität von PuRen oder Herrn Chen zu zweifeln. Für die Zukunft wünsche ich mir natürlich mehr Flugverbindungen und zusätzliche Aktivitäten, die auch neue Arbeitsplätze nach sich ziehen.“



Groß Grönaus Bürgermeister Eckhard Graf (SPD): „Es gibt Kontakte mit dem Flughafen, aber die sind nicht sehr eng. Die Lärmbelastung ist nicht weniger geworden, denn die Flugschulen fliegen regelmäßig.“


SPD-Fraktionschef Jan Lindenau: „Ernüchterung macht sich breit. Alle Pläne, die in die Umsetzung gehen sollten, stecken noch in den Kinderschuhen. Aber immerhin muss die Stadt keine Fördergelder zurückzahlen und keine Zuschüsse an den Flughafen.“



CDU-Fraktionschef Andreas Zander: „In einem Jahr hat der Flughafen nicht das erreicht, was wir uns gewünscht hätten. Dann müssen wir auf den Sommerflugplan 2016 warten. Herr Chen glaubt an sein Geschäftsmodell, dann sollten wir es auch tun. Welche Alternative haben wir?“



Grünen-Fraktionschef Thorsten Fürter: „Unsere Skepsis hat sich bestätigt. PuRen hat nicht gerade mit Transparenz um sich geschmissen. Der Flughafen kommt nicht vom Fleck. Die Pacht zu streichen, ist ein Alarmsignal.“

Josephine von Zastrow

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