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Innenstadt Die Facetten des Rotlichtmilieus
Thema I Innenstadt Die Facetten des Rotlichtmilieus
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14:14 03.09.2015
Fotokünstlerin Tanja Birkner hat vier Jahre in die Ausstellung „Halbe Stunde“ und den gleichnamigen, im September erscheinenden Bildband investiert. Bevor sie das erste Foto schießen und das erste Interview führen konnte, musste Vertrauen aufgebaut werden. Quelle: Fotos: Peer Hellerling
Innenstadt

Der Ort für die Fotoausstellung könnte nicht passender sein: Künstlerin Tanja Birkner hat die Porträts von Prostituierten und deren Lebensgeschichten im Atelierhaus Clemensstraße aufgehängt — Lübecks einstiger Rotlichtgasse. „Damals war es eine der spannendsten Straßen hier in der Stadt“, sagt die 43-Jährige. Sie ist selbst gebürtige Lübeckerin und kennt daher die Clemensstraße. Das Atelier ist in einem ehemaligen Bordell untergebracht, was der Ausstellung ein zusätzliches Flair verleiht.

Seit 1999 lebt die studierte Kunstwissenschaftlerin Birkner in Hamburg, schon immer habe sie das Verruchte und Geheimnisvolle rund um das Thema Prostitution fasziniert. Vor vier Jahren zog sie daher los und suchte den Kontakt zu Menschen in diesem Schattenreich. Fündig wurde die 43-Jährige im Hamburger Viertel St. Georg — eigentlich eine Tabu-Zone für sexuelle Dienstleistungen, in dem Bereich ist es gesetzlich verboten. Doch wie es mit dem Verruchten immer so ist: Wer genau hinguckt und hartnäckig sucht, wird trotzdem fündig.

Birkner zeigt behutsame Porträts, hat die Lieblings- sowie Arbeitsplätze abgelichtet und liefert dazu kurze Zitate aus den Gesprächen, die sie mit Frauen und Männern der Szene geführt hat. „Ich wollte mit den Klischees, Mythen und Vorurteilen aufräumen“, berichtet sie. Es dauerte über ein Jahr, ehe die 43-Jährige genug Vertrauen in der Szene aufgebaut hatte, um erste Fotos machen und Interviews führen zu können. Herausgekommen sind viele Beispiele aus dem Sex-Gewerbe: von der Zwangsprostitution einer Nigerianerin über männliche Escorts bis hin zur Domina.

Da ist etwa die 23-jährige Faghira aus Bulgarien, die seit zwei Jahren in Deutschland lebt. Eigentlich wollte sie eine „normale Arbeit“ finden, verdient ihr Geld nun jedoch als Prostituierte. „Ich finde diese Arbeit nicht gut, aber ich weiß keine andere“, heißt es auf der Tafel unter den Bildern. Besonders berührt hat Künstlerin Birkner die Lebensgeschichte der 78-jährigen Emilia. Wegen persönlicher Umstände und aus Geldnot muss die Rentnerin auch im hohen Alter noch anschaffen gehen, „obwohl sie das eigentlich nicht will“.

Domina Undine de Revière wiederum steht auf der „selbstbewussten Seite“, wie Birkner sagt. Die 40-Jährige ist zwar studierte Physikerin, habe aber deutlich mehr Spaß an Lack und Leder als an mathematischen Formeln. Und auch Kneipenbesitzer kommen zu Wort. Wirt Helmut Gärtner berichtet vom Rotlichtmilieu: „Wir verkaufen nicht nur Schnaps und Bier, eine gewisse sozialpolitische Verantwortung ist da schon bei.“ So unterstütze sein Boyclub die Deutsche Aidshilfe bei Infoveranstaltungen über Drogenmissbrauch und Aidsprävention.

Um all diese Facetten unter einem Namen vereinen zu können, hat Tanja Birkner den Titel „Halbe Stunde“ gewählt. „Das ist die allgemein gültige Größe“, sagt sie. Die halbe Stunde sei die feste Zeiteinheit, nach ihr berechnet sich fast immer der Preis. Die Ausstellung in der Clemensstraße 3 öffnet heute um 19.30 Uhr mit der Vernissage, das Lübecker Gesundheitsamt holte sie an die Trave. Als Ehrengast wird Domina Johanna Weber erwartet. „Die Clemensstraße hat als Rotlichtmilieu zwar ausgedient“, sagt Birkner. „Doch die Zahl der Prostituierten hat nicht abgenommen.“ Das Gewerbe habe sich stattdessen in Modellwohnungen verlagert, abseits der Öffentlichkeit.

Die Ausstellung
„Halbe Stunde“ ist bis zum 4. Oktober donnerstags bis sonntags von 15 bis 19 Uhr zu sehen. Am 10. September und 1. Oktober, jeweils um 18 Uhr, gibt es Themen-Filme im KoKi, am 13. (11 und 15 Uhr) und 24. September (17.30 Uhr) Rundgänge zu „Erotik, Emanzipation und Selbstbestimmung“ mit Start am Buddenbrookhaus sowie am 17. September, 18.30 Uhr, einen Dia- Abend im „Blauen Engel“, Clemensstraße 8.

Peer Hellerling