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Auf der Flucht Als mehr als eine Million Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein kamen
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Auf der Flucht Als mehr als eine Million Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein kamen
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16:29 19.06.2015
Deutsche Flüchtlinge und Vertriebene - 1945 bis 1950, in Millionen.
Deutsche Flüchtlinge und Vertriebene - 1945 bis 1950, in Millionen. Quelle: Wenzel
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Dort, wo heute die Gemeinde Trappenkamp (Kreis Segeberg) liegt, lagerte bis zum Kriegsende 1945 die Wehrmacht Seeminen. Die Bebauung bestand aus Lagerhallen, Bunkern und ein paar Baracken. Dann kamen die Flüchtlinge - größtenteils Sudetendeutsche, später auch Menschen aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern. Aus dem Sperrgebiet wurde eine Gemeinde, die heute mit 5000 Einwohnern zu den größten im Kreis Segeberg zählt.

Kein deutsches Land hat, gemessen an seiner Einwohnerzahl, so viele Flüchtlinge aufgenommen wie Schleswig-Holstein. 1950 waren von 2,6 Millionen Einwohnern eine Million Flüchtlinge, davon 870000 aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie. In den ersten Jahren nach Kriegsende war der Flüchtlingsanteil sogar noch höher gewesen. Hunderttausende lebten in Baracken, Bunkern, Ställen oder Wellblechhütten. Bei der Landtagswahl 1950 bekam der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) fast ein Viertel der Stimmen.

Nicht immer und überall wurden die Neuankömmlinge mit offenen Armen aufgenommen. Flüchtlinge, die nichts mitbrachten als das, was sie bei sich trugen und schreckliche Geschichten von Tod, Vertreibung und Schmerz: Das war nicht das, worauf man hier gewartet hatte. Dazu kam, dass die meisten Menschen im ländlich geprägten Schleswig-Holstein wenig Erfahrung mit Fremden hatten. Die Flüchtlinge beschleunigten den Niedergang der plattdeutschen Sprache. Zumindest die Erwachsenen unter ihnen konnten sich mit den Einheimischen nur auf Hochdeutsch verständigen. Auch äußerlich prägten sie das Land. Von 1949 bis 1971 wurden in Schleswig-Holstein mehr als 500000 neue Wohnungen gebaut. Viele davon entstanden in neuen Siedlungen an den Rändern der Städte, deren Straßen typischerweise Namen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten tragen - Ostpreußenring in Lübeck, Pommernstraße in Bad Segeberg, Königsberger Ring in Stockelsdorf.

In den ersten Jahren waren überdurchschnittlich viele Flüchtlinge arbeitslos. Aber schon zwischen 1945 und 1949 gingen die meisten Unternehmensgründungen auf ihr Konto. 1949 erwirtschafteten die von Flüchtlingen geleiteten Betriebe ein Sechstel der Wirtschaftsleistung des Landes - obwohl die meisten von ihnen ohne eigenes Kapital gekommen waren. Dazu trug die Politik bei, die solche Unternehmen gezielt förderte.

Von heute aus gesehen ist die Geschichte der Flüchtlinge im Norden die Geschichte einer gelungenen Integration. Die BHE-Wähler wanderten in den 50er Jahren größtenteils zur CDU ab. Heute spielt es keine Rolle mehr, ob die Großeltern aus Kiel oder Königsberg stammen. Und an der Grundschule von Trappenkamp wird Plattdeutsch gelehrt.

Hanno Kabel