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Auf der Flucht Das Geschenk eines Toten
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Auf der Flucht Das Geschenk eines Toten
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19:37 18.05.2015
Dieter Morawski hat ein Buch über die Flucht geschrieben. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Einen Tag nach ihrer Flucht aber stand die Rote Armee in der Stadt und ihr Haus in Flammen.

Die Flucht begann auf der Ladefläche eines Traktorgespanns, ab Teterow ging es zu Fuß weiter mit einem Handwagen und einem Lebensmittelkorb - Mutter, Großmutter und Dieter Morawski, damals neun Jahre alt. Begleitet wurden sie von einer Bekannten, deren Kindern und einer Hausangestellten. Irgendwann nahm sie ein Lastwagen mit, beladen mit Munition. Sie kamen durch brennende Dörfer, molken herrenlose Kühe, übernachteten in verlassenen Häusern und fanden in einem Gutshof einen hellen Staubmantel. „Hitler“ stand handgeschrieben im Futter.

Tiefflieger feuerten aus Bordkanonen, tote Pferde boten Schutz. Irgendwann schafften sie es nach Bad Kleinen, wo der Bahnsteig bedeckt war von wertlosem Notgeld. Den 36. Geburtstag der Mutter feierten sie in einem Flüchtlingslager auf Gut Plüschow, ein Fliederstrauß stand in einer rostigen Blechdose. Schließlich erreichten sie Lübeck, völlig erschöpft, den Handwagen noch dabei. Und als sie in der Moltkestraße klingelten, wo die Schwägerin der Großmutter wohnte, fragte man sie: „Wo kommt ihr denn jetzt erst her?“

Er hat die Flucht als „Abenteuerreise“ erlebt, schreibt Dieter Morawski in einem Buch, seinen Erinnerungen. Er habe den „Ernst der Lage“ nicht begriffen, nicht verstanden, wer die Menschen waren, die man in gestreifter KZ-Kleidung über die Straßen trieb. Von Toten und Verwundeten habe er nichts gesehen, nur einen Mann, den man an einen Baum gelehnt hatte, das Gesicht mit einem Taschentuch bedeckt. Es war Krieg, und Neunjährige liefen durch diese sich auflösende Welt und wussten nicht, was geschah. Und es konnte ihnen wie Dieter Morawski passieren, dass sie zu Weihnachten 1943 ein Päckchen vom Vater erhielten, der schon gefallen war, im Osten an der Front - das Geschenk eines Toten.