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Auf der Flucht Diese vier Prominenten kamen als Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Auf der Flucht Diese vier Prominenten kamen als Flüchtlinge nach Schleswig-Holstein
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16:16 19.06.2015
Der Schriftsteller Siegfried Lenz, geboren 1926 in Lyck (Ostpreußen), verarbeitete in seinen Büchern die alte und die neue, schleswig-holsteinische Heimat. Quelle: dpa

 

Siegfried Lenz

Was, wenn es keinen Zweiten Weltkrieg gegeben hätte und Siegfried Lenz in seiner alten Heimat Ostpreußen geblieben wäre? Vielleicht hätte er sich in Königsberg niedergelassen und wäre dort Schriftsteller geworden. Aber es kam anders. Bei Kriegsende geriet Lenz in britische Gefangenschaft in Schleswig-Holstein. Knapp 60 Jahre später wurde er der vierte Ehrenbürger des Landes.

Gelebt hat er die meiste Zeit in Hamburg, aber Schleswig-Holstein, wo er viel Zeit verbrachte, war in seinem Werk mehr als nur eine Kulisse - genau wie das Masuren seiner Kindheit und Jugend. Sein bekanntestes Buch ist der Roman „Deutschstunde“ (1968). Darin geht es um einen Künstler, dessen reales Vorbild Emil Nolde ist; es geht um die Frage, was Pflicht bedeute; es geht um den Nationalsozialismus; es geht aber auch um Nordfriesland, diese raue Landschaft zwischen Land und Meer und die Menschen, die dort leben. Aber auch die Ostseeküste hat der im vergangenen Jahr verstorbene Lenz in Literatur geformt.

Die Orte und Personen seiner Geschichten sind, bei aller Anlehnung an die Realität, immer fiktiv geblieben. Aber eben nicht beliebig. „All die Erlebnisse in meinen Werken“, sagte er 2004 in Lübeck beim Empfang der Ehrenbürgerwürde, „wären nicht möglich gewesen ohne mein Schleswig-Holstein.“

Die Unternehmerin Beate Uhse (eigentlich Beate Rotermund), geboren 1919 in Wargenau (Ostpreußen), eröffnete 1962 in Flensburg den ersten Sexshop Deutschlands. Foto: dpa


Beate Uhse

Am 26. April 1945 landete eine deutsche Fliegerstaffel auf dem Flughafen Lübeck-Blankensee. Vorneweg flog eine zweimotorige Siebel Fh 104. An Bord war die 25-jährige Pilotin Beate Uhse mit ihrem kleinen Sohn, ihrem Kindermädchen und drei Passagieren. Im letzten Augenblick war sie aus Berlin der Roten Armee entkommen. Wohin jetzt? „Ich kenne da einen Platz, der heißt Lick oder Leck oder so ähnlich“, sagte sie zu den anderen. So begann die Geschichte, die Schleswig-Holstein zur Heimat der legendären Erotik-Unternehmerin machte.

Beate Uhse stammte von einem Gut im nördlichen Ostpreußen. Sie verbrachte ihre Schulzeit auf Internaten und ging mit 16 für ein Jahr als Au-pair-Mädchen nach England. Als junge Frau wurde sie Berufspilotin, zuletzt im Dienst der Luftwaffe. Im dünn besiedelten friesischen Norden nahe der dänischen Grenze war sie so fremd, wie man es nur sein konnte.

Kurz nach dem Krieg ließ sie die „Schrift X“ drucken, eine Anleitung zur natürlichen Empfängnisverhütung, und vertrieb sie von dem kleinen Ort Braderup aus in ganz Deutschland. Lange vor dem, was als „sexuelle Revolution“ in die Geschichte einging, baute Beate Uhse (die ab 1949 Rotermund hieß, aber für ihr Geschäft immer den alten Namen verwendete) ihr Unternehmen auf. Sie war erfolgreich - um den Preis scheinbar endloser Scherereien mit der Justiz. Als sie 1999 80 Jahre alt wurde, trug sie sich in das Goldene Buch der Stadt Flensburg ein. Nach ihrem Tod im Jahr 2001 wurde eine Straße nach ihr „Beate-Rotermund-Straße“ benannt. 2012 führte das Schleswig-Holsteinische Landestheater die Revue „Beate U. - Ein Frauenleben in Schleswig- Holstein“ auf.

Der Entertainer Günter Willumeit, geboren 1941 in Memel (heute Klaipeda), wurde mit seiner Kunstfigur berühmt: dem holsteinischen Bauern Piepenbrink. Foto: LN-Archiv


Günter Willumeit

Bauer Piepenbrink sprach Hochdeutsch, weil es nun mal sein musste, näselnd mit gerolltem ,r und verschluckten Endsilben. Alles Moderne, Weltläufige und Großstädtische war für ihn eine Zumutung, der er seinen derben Humor entgegensetzte. Erfunden und verkörpert hat dieses Holsteiner Original der Entertainer Günter Willumeit.

Willumeit kam 1945 als dreijähriges Kind aus dem Memelland. Mit Mutter und Schwester und dem später aus dem Krieg zurückgekehrten Vater kam er in die Nähe von Bad Segeberg und verbrachte dort Kindheit und Jugend. Er ließ sich zunächst als Zahnarzt in Bad Segeberg nieder. In seiner Freizeit trat er als Komiker auf, und als sein Bauer Piepenbrink immer erfolgreicher wurde, verlegte er sich immer mehr aufs Entertainment, bis er 1994 die Zahnarztpraxis ganz aufgab.

2013 starb er in Bad Segeberg. Über seine Zeit als Flüchtlingskind auf dem Land hatte er auch mit engen Freunden nie gesprochen.

Der Pianist und Dirigent Justus Frantz, geboren 1944 in Hohensalza (Inowroclaw), gründete 1986 das Schleswig-Holstein Musik Festival. Foto: Malzahn


Justus Frantz

Soll im reichen Hamburg-Harvestehude ein Flüchtlingsheim entstehen? Der Pianist, Dirigent und Musikmanager Justus Frantz wohnt in der Nähe. „Ich bin Fürsprecher“, sagte er 2014 der „Zeit“. „Ich habe größtes Verständnis für Flüchtlinge.“ Er war gerade ein Jahr alt, als er mit seiner Mutter und vier Geschwistern aus Polen floh. Sie landeten in Testorf, einem Gut in der Nähe von Lensahn (Ostholstein).

„Als Kind teilte ich mir ein Zimmer mit drei Vettern. Neben uns wohnte mein Onkel C. U. Er hatte alles verloren: seine Frau, seine Kinder, seinen Besitz“, erinnerte sich Frantz im Jahr 2000. „Das Einzige, was er retten konnte, war ein alter Bechstein-Flügel.“ Auf diesem Gut begann Justus Frantz‘ Leidenschaft für die Musik, die sein Leben prägte - und mit der er seine Heimat Schleswig-Holstein prägte. 1986 rief er das Schleswig-Holstein Musik Festival ins Leben.

1994 endete seine Zeit als Festival-Intendant - inmitten von Missklängen von Überschuldung, Ärger mit Sponsoren, Streit mit der Landesregierung. Aber wenn jeden Sommer in den Scheunen, Dorfkirchen, Schlössern und Theatern Schleswig-Holsteins klassische Musik auf höchstem Niveau erklingt - dann wäre das alles nicht denkbar ohne den Mann, der als Flüchtlingskind auf einem ostholsteinischen Gut das Klavierspielen lernte.

Hanno Kabel