Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Auf der Flucht „Wir lebten drei Monate im Möbelwagen“
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Auf der Flucht „Wir lebten drei Monate im Möbelwagen“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:44 18.05.2015
Ein kurzfristiges Zuhause am Mövenstein in Travemünde. Die neunjährige Barbara Hesse lässt ihre Beine von dem Möbelwagen baumeln.Drum herum hat sie ein Tau gelegt, das als Grenze dienen sollte. „Da durfte keiner rein“, sagt sie. Quelle: privat

Ich habe im Krieg nie Angst gehabt. Ich bin immer behütet aufgewachsen. Im Januar 1944 kamen zwei SS-Leute zu uns nach Hause nach Elbing. Die hatten so schwarze Lederhüte und lange Ledermäntel an. Sie haben uns gesagt, dass mein Bruder Werner im Krieg gefallen war - das war eine fürchterliche Situation. Gerade für meinen Vater. Er besaß ein Speditionsunternehmen und hatte immer Existenzängste während des Krieges. Das habe ich gemerkt. Obwohl ich erst acht Jahre alt war. Aber ich selbst kann mich nicht erinnern, vor irgendetwas Angst gehabt zu haben.

Anfang 1945 nahm mich mein Vater an die Hand und sagte: „Wir müssen jetzt gehen.“ Ich dachte zuerst, dass wir bald wiederkommen. Trotzdem bin ich noch schnell ins Wohnzimmer gelaufen und habe die zwei kleinen Spatzen aus Porzellan geholt, die ich immer so gern angeschaut habe. Schon ein halbes Jahr vorher hat mein Vater einen Lastwagen mit unseren wichtigsten Habseligkeiten nach Berlin schaffen lassen. Er wusste, dass auch wir bald gehen müssen. Es wurde schließlich immer brenzliger, der Russe rückte näher.

Die beiden Spatzen aus Porzellan hat Barbara Hesse (79) kurz vor der Flucht aus ihrem Elternhaus in Elbing gerettet. Foto: Lintschnig


Nach vier Monaten sind wir auf dem Priwall angekommen. Wir sind über Berlin und Mecklenburg, wo wir noch eine Weile wohnten, nach Lübeck geflüchtet. Die Lübecker Bucht war voll von Kriegsschiffen, da kann ich mich noch genau dran erinnern, es war das erste Bild, das ich von Lübeck hatte. Und darüber waren die Tiefflieger. Wir haben unseren Möbelwagen vor dem Casino parken dürfen. Auf der Toilette haben wir uns gewaschen. Ein Koch aus dem Casino kam oftmals bei unserem Wagen vorbei. Wir haben ihm häufig ein Glas Cognac gegeben, er hat dafür manchmal ein Stück Fleisch aus der Küche verschwinden lassen und uns gebracht. Ganz schlimm war, als die beiden Flüchtlingsschiffe beschossen wurden. Die Bucht war voller Leichen. Bei Nordwestwind schwappten Leichen an den Strand. Wir durften nicht baden. Es hieß damals, man könne auf Haut und Haaren ausrutschen. Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches haben sich die Engländer recht ordentlich verhalten. Sie waren sehr lieb zu uns Kindern. Manchmal durften wir die Kuchenkrümel vom Tisch fegen. Sie haben uns auch ab und an mal etwas geschenkt. Aber ein Offizier hat meinem Vater sein schönes blaues Mercedes-Cabrio weggenommen. Einfach so. Den haben wir dann später damit herumfahren sehen. Meinem Vater hat das Herz geblutet. Auch seine Waffen musste mein Vater abgeben. Drei Waffen hatten wir dabei. Besonders von seinem Drilling konnte er sich schwer trennen.

Es gab auch schöne Zeiten. Ich stand an der Ostsee, als ein kleines Segelschiff neben mir vorbeifuhr. Der Kapitän fragte mich, ob ich mit ihm mitfahren wolle. Ein kleiner Hund war auch an Bord, auf den sollte ich aufpassen. Ich habe natürlich zuerst meine Mutter gefragt. Sie hat es mir erlaubt, und ich hatte wirklich wunderschöne Stunden auf der Lübecker Bucht. Ich habe dann irgendwann in der Zeitung gelesen, dass der Kapitän eines Segelbootes in der Lübecker Bucht ertrunken sei. Es hieß, dass er einen Hund an Bord hatte, der vom Schiff fiel. Beim Versuch den Hund zu retten, sei der Mann ertrunken. Ich hatte noch lange immer denselben Alptraum. Ich habe geträumt, dass ich auf dem Boot bin und der Hund ins Wasser fällt. Und dann springt der Mann hinterher und ertrinkt. Und ich muss alleine dieses riesige Schiff in den Hafen bringen. Schrecklich.

Irgendwann hat uns ein Traktor vom Casino weggebracht zum Mövenstein. Da habe ich ein großes Tau gefunden. Das habe ich um unseren Möbelwagen gelegt - als Grenze. Da durfte keiner rein, das war unser Gebiet. Da hat sich natürlich keiner dran gehalten. Aber für mich war es die Grenze zu unserem Familienbereich. Ich weiß auch noch, wie einmal ein kleiner Matrose an unserem Wagen vorbeilief und fragte, ob wir Flüchtlinge seien. Wir bejahten. Dann hat er uns die Taschen mit Bohnenkaffee vollgestopft. Die konnten wir gegen allerlei Sachen eintauschen. Und meine Tante hatte damals in der Fischfabrik in Herrenwyk gearbeitet. Unter ihrem Rock hatte sie einen Bindfaden gespannt, an dem sie Fische befestigte und aus der Fabrik schmuggelte. Was sollte man machen, außer zu klauen? Wir hatten Hunger.

Dann sind wir irgendwann in eine Flüchtlingsvilla nach Siems gezogen. Mein Vater hatte ein Auto von sich verkauft und sich von dem Geld einen 3,5-Tonner gekauft. Damit haben wir dann Milchsuppe ausgefahren. Erst Travemünde, dann Schlutup, ein paar Schulen in der Stadt und schließlich Eichholz. Dann ging es wieder bergauf.

Notiert von Hannes Lintschnig