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Die letzten Tage des Krieges „Als hätte mein Herz aufgehört zu schlagen“
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Die letzten Tage des Krieges „Als hätte mein Herz aufgehört zu schlagen“
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16:11 06.05.2015
Lebhafte Erinnerungen: Armin Mueller-Stahl (84). Quelle: Guido Werner

Als der Krieg zu Ende geht, ist Armin Mueller-Stahl 14 Jahre alt. Der Vater ist seit Kriegsbeginn eingezogen, seine Mutter Editha lebt mit fünf Kindern in Prenzlau, nördlich von Berlin.

„In den letzten Kriegswochen 1945 änderte sich unser Leben völlig. Plötzlich kam der Krieg massiv auf Prenzlau und die ganze Familie zu.

(...) Die erste Bombe in Prenzlau fiel am 20. April 1945, Hitlers sechsundfünfzigster und letzter Geburtstag, direkt auf unser Grundstück. Und innerhalb einer Sekunde war unser Haus eine Ruine. (...)

Das ganze Dossier "70 Jahre Kriegsende" veröffentlichen wir im Lauf dieser Woche unter www.LN-online.de/70Jahre

Mein Vater war ein sehr sorgfältiger und vorausschauender Mann. Für den Fall der Fälle hatte er alle Schritte geplant. Sollten wir in Prenzlau ausgebombt werden oder der Russe durchbrechen, sollten wir auf das Gut Goorstorf vor den Toren von Rostock fliehen. ,Hier habt ihr freies Haus’, hatte er gesagt. Hierher wollte er auch nach dem Krieg kommen und uns abholen. (...)

Auf Gut Goorstorf bekamen wir einen eigenen Raum. (...) Die Guts arbeiter waren damit beschäftigt, alles wegzuschaffen, was an die Nazi-Zeit erinnern könnte. So versenkten sie eine große Hakenkreuzflagge in dem Weiher auf dem Hof. Keinen Moment zu früh, denn kurz darauf erreichten die ersten russischen Soldaten das Gut. In dem Moment, als der erste Russe auf dem Hof auftauchte, löste sich die Hakenkreuzfahne aus ihrem nassen Grab. Und deutlich sichtbar, auf weiß leuchtendem Grund, trieb das Hakenkreuz an die Wasseroberfläche. Ein Schreckensmoment für alle, die dabei waren.

Ich selber war damit beschäftigt, eine Pistole zu vergraben, die ich gefunden hatte und bei mir trug. Mutter hatte mich gebeten, sie zu verstecken, sonst wäre ich vielleicht erschossen worden. Und in dem Augenblick, als ich sie vergraben wollte, stand plötzlich ein Russe vor mir und sah mich mit der Pistole in der Hand. Er sah freundlich aus, mit seinen blonden Locken richtig sympathisch – und war ganz das Gegenteil. Er packte mich, stellte mich hin und drohte, mich zu erschießen. Er war richtig brutal, aber komischerweise hatte ich keine Angst. Nur fühlte es sich so an, als hätte mein Herz aufgehört zu schlagen. Da trat ein polnischer Landarbeiter dazwischen und schrie den Russen an. Das nutzte ich und rannte weg. Es war der 1.Mai 1945, der Tag, an dem mein Vater starb, in Schönberg in Mecklenburg, gar nicht so weit weg von Goorstorf. Aber das habe ich erst 1973 erfahren.

In Goorstorf wurde jetzt eine Abteilung russischer Soldaten einquartiert. Das waren zum Teil finstere Gesellen. Und einige von ihnen hatten nun unseren Schlafraum in Beschlag genommen und soffen, was das Zeug hielt. (...)

Mutters Trick war, dass sie sich alt schminkte. Sie hatte seit der Flucht aus Prenzlau immer schwarze Schminke bei sich, zur Not nahm sie Ruß. Sie schminkte sich Zähne weg und sah wirklich furchtbar aus. Ein Kopftuch über dem aschfahlen Gesicht mit dem zahnlosen Mund. Und dann spielte sie die alte Frau, die nur langsam und etwas gebückt gehen kann. In Wahrheit war Mutter ja erst Anfang vierzig, jung und attraktiv. Außerdem sprach sie seit der Schulzeit in St. Petersburg fließend Russisch, und das setzte sie auch ein, wenn ihr ein Russe zu nahe kam. Sie drohte: „Vorsicht! Genosse Stalin hat gesagt, jeder Soldat, der eine deutsche Frau vergewaltigt, wird erschossen.“ Das wirkte. Schon das bloße Wort „Stalin“ genügte, dass sich die Russen wegduckten. (...)

Nach ein paar Wochen wurde uns klar, dass Vater nicht nach Goorstorf kommen würde. (...) Der Krieg war zu Ende, und wir traten den Heimweg an. (...)

Unterwegs machten wir immer irgendwo Station, übernachteten eingepfercht in einem Raum mit sechzig oder siebzig Leuten, zusammengekommen aus allen Ecken Deutschlands, die von der Roten Armee erobert worden waren: Pommern, Schlesien, Ostpreußen. Und jeder sah zu, wie er irgendwie auf einem Brett oder einem freien Platz am Boden schlafen konnte. In der Nacht kamen die Russen, immer dann, wenn es gerade dunkel geworden war, und wollten vergewaltigen. Dann trat wieder meine Mutter auf – schwarz geschminkt und scheinbar zahnlos – und versuchte, die Frauen zu retten, die Russen mit Stalin zu vertreiben, was manchmal gelang, manchmal aber auch nicht...

Tagsüber sahen wir am Straßenrand deutsche Soldaten, die aufgehängt wurden oder schon erschossen im Graben lagen. Wenn wir Station machten, baute Tante Ena aus losen Ziegelsteinen einen Herd, Mutter organisierte Milch und Brot bei den Russen, denn unser Proviant bestand im wesentlichen nur aus einem Sack Puddingpulver. Immer wieder drängten sich Leute in unseren überfüllten Viehwaggon und taten so, als seien sie Russen und wollten uns ausrauben. Das gelang ihnen nicht, aber es war fürchterlich, diese ausgemergelten Gestalten zu sehen, besonders diejenigen, die aus KZs entlassen waren, und man konnte ihnen nichts geben. (...)

Jeder Tag brachte ein schreckliches Erlebnis, das anderntags von einem anderen abgelöst wurde. Trotzdem haben mich diese Monate nach dem Krieg nicht lebenslang verfolgt. Irgendwann wurden dann auch wieder ganz normale Probleme wichtig. Aber wer die Nachkriegszeit in Deutschland, besonders in der sowjetischen Besatzungszone, erlebt hat, der sieht den Wert des Lebens anders an, als wir heute in unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft, wo die Gedanken darum kreisen, wie wir die Möbelfarben kombinieren, oder ob jenes Kleid zu diesen Schuhen passt und dergleichen. Undenkbar damals."