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Die letzten Tage des Krieges „Pro Tag ein Viertel Brot und eine halbe Dose Corned Beef“
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Die letzten Tage des Krieges „Pro Tag ein Viertel Brot und eine halbe Dose Corned Beef“
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16:11 06.05.2015
Der „Kral“: Kriegsgefangene im großen Lager in Ostholstein.
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Heidrun Arentz aus Reinfeld (Kreis Stormarn) fand im Nachlass ihrer Mutter Paula Hinrichsen Briefe vom Ende des Krieges. Auf eng beschriebenen Schreibmaschinenseiten schildert ihr Vater Alex Hinrichsen darin den Einmarsch der Briten in Lübeck und die Kriegsgefangenschaft in Ostholstein. Der Vater war Oberstleutnant und Kommandeur des Wehrmeldeamts in Lübeck, die Mutter und die Kinder waren zu jener Zeit in Husum.

Es war der 2. Mai 1945, als britische Truppen gegen Mittag über die Kronsforder Allee nach Lübeck einrückten. Es habe keinen ernsthaften Widerstand gegeben, schreibt Alex Hinrichsen, nur „einige kleine Zwischenfälle“, bei denen „einige Hitler-Jungen ihre Handlungen mit dem Leben bezahlen mußten“. Als gegen 16 Uhr die ersten englischen Patrouillen durchs Burgtor kamen und „Hands up!“ riefen, sei er mit seinen Leuten auf die Straße vor dem Wehrmeldeamt getreten. Die Waffen hätten sie schon ein paar Tage zuvor abgegeben.

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Die „Tommys“ hätten ihnen Uhren abgenommen, dann seien sie vom Wehrmeldeamt zur Danziger Freiheit marschiert und die Offiziere per Omnibus zur einer großen Wiese mit 4000 bis 5000 Soldaten gebracht worden. Für zwei Tage übernahm Hinrichsen das Kommando über 600 Matrosen und 100 sonstige Soldaten in der Walderseekaserne, einem Kriegsgefangenenlager. Dort hatte man ein Komitee nach Art eines Arbeiter- und Soldatenrates gebildet und war der Meinung, es gebe unter den Kriegsgefangenen keine Rangunterschiede mehr. Das sah Hinrichsen freilich ganz anders. Es bestehe „nach wie vor eine straffe militärische Mannszucht“, schrieb er, das habe er den Matrosen auch klargemacht. Am 6. Mai übernahm er das Kommando in der Meesen-Kaserne, die für 2000 Mann gedacht, aber mit 5000 Gefangenen belegt war und jeden Tag etwa 1000 Neuzugänge aufnehmen musste. Am 16. Mai seien es schon 13 000 gewesen.

Stromausfall, Wassermangel, verstopfte Toiletten – Hinrichsen berichtet von schlimmen Zuständen und vor allem von der knappen Verpflegung. Von den Engländern habe man pro Tag ein Viertel Brot und eine halbe Dose Corned Beef bekommen, viel zu wenig. Sie hätten überall Essbares aufzutreiben versucht und doch „immer von der Hand in den Mund gelebt, von einem Tag zum anderen“.
Es spricht ein deutscher Offizier aus diesen Briefen, dem Zucht und Ordnung über alles zu gehen scheinen. Er beklagt Disziplinlosigkeit, und dass auch deutsche Landser Sachen gestohlen und „verschoben“ hätten. Die Engländer würden die Dinge so laufen lassen, bevor nichts wirklich Schlimmes geschehe. Der Deutsche aber, „der gewohnt ist, in einem Polizeistaat zu leben und ununterbrochen durch Verfügungen und Verbote gelenkt zu werden“, komme damit nicht zurecht.

Am 16. Mai rückten die Gefangenen mit 13<TH>000 Mann aus der Meesen-Kaserne ab, „in Sechserreihen bis zur Autobahn und von dort in Dreierkolonne Richtung Ahrensbök“. Über Kasseedorf ging es schließlich zum „Kral“, dem großen Internierungslager in Ostholstein. Die Engländer hätten ihn „für etwa 750 000 deutsche Soldaten vorgesehen“. Die britisch bewachte Demarkationslinie sei vom Schönberger Strand in einer ungefähren Linie über den Seelenter See, Plön, Eutin und Kasseedorf bis zur Neustädter Bucht verlaufen, Fehmarn inklusive. Auch hier sei die Verpflegung und Versorgung der Gefangenen das größte Problem gewesen, schreibt Hinrichsen: „Ach, es mangelt einfach an allem.“ Er kümmerte sich auch darum, obwohl seine Aufgabe mit der Ankunft der Truppe im Lager eigentlich erfüllt gewesen sei.

Mitte Juni ist er in Reinfeld, wo er später Stadtkämmerer werden und 1979 im Alter von 83 Jahren sterben soll. „Pension gibt es für uns nicht“, schreibt er an seine Frau und die Kinder in Husum. „Das Leben muß wieder einmal vollkommen neu aufgebaut werden.“