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Erinnerungen deutscher Soldaten „Erst Ende 1945 bin ich aufgewacht“
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Erinnerungen deutscher Soldaten „Erst Ende 1945 bin ich aufgewacht“
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12:42 23.04.2018
„Schrecklich“, sagt Roland Kaiser, wenn er dieses Bild von sich sieht. „Was die damals mit der Erziehung der Kinder gemacht haben. Das kann man sich heute gar nicht vorstellen. Unglaublich!“ Quelle: privat

Er saß auf dem Pflaumenbaum in seinem Garten. Das war im Mai 1945. Roland Kaiser hatte gerade einen kilometerlangen Fußmarsch von Bad Segeberg nach Lübeck hinter sich. Er hat an der Haustür geklingelt, aber seine Mutter war nicht da. Mit ihr wohnte er alleine in der Klaus-Groth-Straße. Geschwister hatte er keine. Sein Vater war im Krieg, auf Madagaskar. Kaiser wurde gerade aus britischer Kriegsgefangenenschaft entlassen. Nachdem er lange von seinem Zuhause weg war, hat er sich so sehr auf seine Mutter gefreut. Die wusste zwar, wo er war. Aber nicht, ob er jemals zurückkommen würde.

Roland Kaiser, geboren 1928, sagt, er habe die Zeit in der Hitlerjugend immer genossen. Und das, was seine Ausbilder von ihm forderten, habe er immer gut ausgeführt. So gut, dass er sogar ein paar Wochen zur Führerschule nach Malente durfte. „Das war damals eine große Anerkennung. Da durfte nicht jeder hin, nur die Fähigsten. Schließlich sollten dort die zukünftigen Führer ausgebildet werden.“ Seine Mutter fand das gar nicht gut. „Unsere Familie stand den Nazis kritisch gegenüber. Aber sie haben nichts gesagt, besonders nicht zu mir.“ Sein Großvater war evangelischer Pastor der Bekennenden Kirche – das war bei den Nationalsozialisten nicht gern gesehen. „Immer wenn Opa zu Besuch kam, hat meine Mutter gesagt: „Heute musst du zum Herderplatz spielen gehen.“

Anfang 1944 wurde Roland Kaiser Luftwaffenhelfer. Er war in Gothmund stationiert. „Ich stand direkt an der Flak“, sagt Kaiser. „Russische Kriegsgefangene haben die Granaten angeschleppt, ich habe sie poliert und geladen.“ Das Ziel waren britische Flugzeuge. Roland Kaiser wird das Geräusch wohl nie wieder vergessen, wenn die schweren Granaten mit der Flak abgefeuert wurden. „Erst ein lautes Zischen und dann ein ungeheurer Knall, wenn es losdonnert. Ich hatte mehr Angst vor unseren eigenen Waffen, als vor unserem Feind.“ Acht <TH>Menschen saßen jeweils in den Flugzeugen der Briten. Das wusste Roland Kaiser. Aber so richtig klar wurde es ihm erst, als ihm kurz vor seiner Versetzung in die Nähe von Berlin von seinem Batteriechef bescheinigt wurde, an wie vielen Abschüssen er direkt beteiligt war. „Es waren vier Abschüsse. Schrecklich. Die Bilder und die Gedanken habe ich heute noch im Kopf.“

Von Gothmund musste er dann nach Prenzlau, wieder an die Flak. Er weiß noch, wie er mit einem flauen Gefühl im Bauch in den Zug Richtung Osten am Lübecker Hauptbahnhof eingestiegen ist. „Meine Mutter kam noch auf den Bahnsteig geeilt und brachte mir ein kleines Körbchen mit Erdbeeren. Da habe ich mich gefreut.“ Doch auch in Prenzlau blieb Kaiser nicht lange. Im März 1945 wurde er erneut abkommandiert – zum Reichsarbeitsdienst in die Nähe von der Insel Sylt. „Aber nicht zum Schippen“, sagt Kaiser. „Man wusste zwar, dass der Krieg kaum noch zu gewinnen war. Trotzdem musste zu Kriegsende jeder an die Waffe. Ich auch.“ Es waren lange norwegische Gewehre, mit denen Kaiser das Schießen lernte.

Geschossen hat er allerdings nie. Denn der Krieg ging zu Ende, die britischen Besatzungssoldaten kamen. „Unser Ausbilder hat uns nach der Ausbildung die Gewehre übergeben – und wir haben sie quasi direkt an den Tommy weitergereicht.“ Verstehen konnte er es damals nicht, sagt er. „Ich soll an der Waffe ausgebildet werden? Okay. Ich soll die Waffe einem Engländer geben? Okay. Ich wusste überhaupt nicht, was ich da tue.“ Er tat es einfach. So wie viele Andere. Nachgedacht hat er erst später. „Ich bin erst Ende 1945 aufgewacht und habe gemerkt, was für ein schreckliches System das war.“

Die englischen Besatzungssoldaten haben den damals 16-Jährigen zunächst bis nach Dithmarschen marschieren lassen. Von dort ging es mit dem Lkw weiter nach Bad Segeberg, wo er sich melden sollte. Dort wurde er entlassen. „Ich wurde als Erntehelfer eingetragen, aus der Kriegsgefangenschaft entlassen, und sollte gehen. Das habe ich dann auch getan.“

Bis zu dem Pflaumenbaum in seinem Garten. Er saß etwa eine Stunde auf dem Ast des Baumes, bis seine Mutter nach Hause kam. Und die war außer sich vor Freude, als sie ihren Sohn im Baum sitzen sah. „Es war so schön, sie wiederzusehen.“
Von Hannes Lintschnig