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Erinnerungen deutscher Soldaten „Ich wollte auch ein Held werden“
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Erinnerungen deutscher Soldaten „Ich wollte auch ein Held werden“
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20:10 23.04.2018
Heino Hesse auf seinem Bauernhof. Der 89-Jährige hat nach dem Krieg kaum über seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg und in der Waffen-SS gesprochen. „Im Alter kommt das alles wieder hoch“, sagt er. Quelle: Lintschnig

Schuldig sei er nicht, sagt er. Mit 17 Jahren kam Heino Hesse in die Waffen-SS. Er hatte sich freiwillig gemeldet. Bis Kriegsende hat er an der Front gekämpft. Er bereue nichts. „Ich habe das Vaterland verteidigt.“

Heino Hesse wurde 1943 in das SS-Wehrertüchtigungslager nach Leck einberufen. Die Wehrertüchtigungslager dienten den Nationalsozialisten zur Rekrutierung von jungen Soldaten. Danach hat sich Hesse freiwillig als SS-Panzerführer gemeldet. „Wir waren 16 Jahre alt. Uns konnte man alles erzählen“, sagt er. „Ich wollte auch ein Held werden. Und ich wollte lieber im Panzer sitzen, als zu laufen.“ Sein Vater sei darüber verärgert gewesen. Der Landwirt aus Fliegenfelde (Kreis Stormarn) versuchte in einem Brief, die freiwillige Meldung wieder rückgängig zu machen. Als Begründung führte er an, dass er die Arbeitskraft seines Sohnes auf dem Hof brauche. Der Vater war NSDAP-Parteimitglied – sein Brief endete mit den Worten „Heil Hitler“. „Wir haben nie eine Antwort bekommen.“

So wurde Hesse im Februar 1944 als SS-Panzerschütze eingezogen, Division „Leibstandarte SS Adolf Hitler“. „Das war die private Garde des Führers, dorthin kamen nur überzeugte Nazis“, sagt der Historiker Hannes Heer, der die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung geleitet hat. Diese Division habe vor nichts zurückgeschreckt – auch nicht vor Massenmord.

Heino Hesse erzählt, er sei zunächst in Riga eingesetzt worden. „Da habe ich mir sofort eine Scharlachinfektion eingefangen und war sechs Wochen in einem Lazarett auf einer Infektionsstation.“ Auf dem Rückweg nach Deutschland sei er mit einer Mandelentzündung wieder in ein Lazarett nach Polen gekommen. „Da lagen so um die 300 Verletzte. Wenn da morgens die Verbände gewechselt wurden – den Gestank werde ich nie vergessen.“ Bis 1945 sei er dann mit seiner SS-Truppe nur in Deutschland eingesetzt worden – in Paderborn, Köln und weiteren Städten. „Eigentlich haben wir nur rumgegammelt“, sagt er. „Ein paar Geländeübungen, ein bisschen Ausbildung an der Waffe – das war’s.“

Im Januar 1945 kam Heino Hesse an die Front nach Ungarn, und „da sah es anders aus“. Er erinnert sich, wie er neben seinem Kameraden auf einem Acker stand. „Der Boden wurde auf einmal so wabbelig. Dann habe ich begonnen, mit dem Fuß zu graben“, sagt Hesse. „Da kam ein Kopf zum Vorschein, kein Körper, nur ein Kopf.“ Es sollte nicht der einzige Tote sein, den Hesse an der Front sah. Wie man sich im Schützengraben verhalten muss, wusste Hesse. „Nicht mehr als 50 Schuss abfeuern, und dann laufen. Dann wieder schießen und wieder laufen.“ Einer habe sich nicht daran gehalten, sondern weiter geschossen und damit „dem Russen“ gezeigt, wo die Soldaten sind. „Es hat Sekunden gedauert, da waren mehr als zwanzig unserer Leute tot.“ Für Hesse war der Fronteinsatz schnell vorbei. „Ich wurde im Gesicht und an den Beinen von Granatsplittern getroffen, kam ins Lazarett.“

Von Kriegsverbrechen, die die Division „Leibstandarte SS Adolf Hitler“ nachweislich begangen hat, will Heino Hesse nichts gewusst haben. „Wir waren ein unorganisierter Haufen, und ich habe fast ein halbes Jahr nur im Lazarett verbracht.“ Auch von Judendeportierungen habe er nichts mitbekommen. „Ich wusste von nichts. Ich war nur bei der kämpfenden Truppe. Uns wurde nichts erzählt.“
Am 11. April sei er in einen Lazarettzug in Richtung Heimat gestiegen. Er weiß noch, wie er in Fliegenfelde angekommen ist, sein Haus und seine Familie gesehen hat, wie sie in der Küche aßen. „Meine eigene Schwester hat mich nicht wiedererkannt“, sagt Heino Hesse, und seine Stimme bricht. Er hält inne. Er weint. Bei dieser Erinnerung an den Krieg. „Das war hart“, sagt er.

Danach sei wieder ein bisschen Normalität in sein Leben gekommen – bis zum 2. Mai 1945. „Ich war gerade Kühe melken. Auf einmal kamen Tausende deutsche Landser auf den Hof marschiert, die die ’Tommys’ gefangen genommen haben“, sagt Hesse. Sie hätten etwa drei Tage lang auf einem Weizenfeld hinter dem Hof gelebt. Die „Tommys“ hätten auch mit den Kriegsgefangenen auf Hesses Hof gesprochen. Dass er bei der SS war, hätte keiner gesagt – obwohl sie seine Uniform kannten. „Sie haben mich nicht verraten.“

Von seinen Kriegserlebnissen hat er bisher kaum jemandem erzählt. „Aber jetzt im Alter kommt das alles wieder hoch.“ Mit Politik wollte er nichts mehr zu tun haben. „Die haben uns richtig veräppelt. Ich hatte die Schnauze voll.“ Heute wisse er, dass das Hitler-System „unmenschlich und Schwachsinn“ war. Aber fragt man ihn, ob er bereut, was er getan hat, oder ob er sich schuldig fühlt, sagt Hesse: „Nein! Da ist der Feind, haben sie gesagt. Den musst du bekämpfen, haben sie gesagt. Und ich habe das Vaterland verteidigt. Was sollte ich machen?“

Von Hannes Lintschnig