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Erinnerungen deutscher Soldaten „Meine erste Schlacht war auch meine letzte“
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Erinnerungen deutscher Soldaten „Meine erste Schlacht war auch meine letzte“
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20:08 23.04.2018
Heinrich Weiss mit einer seiner in der Gefangenschaft selbstgenähten Taschen.
Heinrich Weiss mit einer seiner in der Gefangenschaft selbstgenähten Taschen. Quelle: Stöcklin
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„Ich besuchte 1944/45 das humanistische Gymnasium in Kiel. Der Krieg forderte täglich Opfer, man suchte neue Soldaten für die Front. Alle vier Wochen kamen SS-Männer in die Schule, um Nachwuchs zu werben. Es war uns klar, dass die SS eine Sache für sich war, mit der man besser nichts zu tun hat. So dachten die meisten von uns. Wir hatten auch einen Lehrer, der es verstand, die Negativseiten des Regimes aufzuzeigen, ohne selbst anzuecken. Um der SS zu entgehen, beschloss ich schließlich, mich lieber freiwillig zur Luftwaffe zu melden. Ich war 17 Jahre alt.

Bloß: Fliegen war nicht mehr, stattdessen kam ich nach Gardelegen zur Fallschirmarmee. Ich hatte die Wahl zwischen leichten Jägern, schweren Jägern und Fallschirm-Pionieren. Ich entschied mich für leichte Jäger, weil ich dachte, die müssen nicht so viel schleppen. In Stendal bekamen wir eine infanteristische Ausbildung und ich absolvierte einen Absprung. Schließlich ging es in die erste Schlacht – es sollte auch die letzte sein. Am 31. März ’45 mussten wir die Exel’sche Brücke über den Twente-Kanal (östlich von Apeldoorn) in Holland gegen die Engländer verteidigen.

An die Gefechte habe ich keine Erinnerung. Aber am Ende des Tages waren von den 150 Mann meiner Einheit noch 40 übrig. Wir setzten uns nach Westfalen ab. Am Ende lagen wir bei Ramsdorf im Münsterland in einem Bauernhof, und da wurden wir von den Engländern ausgeräuchert, es brannte überall. Wir kamen in englische Gefangenschaft. Per Lkw ging es nach Goch am Niederrhein und dann in Eisenbahnwaggons in das Kriegsgefangenenlager Zedelghem bei Oostende in Belgien.

Wir mussten alles abgeben, auch meine Kamera wurde mir abgenommen. Ein britischer Soldat steckte mir eine Nähnadel zu. Damit nähte ich aus Zeltbahn kleine Taschen mit Reißverschluss. Die Reißverschlüsse nahm ich von meiner Fallschirmmontur. Diese Taschen konnte ich gegen Lebensmittel eintauschen.

Schon im Spätsommer wurde ich entlassen. Ich war gerade 18. Aber ich hatte mein Geburtsdatum im Ausweis gefälscht und mich jünger gemacht, damit es schneller geht.
Als ich nach Hause kam, war mein Elternhaus weg. 14 Tage vor Kriegsende war es durch einen Bomben-Treffer zerstört worden. Da war auch ein Zettel mit der neuen Adresse meiner Eltern. Sie waren also am Leben!

In der Gefangenschaft hatten wir noch ausreichend Verpflegung. Zu Hause gab es nicht mehr viel. Wir haben gehungert, aber hallo! Nicht nur ein bisschen. Ein Schulkamerad war bei Kriegsende als Soldat auf einem Schiff im Kieler Hafen, das versenkt wurde. Er sagte, da seien noch Lebensmittel, und tauchte danach. Tatsächlich brachte er Dosen mit Schmalzfleisch hoch. Zwei hat er mir gegeben. Das war ein Festessen.

1946 kam ich dann zur Ausbildung nach Lübeck. Bei meinem Onkel konnte ich Kaufmann lernen – bei Schlüssel Reese. Ab da wurde es langsam besser. Ich habe meinen Wehrmachtsmantel verkauft und mir ein Boot zugelegt.

Von meinen Klassenkameraden haben nicht viele den Krieg überlebt, vielleicht zwölf.“

Protokolliert von M. Stöcklin