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Erinnerungen deutscher Soldaten „Wir waren das letzte Kanonenfutter“
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Erinnerungen deutscher Soldaten „Wir waren das letzte Kanonenfutter“
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20:08 23.04.2018
Fritz Finnern lebt heute in Bad Segeberg. Quelle: Lintschnig

Es ist März 1945. Der Krieg ist fast zu Ende. Als Marinehelfer hat Fritz Finnern schon in den letzten Monaten fast täglich Fliegerangriffe der Engländer miterlebt. „Das war Alltag“, sagt Finnern. „Da hatten wir schon gar keine Angst mehr vor.“ Wenn er nicht gerade an der Flak stand und den Schützen Granaten gereicht hat, schleppte er gut erhaltene Möbel aus zerbombten Häusern und brachte sie in Scheunen von Bauernhöfen unter. Auch Pflegedienste im Marinelazarett hat er gemacht. „Das war schon schrecklich, was man da gesehen hat. Aber ich blieb immer verschont. Ich habe Glück gehabt.“

Dann wurde er abkommandiert. Zum Reichsarbeitsdienst ins nordfriesische Leck. „In Neumünster sind wir in den Zug gestiegen. Die Fahrt hat fast einen ganzen Tag gedauert.“ Immer wieder kamen Angriffe von britischen Tieffliegern. Dann mussten sie schnell aus den Waggons und unter den Zug klettern. Irgendwann erreichten sie Leck. Dort wurde Fritz Finnern an der Panzerfaust und Artilleriegeschützen ausgebildet. Jeden Tag lag er im Schützengraben und übte Schießen. Finnern habe nicht genau gewusst, wofür er das mache. Genauso wenig wie er in der Hitlerjugend wusste, warum er stundenlang durch den Wald robben sollte. „Es war eben der Dienst. Da hat man nicht weiter nachgefragt.“

Aber in Leck konnte er sich dann doch denken, was das Ganze soll. Denn schließlich bedeutete Reichsarbeitsdienst eigentlich die Arbeit mit Spaten – und nicht an der Waffe. „Wir waren das letzte Kanonenfutter. Das hat sich angedeutet und wurde immer klarer.“ Deswegen hat er sich gefreut, als sein Ausbilder am 8. Mai sagte, dass er nach Hause gehen solle. „Ich wusste nicht wie, und ich wusste nicht, warum. Aber ich wusste, dass ich nach Hause wollte. Dann bin ich losgegangen.“ Seine Uniform und auch die Waffen hat er in Leck gelassen. Er zog seine Zivilkleidung an und machte sich auf den Weg. Eine Woche hat er für die 150 Kilometer bis nach Wahlstedt gebraucht. „Immer zu Fuß, manchmal hat uns ein Traktor ein Stück mitgenommen.“ Geschlafen hat er in Scheunen, auf Bauernhöfen oder am Wegesrand.

Als er Mitte Mai 1945 dann endlich auf Gut Hülsenberg bei Wahlstedt ankam, war die Freude groß. Sein älterer Bruder kam erst etwas später von seinem Dienst an der Front zurück. Sein anderer Bruder galt zu dem Zeitpunkt als vermisst. Bis heute ist er nie wieder aufgetaucht. „Meine Eltern wussten zwar, dass ich in Leck war. Aber wann und ob ich wieder zurückkommen würde, wussten sie natürlich nicht.“

Der Krieg war vorbei, Fritz Finnern war wieder zu Hause. Es hat nicht lange gedauert, bis er wieder als Bankkaufmann arbeiten konnte. In derselben Bank, bei der er bis zu seinem Einberufungsbefehl als Marinehelfer eine Ausbildung gemacht hatte. „Ein Angestellter der Bank – das werde ich nie vergessen – hat mich immer ausgeschimpft, wenn ich zur Begrüßung nicht den rechten Arm hob und ,Heil Hitler’ rief. Das war ein überzeugter Nazi.“ Auch dieser Mann hat nach Kriegsende wieder in der Bank gearbeitet. „Aber nach dem Krieg hatte ich meine Ruhe vor ihm. Da war er ganz klein“, sagt Finnern. „Und die NSDAP kannte er plötzlich auch nicht mehr. So wie viele überzeugte Nazis, die nach dem Krieg hohe Stellen besetzt haben.“

Von Hannes Lintschnig