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Tod in der Ostsee Der letzte Überlebende
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Tod in der Ostsee Der letzte Überlebende
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10:34 10.05.2015
Der 71-jährige Peter Weise lebt heute in Rostock. Er hat das Schreiben zu seinem Lebensinhalt gemacht. Quelle: Dietmar Lilienthal

Sofort war er mit seinem schrottreifen Kahn ausgelaufen und hatte ein Leichenfeld vorgefunden. Dennoch ließ er immer wieder mit dem Bordscheinwerfer die See ableuchten, bis der Lichtkegel ein wie unbemannt treibendes Rettungsboot einfing. Der Obermaat Fick wechselte über und fand neben den erstarrten Leichen einer Frau und eines halbwüchsigen Mädchens ein hartgefrorenes Wolldeckenbündel, das, an Bord der ,VP 1703’ gebracht, von der obersten Eisschicht befreit, dann aufgerollt wurde, worauf jener Säugling ans Licht kam, der gerne ich gewesen wäre: ein elternloses Findelkind, der letzte Überlebende der ,Wilhelm Gustloff’.“

Das schrieb Günter Grass. In seiner Novelle „Im Krebsgang“ (2002) hatte er das Schicksal des FlüchtlingsschiffsWilhelm Gustloff“ thematisiert, das am 30. Januar 1945 in der Ostsee untergegangen war. Jener Säugling, von dem die Rede ist, heißt Peter Weise. Er war ein Kleinkind, als er in den Morgenstunden des 31. Januar 1945 vom Vorpostenboot aufgefischt wurde. Offenbar der Letzte, der nach dem Untergang gerettet wurde. Bei den tiefen Temperaturen unvorstellbares Glück.
„Ich hatte immer mit dem Wasser zu tun“

Weise lebt heute in Rostock. „Ich hatte immer mit dem Wasser zu tun“, sagt der 71-Jährige lapidar. Was dahingesagt ist, hat einen ganz anderen Klang, wenn man die Vorgeschichte kennt. Aber: Eigentlich kann sich Peter Weise nicht an seine Rettung erinnern. Es war nur ein Moment, in dem das Glück auf seiner Seite war. Weise bekam damals eine Identität: Da sein Geburtsdatum nicht feststellbar war, wurde es auf den 31. Januar 1944 festgelegt, Geburtsort: Gotenhafen.

Das Schicksal verschlug Peter Weise nach Rostock. Sein Retter Werner Fick, jener Obermaat auf dem Vorpostenboot, brachte ihn mit in die mecklenburgische Heimat. Die Familie adoptierte ihn. Weise wuchs in Rostock-Gehlsdorf auf, in behüteten Verhältnissen. Viel Dankbarkeit schwingt mit, wenn er heute sagt: „Es war eine glückliche Kindheit.“

Das Element, das ihn beinahe verschlungen hätte, übt Faszination auf ihn aus. „Ich habe mit fünf Jahren schwimmen gelernt“, sagt Weise. Er hat eine ruhige Art, über sein Leben zu sprechen. Bei der Deutschen Seereederei (DSR) fing Weise 1960 als Lehrling an. Er wurde Vollmatrose der Handelsschifffahrt, fuhr auf dem Fracht- und Lehrschiff „Heinrich Heine“. Später studierte er und wurde 1974 Kapitän. „Ich wollte mit vier Ärmelstreifen auf der Brücke stehen“, sagt Peter Weise über seine Pläne. Dass er sie erfüllte, machte ihn stolz. Es folgten Fahrten auf DSR-Schiffen um die ganze Welt, unter anderem auf der „Zwickau“ und auch auf dem FDGB-Urlauberschiff „Völkerfreundschaft“.

Die Karriere als Kapitän endete jedoch abrupt im Jahr 1982. „Ich war ideologisch nicht mehr tragbar“, sagt Peter Weise heute knapp. Ihm ist die Enttäuschung immer noch anzusehen. Er hatte damals die ökonomischen Verhältnisse der DDR nüchtern analysiert und dies auch ausgesprochen – dafür wurde er abgestraft. Doch der Kapitän blieb dem Seegeschäft auch an Land treu, arbeitete weiter im Hafen. Nach der Wende wurde Peter Weise rehabilitiert, er hätte nun wieder zur See fahren können. Aber nach 1990 kam die Marktwirtschaft, dafür musste auch der Hafen fit gemacht werden. Weise war dabei, er rückte in den Vorstand der Seehafen AG auf. 2004 schied er aus dem Berufsleben aus, engagierte sich aber weiter ehrenamtlich. Sein Wissen brachte er in den Speditionsverband Mecklenburg-Vorpommern ein.

Sein Leben hat Peter Weise erst 2006 literarisch verarbeitet, in einem Erinnerungsband, den er „Hürdenlauf“ nannte. Anlass war „Im Krebsgang“ von Grass. Peter Weise begab sich auf Spurensuche. In seinem Buch kann man viel über den recht bewegten Lebensweg erfahren. Da geht’s rund um die Welt, allein die Seereisen boten reichlich Stoff für Erinnerungen und Reflexionen; im Kapitel „Neuzeit“ beschreibt der Autor die Wende 1989/90. Nach dem Erscheinen seines Buches schickte er Günter Grass das Werk und erhielt es mit einer dankenden Widmung des berühmten Schriftstellers zurück.
Bei Peter Weise liest sich die Geschichte seiner Rettung so: „Mit zitternden Händen, unendlich vorsichtig, als wäre es ein frisch geschlüpftes Küken, befreiten die Männer unter Deck das Kind aus gefrorenen Decken und Kleidungsstücken . . . Warme Decken, eine Kampferspritze und eine Tasse mit heißer Milch, die mit unendlicher Geduld, zuerst tropfenweise, dann Schluck für Schluck eingeflößt wurde, brachten dem Jungen seine Lebensgeister zurück.“

Aber wie kann ein Mensch ohne gesichert dokumentierte Vergangenheit leben? Weise hat eine pragmatische Art, damit umzugehen. Die unklaren familiären Wurzeln sind bei ihm kein Thema, er hat sein eigenes Leben aufgebaut. Seine Herkunft liegt vermutlich im Ostpreußischen. Kurios: Er beherrscht den alten ostpreußischen Dialekt, ohne ihn je gelernt zu haben. Mit der Geschichte einer wundersamen Rettung ist Peter Weise ein gefragter Zeitzeuge. So war es auch im Vorfeld der ZDF-Verfilmung „Die Gustloff“ (2008) von Joseph Vilsmeier; es war die zweite große filmische Aufarbeitung des Themas nach „Nacht fiel über Gotenhafen“ aus dem Jahr 1959.

Peter Weise hat das Schreiben zu seinem Lebensinhalt gemacht. Nach der Autobiografie folgten Kurz- und Tiergeschichten. Weise ist ein bedächtiger Mann, der sorgsam mit Worten umgeht. Von seinem Wohnzimmer aus hat man einen freien Blick über die Unterwarnow auf Rostock. Nein, das Wasser lässt ihn nicht los.

Von Thorsten Czarkowski