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Tod in der Ostsee „Mit jeder Welle trieb eine Leiche an den Strand“
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Tod in der Ostsee „Mit jeder Welle trieb eine Leiche an den Strand“
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19:30 18.05.2015
Die "Carp Arcona" (Foto) und die "Thielbek" wurden am 3. Mai 1945 mit mehr als 7000 KZ-Häftlingen an Bord vor Neustadt versenkt. Quelle: dpa

Sie stand in der Nähe vom Bahnhof in Scharbeutz. Mit ihrer Mutter, die zu dem Zeitpunkt hochschwanger war, wollte sie Lebensmittelmarken gegen Butter und Käse eintauschen. Von dort hatte sie freie Sicht auf die Ostsee, denn damals war der Ort noch ein kleines, gemütliches Fischerdorf ohne große Hotels an der Küste. „Wir haben die Schiffe in der Lübecker Bucht gesehen“, sagt Ursula Küpper, die damals 16 Jahre alt war. Es waren die „Cap Arcona“ und die „Thielbek“. Ein ehemaliger Luxusliner und ein Frachtschiff, die die SS in schwimmende Konzentrationslager verwandelte. Tausende von KZ-Häftlingen waren an Bord. „Die Schiffe hatten weiße Flaggen gehisst. Meine Mutter sagte, dass sie sich ergeben haben. Das hat uns beruhigt.“

Doch plötzlich wurde es laut. Britische Tiefflieger flogen direkt über Ursula Küpper hinweg. „Ich habe mich in die Büsche geworfen und ein bisschen gewartet, was passiert.“ Dann ist sie aufgestanden und schaute wieder auf die Lübecker Bucht hinaus - und sah schreckliche Bilder. „Die Schiffe haben gebrannt. Nach kurzer Zeit sind sie in der Mitte gebrochen und versunken. Es war entsetzlich. Die sind einfach eingesackt“, sagt Küpper. Wahrscheinlich drang die Warnung des Roten Kreuzes nicht zu den Briten durch, die die KZ-Schiffe für Truppentransporter hielten.

Schnell ist sie wieder zurück auf den Bauernhof gelaufen, auf dem sie mit ihrer Familie untergekommen war. Denn die gebürtige Hamburgerin hatte bei dem Bombenangriff 1943 ihr Zuhause verloren und war mit ihrer Familie nach Scharbeutz geflohen. „Wir wussten nicht, wer auf uns zukommt, der Engländer oder der Russe. Deswegen haben wir uns so beeilt.“ Denn vor „dem Russen“ hatten sie Angst - besonders die Frauen. „Ich habe mich gemeinsam mit der Bauerstochter auf dem Dachboden versteckt.“ Dann kamen Soldaten auf den Hof, in der Hand Maschinengewehre. „Es waren die Engländer. Und wir waren erleichtert.“

Zur Lübecker Bucht ist Ursula Küpper einige Zeit nicht mehr gegangen, obwohl sie den Strand und das Meer geliebt hat. Erst nach etwa sechs Wochen war sie wieder dort. „Ich wusste, dass Badeverbot angesagt wurde. Trotzdem wollte ich dahin. Es war schließlich Sommer.“ Doch als sie erkannte, was die Wellen an den Strand trugen, drehte sie wieder um. „Mit jeder Welle kam so etwas Weißes an den Strand geschwemmt“, erinnert sich Küpper. Erst wusste sie nicht, was es ist. Dann hat sie es erkannt. „Es waren aufgequollene Leichen, sie lagen überall rum.“ Insgesamt sind rund 7000 KZ-Opfer in der eiskalten Ostsee ertrunken. Ein Fischer erzählte ihr, dass er eine Leiche gefunden habe, die noch an einem Stuhl festgebunden war. „Ich wollte das alles nicht sehen. Die ganzen toten Körper. Ich bin sofort weggelaufen.“

Weggelaufen wäre ihr Bruder gewiss auch gerne. Allerdings musste er - gerade aus dem Krieg heimgekehrt - den Strand von den Leichen befreien. „Er hat von beißendem Gestank erzählt“, erinnert sich Küpper. „Und die Leichen hat er in ein Massengrab nach Timmendorfer Strand gebracht.“

Von Hannes Lintschnig