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Wunden des Krieges Das Wunder der Versöhnung
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Wunden des Krieges Das Wunder der Versöhnung
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17:42 19.06.2015
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Deutschland im Mai 1945 - das war, wie man heute sagen würde, ein Schurkenstaat, Mittelpunkt einer Achse des Bösen. Worte wie Annäherung, Freundschaft, Versöhnung gar - sie waren am Ende, als sich die herrschenden Herrenmenschen selbst entleibt und ihre einst große Kulturnation restlos kompromittiert hatten, fast undenkbar. Und doch ist es anders gekommen.

Es kam so, dass Frankreichs Staatschef Jacques Chirac 2003 mit deutschem Gefolge zum EU-Gipfel reiste, wo er auf Wunsch aus Berlin den innenpolitisch verhinderten deutschen Kanzler vertrat. Ein „schönes Zeichen des Vertrauens und der Freundschaft“ nannte Chirac das, und fügte hinzu: Könne er einmal nicht anwesend sein, werde er nicht zögern, sich vom deutschen Kanzler vertreten zu lassen.

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Hätte das 1945 irgendwer prophezeit, er wäre des historischen Wahnsinns geziehen worden.

Es kam auch so, dass Deutschland nach der historischen Wende von 1989 vehementester Fürsprecher des Beitritts Polens zur Nato und zur EU war; dass seit der endgültigen völkerrechtlichen Anerkennung der polnischen Westgrenze die deutsch-polnischen Beziehungen gerade auf den unteren Ebenen aufblühten, dass alte Deutsche ihre alte Heimat im heutigen Polen ihren Kindern zeigten, ohne revanchistische Hintergedanken; dass junge Polen sich dort für die Zeit vor Flucht und Vertreibung interessieren, selbst wenn das unerfreuliche Erkenntnisse auch für das eigene Land brachte.

Es kam so, dass Staats- und Regierungschefs aus Deutschland, Frankreich und Polen sich regelmäßig im „Weimarer Dreieck“ absprechen; dass Polen die meisten Zuwanderer aus der EU in Deutschland stellt und die größte Zahl der Deutschlernenden; dass man als EU-Bürger problemlos quer durch Europa reisen, sich niederlassen und arbeiten kann.

Es kam so, weil sowohl Kleriker als auch Politiker der „Erlebnisgeneration“ ihre Schlüsse zogen und dem Gedanken an so etwas wie einen Neuanfang Raum gaben. Konrad Adenauer, der Charles de Gaulle in dessen Heimatort Colombey-les-Deux-Eglises besuchte; Willy Brandt, der vor dem Mahnmal im jüdischen Ghetto in Warschau kniete; Helmut Kohl, der Polens ersten nichtkommunistischen Premier, Tadeusz Mazowiecki, unter Tränen umarmte, als ihn in Warschau die Nachricht vom Mauerfall erreichte; Winston Churchill, der 1946 die Vereinigten Staaten von Europa ins Gespräch brachte; Michail Gorbatschow, der den Weg frei machte für Europas und damit Deutschlands Wiedervereinigung.

Selbst das aktuell angespannte Verhältnis der EU und Deutschlands zu Russland zehrt noch von diesem Geist der Annäherung. Deutsche und Franzosen verhinderten im mühsamen Dialog mit Moskau eine weitere Eskalation in der Ukraine. „Russland verstehen“ von Ex-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz rangiert in Deutschland oben auf den Bestsellerlisten.

Die Krise um Kiew, Europas anhaltende Wirtschaftsmisere und der Zuwanderungsdruck zeigen, dass solche Wunder der Versöhnung längst nicht dauerhaft gesichert sind, alten Gedanken und ihren Verfechtern zu neuem Einfluss verhelfen, obwohl man sie durch Europas Einigung überwunden geglaubt hatte. Die steht vor ihrer vielleicht härtesten Bewährungsprobe; aber sie kann bestehen. Wenn wir es wollen. Wollen wir?

Von Michael Wittler