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Wunden des Krieges Der Schock des Krieges und die Langzeitfolgen
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Wunden des Krieges Der Schock des Krieges und die Langzeitfolgen
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17:03 19.06.2015
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Unter den Vertriebenen fanden sich allein mehr als zwei Millionen Kinder und Jugendliche. Davon hatten 1,6 Millionen die Eltern oder einen Elternteil verloren. 1951 gab es in der Bundesrepublik über 120000 Pflegekinder und mehr als eine halbe Million Minderjährige unter Amtsvormundschaft.

1,9 Millionen Frauen und Mädchen wurden Schätzungen zufolge in den ehemaligen deutschen Ostgebieten während der Flucht oder Vertreibung sowie in der späteren sowjetischen Besatzungszone vergewaltigt. Dazu kamen Vergewaltigungen in den Besatzungszonen der westlichen Alliierten. Etwa 20 Prozent der vergewaltigten Frauen wurden schwanger, davon trieben etwa 90 Prozent ab. Bis Ende 1950 gab es im Bundesgebiet schätzungsweise mehr als zwei Millionen Kriegsbeschädigte des Ersten und Zweiten Weltkrieges, die teils dauerhaft arbeitsunfähig waren. Sie litten oft unter posttraumatischen Belastungsstörungen, stellten aber gleichzeitig einen wichtigen Teil der Elterngeneration, die im Nachkriegsdeutschland Kinder aufzog.

Die Langzeitfolgen lassen sich einer Untersuchung der Universität München und der kalifornischen RAND Corporation in Santa Monica zufolge heute noch immer messen: Wer als Kind den Krieg miterlebt hat, leidet im Alter statistisch gesehen häufiger an Diabetes, Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen als gleichaltrige Zeitgenossen, die beispielsweise in Ländern wie Schweden oder der Schweiz aufgewachsen sind. „Der Zweite Weltkrieg hat selbst Einfluss auf heutige Lebensverhältnisse der Betroffenen,“ sagt Joachim Winter, Professor für empirische Wirtschaftsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität. „Insgesamt zeigt die Gruppe mit Kriegserfahrung eine geringere Lebenszufriedenheit und schätzt den eigenen Gesundheitszustand als schlechter ein als die Vergleichsgruppe. Besonders Menschen, die direkte Kampfhandlungen erlebt haben oder Horror-Erlebnisse auf der Flucht erleben mussten, sind besonders traumatisiert und heute stärkeren Depressionen ausgesetzt als andere.“

Der Gesprächskreis Kriegsenkel unter der Leitung von Angelika Grabow trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat von 19 bis 21 Uhr im Peter-Ranzau-Haus in Ahrensburg, Manfred-Samusch-Str. 9., um sich über die eigene Familiengeschichten auszutauschen. Neue Teilnehmer melden sich an unter ☎ 04102/82 49 737.