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Wunden des Krieges Expertin: Kriegstraumata werden vererbt
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Wunden des Krieges Expertin: Kriegstraumata werden vererbt
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19:05 23.04.2018
Sabine Bode. Quelle: dpa

Lübecker Nachrichten: Sie bezeichnen die Generation der Kriegskinder, der 1930 bis 1945 Geborenen als „vergessene Generation“. Warum?

Sabine Bode: Sie hatten ja so gut wie keine Erinnerung an den Krieg. Wenn Gewaltherrschaften zu Ende gehen, wird den Kindern gesagt: Vergiss alles, schau nach vorn. Wir haben in diesem Land eine große Gruppe von Menschen, die verheerende Erfahrungen gemacht haben, aber in der Regel nicht das Gefühl hatten, etwas Schlimmes erlebt zu haben. Erst im Alter taucht das wieder auf.

LN: Was passiert dann?

 Bode: Das Kurzzeitgedächtnis lässt dann nach, und damit drückt das Langzeitgedächtnis nach oben, die Vermeidungsstrategien funktionieren nicht mehr. Dann kann es sein, dass jemand psychosomatische Beschwerden entwickelt oder unter unerklärlichen Schmerzen leidet. Solche Patienten und ihre Ärzte kamen gar nicht auf die Idee, dies auf Kriegstraumata zurückzuführen. Unsere Gesellschaft hatte es mit einem flächendeckenden Tabu zu tun. Dessen Folgen zeigen sich auch noch in der nächsten Generation bei den Kriegsenkeln.

LN: Kriegstraumata werden sozusagen „vererbt“?

Bode: Ja, die Kriegsenkel haben oft Probleme, ihr eigenes Leben in Gang zu kriegen. Menschen mit einer Katastrophenerfahrung erziehen ihre Kinder ja nicht für die Zukunft, sondern als Fortsetzung der Vergangenheit. Erziehungsmantra der Kriegskinder war: Stell dich nicht so an! Du weißt ja nicht, wie gut du es hast! Viele Kriegsenkel haben die Atmosphäre in den Elternhäusern als wenig lebendig erlebt. Das waren eher dünne, unterkühlte Beziehungen in den Familien, da war jeder irgendwie für sich allein.