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Wunden des Krieges Früher Erbfeinde, jetzt beste Freunde
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Wunden des Krieges Früher Erbfeinde, jetzt beste Freunde
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17:40 19.06.2015
Links: Abstrampeln für die Freundschaft: Enthusiasten aus Carlow und Krummesse sind vor zehn Jahren per Fahrrad in 17 Tagen 1150 Kilometer in ihre Partnergemeinde Bonningues les Calais gefahren. Mit dabei auch die LN-Autorin (2.v.l.). Rechts oben: Jubiläumsfeier vor zehn Jahren: Die Bürgermeister Heinz Olrogge aus Carlow (l.), Claudette Bouquet aus Bonningues und Friedhelm Michaelis aus Krummesse. Rechts unten: Fredi Michaelis aus Krummesse lebt seit 2003 mit seiner Frau Lucile und drei Kindern in Calais. „Willkommen bei den Sch’tis“: Jacques Merlen (r.) stößt als Postbote mit Yves an. Santé! Quelle: privat / Montage: Haller
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Mit der Ebbe kommt alles wieder hoch. Wenn sich das opalblaue Meer an der nordfranzösischen Küste zurückzieht, gibt es Panzersperren frei, die die Deutschen vor mehr als 70 Jahren zum Schutz vor den Alliierten bauten. Unkaputtbar, genau wie die Bunker. Entlang der gesamten Küste stehen die Betonmonster, oder wie die Franzosen sagen: Onkel Adolfs Sommerhäuschen. Denn in der Tat hat schon manch einer die Bunker als Fundament für ein Häuschen mit Meerblick genutzt. Oder sie sind Museen, und wenn die Deutschen kommen, gehören Bunkerbesichtigungen zum Touristenprogramm.

Willkommen bei den Sch‘tis

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Seit 20 Jahren besuchen Menschen aus Krummesse (Herzogtum Lauenburg) und Carlow (Westmecklenburg) regelmäßig das französische Dorf Bonningues nahe Calais. Dass die Franzosen in jener Region über einen speziellen Dialekt und Humor verfügen, weiß man spätestens seit der Komödie „Willkommen bei den Sch‘tis“. Man weiß auch: Die haben ein großes Herz. Das spürte auch Friedhelm Michaelis, als er mit der Familie das erste Mal nach Bonningues fuhr, um die Partnerschaft anzubahnen. 1995 war das - und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. „Wir spürten die große Gastfreundlichkeit. Es war sehr bewegend. Ich wusste: Diese Freundschaft darf keine Einbahnstraße sein“, sagt der Bürgermeister von Krummesse. Mit den Mecklenburgern aus Carlow gab es bereits eine Partnerschaft, vor 20 Jahren kam der 600-Seelen-Ort Bonningues dazu.

Die Karte zeigt die befreundeten Orte Bonningues und Krummesse.

Es sind gut 1000 Kilometer, die die Gemeinden in Frankreich und Deutschland trennen - umso erstaunlicher, dass sich mehrmals im Jahr Menschen auf diesen Weg machen: per Bus zu den Freundschaftstreffen, per Auto zu privaten Einladungen, per Traktor (von Krummesse nach Calais) und sogar per Fahrrad - von Bonningues nach Krummesse und umgekehrt. In jedem Jahr werden bei Skat und Belote (der französischen Skat-Variante) die Sieger gekürt. Carlows Bürgermeister Norbert Baumann, auch aktiver Frankreich-Fahrer, zeigt Fotoalben: Da wird gelacht, getanzt (die unvermeidliche Polonaise unter schwarz-rot-goldenen und blau-weiß-roten Wimpeln), gespielt. Man beteiligt sich gegenseitig an Dorffesten, Martins- und Ostermärkten, bereitet aufwendige Shows und Aktionen vor. So haben die Franzosen vor fünf Jahren eine Szene aus „Willkommen bei den Sch‘tis“ nachgespielt. Der „Präsident der Freundschaft“, Jacques Merlen, und Bürgermeister Christian Salvary fuhren per Rad Briefe an alle französischen Gastfamilien aus - mit den obligatorischen Schnaps-Pausen in jedem Haus. Sogar die Pinkelszene am Brunnen wurde nachgestellt und dokumentiert - ein grand plaisir für Akteure und Zuschauer.

Als „Vater der Freundschaft“ ist Paul „Pauli“ Lambrecht bei allen Treffen dabei. „Das ist Ehrensache.“ Als Bonningues vor 20 Jahren eine europäische Partner-Gemeinde suchte, hatte er Krummesse vorgeschlagen, wo er in den 1960er Jahren gewohnt hatte. Pauli wurde 1941 in Nordfrankreich geboren. „Ich wog nur drei Pfund. Es gab wenig zu essen, keine Kohlen, kaum etwas anzuziehen“, erinnert er sich. Die Familie hätte auch Einquartierung von deutschen Soldaten gehabt. „Aber es war eine gute Beziehung, sagten meine Eltern.“

Das sind Geschichten, die im Trubel der Treffen eher nicht erzählt werden. Geschichten wie die vom deutschen Hauptgefreiten Walter Erbe, der 1943 auf einem Minensuchboot vor der französischen Küste fuhr und am 8. Oktober 1944 in einem Lazarett starb. Oder von Madame Raymonde Regnaut aus Bonningues, die 1941 einen Spion der Alliierten versteckte, verraten wurde und ein Jahr lang im Gefängnis saß. Oder von Karl Busch aus Krummesse, dem Schwiegervater von Friedhelm Michaelis. Er war 1940 in Dünkirchen als Wehrmachtssoldat stationiert. Von der nordfranzösischen Hafenstadt schickte er Postkarten. Auch aus Calais, vor dem Rathaus picknickte er mit Kameraden.

In zwei Wochen treffen sich Nachfahren und Nachbarn der Kriegsgeneration, um den 20. Jahrestag der deutsch-französischen Partnerschaft zu feiern. Es werden drei tolle Tage in Krummesse mit Sport, Wandern, Kinderspaß, mit Skat- und Beloteturnier, offizieller Feier und großer Fete in der Sporthalle. Inzwischen in der zweiten und dritten Generation - Freundschaft, die Alltag geworden ist.

Bleiben die alten Geschichten, auch sie haben ein versöhnliches Ende. Walter Erbe, der Großvater von Hartmut Albrecht aus Carlow, wurde auf dem Kriegsgräberfriedhof in Marigny bestattet, das Grab wird von Franzosen gepflegt. Madame Regnaut erhielt jetzt im Alter von 90 Jahren den Orden der Ehrenlegion für ihre Verdienste im Widerstand. Und der Enkel von Karl Busch lebt seit zwölf Jahren in Calais - mit seiner französischen Frau und drei Kindern. (Der Opa der Autorin kämpfte im Ersten Weltkrieg gegen Frankreich. Ihr Sohn wohnte ein Jahr lang bei Freunden in Bonningues und ging in Calais zur Schule.)

 Von Petra Haase

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