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Wunden des Krieges Wie Kinder unter den Kriegserfahrungen ihrer Eltern litten
Thema K Großer Rückblick: Der Zweite Weltkrieg im Norden Wunden des Krieges Wie Kinder unter den Kriegserfahrungen ihrer Eltern litten
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17:47 19.06.2015
Die Traumata der Kriegskinder wirken über Generationen nach.
Die Traumata der Kriegskinder wirken über Generationen nach. Quelle: LN-Montage: N. Wapner; Fotos: Fotolia, DPA, Ley
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Keine Schatten. Die Wohnung ist groß und licht. Helles Holz, helle Polstermöbel, hohe Fenster, die Licht in alle Ecken werfen. Sie hat das Dunkel, das ihr Leben so lange überschattet hat, aus ihrem Zuhause verbannt. Angelika Grabow ist ein Kriegsenkel. In den Frieden hineingeboren, gehört die 61-Jährige dennoch zu einer Generation, die im langen Schatten des Krieges aufgewachsen ist.

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Die Kriegsenkel - das sind die Kinder der Nachkriegszeit, deren Eltern als Kinder den Schrecken des Zweiten Weltkrieges ausgesetzt gewesen sind. Deren oftmals verheerende Erfahrungen, die frühe Konfrontation mit Tod, Hunger, Flucht und existenzieller Bedrohung, haben tiefe Spuren hinterlassen, die bis in die Gegenwart und das Leben ihrer eigenen Kinder hineinwirken - Psychologen sprechen von einer transgenerationalen Traumatisierung. Erst in den vergangenen zehn Jahren ist das Leiden der Kriegskinder und -enkel ins Bewusstsein der öffentlichen Wahrnehmung gerückt.

„Die Kinder der Kriegskindergeneration blieben zwar von den Schrecken des Krieges verschont, in der äußeren Welt herrschte wieder Frieden, nicht aber in der inneren seelischen Welt“, schreibt Bettina Alberti in ihrer Analyse der generationsübergreifenden Wirkung von Kriegstraumata, „Seelische Trümmer“. Die Lübecker Psychotherapeutin weiß aus ihrer Arbeit mit vielen Kriegsenkeln: „In deutschen Familien spielten sich in den 50er und 60er Jahren andere Kriege ab. Der Versuch, mühsam aufgebaute seelische Überlebensstrategien aufrechtzuerhalten, hatte seinen Preis.“

Angelika Grabow kann sich nicht an eine einzige liebevolle Situation in ihrer Kindheit erinnern. Sie sagt: „Ich bin unsichtbar gewesen, ich habe mich immer verhalten, als würde es mich nicht geben.“ Immer auf der Hut vor ihrer Mutter, vor den Aggressionen, die das Kind oft völlig unvermittelt treffen. Dann setzt es Schläge, die Mutter sperrt das „unartige“ Mädchen in den dunklen Keller. Wenn die Kleine versucht, der Mutter näher zu kommen, heißt es: Lass‘ mich in Ruhe. „Ich habe die Hälfte meines Lebens in einem Nebel gelebt“, sagt Angelika Grabow. „Ich hatte gar keine Wahrnehmung für mich selbst. Ich hatte aber auch nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt, denn ich wusste ja nicht, wie es sein könnte.“ Erst als Angelika Grabow mit 31 Jahren selbst Mutter wird, als sie die tiefe Liebe zu ihrem Mann und ihrer Tochter erlebt, taucht sie aus diesem Nebel auf und erkennt: Sie weiß nicht, wie es sich anfühlt, geliebt, umsorgt, in den Arm genommen zu werden.

In den Jahren nach der Geburt ihres Kindes sucht sie das Gespräch mit ihrer Mutter, eine neue Annäherung, vergebens. Sie läuft vor eine Mauer, immer wieder. Sie ahnt, dass das Schweigen ihrer Mutter auch deren Vergangenheit verschließt. Dass diese als Achtjährige mitansehen musste, wie ihre Mutter erschossen wurde, das erfährt Angelika Grabow erst von einer Tante. „Meine Mutter war ein Kriegskind, schwersttraumatisiert. In der Nachkriegszeit musste sie auf Drängen des Vaters früh die Schule verlassen, um mitzuverdienen - und dann verschwand sie eines Tages einfach. Mit 16 verliert sich ihre Spur, niemand in der Familie wusste, wo sie war.“ Bis die junge Frau zwei Jahre später mit einem Säugling zurückkehrte, mit Angelika, über deren Vater sie ihr Leben lang eisern schwieg. Alle Versuche ihrer Tochter, zu erfahren, wer ihr leiblicher Vater ist, schmetterte sie ab: Ich weiß es nicht, lass mich in Ruhe!

„Nicht zu fühlen, was ist, ist einer unserer wichtigsten Überlebensmechanismen bei Bedrohung“, beschreibt Bettina Alberti die Verdrängungsmechanismen der Kriegskinder. „Funktionieren, verleugnen, sich zurückziehen, nichts mehr zeigen von der inneren Wirklichkeit - ohne diese Fähigkeiten könnten Menschen in einer traumatischen Situation geistig und seelisch nicht überleben.“

Das Schweigen der Eltern plage die Kriegsenkel noch als Erwachsene, sagt Angelika Grabow. „Sie sind eine seelisch und emotional verhungerte Generation.“ Als Heilpraktikerin für Homöopathie und systemische Familientherapie begegnet die Ahrensburgerin in der Arbeit mit ihren Patienten immer wieder den Langzeitfolgen der Kriegstraumata. Die emotionale Erstarrung der Eltern habe Auswirkungen auf die Bindungsfähigkeit der Kriegsenkel, die in ihren Beziehungen scheitern, sich nicht trauen, selbst Kinder in die Welt zu setzen, hohe Ansprüche an sich selbst haben und unter Depressionen und Burnout-Symptomatiken leiden, sagt die Familientherapeutin. Sie initiierte einen Gesprächskreis für Kriegsenkel in Hamburg und eine Selbsthilfegruppe für Kinder, die den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen haben - wie mehrfach auch sie selbst.

Um mit dem Thema für sich selbst abzuschließen, wählte sie schließlich eine symbolische Geste: „Ich hatte mir einen schweren Feldstein gesucht und stand damit eines Tages vor der Tür meiner Mutter: Den möchte ich dir gerne geben.“ Die Reaktion der Mutter: Mein Gott, ist der schwer. „Ja, habe ich geantwortet. Das ist die Last, die ich für dich trage.“ Vor anderthalb Jahren ist ihre Mutter gestorben. „Sie war die beste Mutter, die sie sein konnte - mehr war nicht möglich. Ich habe meinen Frieden mit ihr gefunden“, sagt Angelika Grabow heute in ihrer lichtdurchfluteten Wohnung. Sie sagt auch, es sei die Aufgabe der Kriegsenkel, die seelischen Trümmer beiseitezuräumen, damit sie nicht weitergegeben werden - und sich endlich auch ein innerer Frieden einstellen kann.

Regine Ley