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Die LN von damals Die DDR öffnet die Grenzen
Thema M Der Mauerfall am 9. November Die LN von damals Die DDR öffnet die Grenzen
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14:13 14.03.2018
Die Titelseite der Lübecker Nachrichten vom 10. November 1989.
Die Titelseite der Lübecker Nachrichten vom 10. November 1989. Quelle: kha
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Berlin

Damit ist für ausreisewilllge DDR-Bewohner seit gestern abend auch der Grenzübergang Selmsdorf/Lübeck-Schlutup geöffnet.

Somit hat die DDR sechs Monate nach dem Abbau des Stacheldrahts an der ungarisch-österreichischen Grenze für Ausreisewillige auch ihre Grenzen geöffnet. Übersiedler müssen nun bei ihrem Weg in
den Westen nicht mehr über Ungarn oder die CSSR reisen. In Bonn platzte die Nachricht im Bundestag mitten in die Debatte über steuerlich als gemeinnützig anerkannte Vereine. Anhaltender Applaus brandete auf. Auch in Warschau, wo Bundeskanzler Helmut Kohl kurz zuvor zu seinem Polen-Besuch eingetroffen war, beherrschte die Öffnung der DDR-Grenzen die Gespräche.

Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Björn Engholm wurde auf einem Empfang anläßlich seines 50. Geburtstags im Lübecker Rathaus von der Nachricht aus Ost-Berlin überrascht. Er wollte sich sofort darum kümmem, daß den Menschen, die nun aus der DDR zu erwarten sind, auch am Wochenende eine Tür offen steht. Engholm bezeichnete die Öffnung der Grenze als das „ sensationellste Ereignis in der über 40jährigen Geschichte der beiden deutschen Staaten".

„Heute beginnt eirıe neue Zeit", sagte der Berliner CDU-Vorsitzende, Eberhard Diepgen. Berlin werde wirklich wieder eine offene Stadt. "Die Mauer hat damit ihre Funktion verloren. Sie kann und muß
jetzt abgerissen werden.“ Diepgen forderte die Öffnung des Brandenburger Tors.

Das Bundesgrenzschutzkommando Küste in Bad Bramstedt, in dessen Bereich die fünf deutsch-deutschen Grenzübergänge Lauenburg-Horst, Gudow-Zarentin, Lübeck/Schlutup-Selmsdorf sowie auf dem Schienenweg Büchen-Schwarzheide und Lübeck-Herrenburg liegen, erklärte, die Nachricht von der Öffnung der DDR-Grenze sei nach 19.30 Uhr eingegangen. Alle BGS-Verbände seien vorbereitet auf die Ankunft von Ubersiedlern.

Überrascht reagierten Angehörige der DDR-Grenztruppen in Ost-Berlin auf die Öffnung der Grenze. Sie deuteten an, daß intern bei ihnen mit bis zu zwei Millionen Ausreisewilligen gerechnet werde. Das Zentralkomitee der SED hatte am zweiten Sitzungstag beschlossen, die Volkskammer sowie eine Parteikonferenz einzuberufen. Bereits am Montag wird die DDR-Volkskammer einen neuen Präsidenten wählen. Auf der Tagesordnung der Volkskammer steht ebenso die Wahl des designierten Ministerpräsidenten Hans Modrow.

Einen Tag nach der Wahl in das neue SED-Politbüro wurde Hans-Joachim Böhme (59) als SED-Bezirkschef von Halle von den örtlichen Gremien mit großer Mehrheit abgewählt. Unmittelbar vor der Abset-
zung von Staats- und Parteichef Erich Honecker soll die DDR nach einem Bericht in der Tageszeitung „Die Welt" vor dem Bürgerkrieg gestanden haben. Das Blatt zitiert einen namentlich nicht genannten führenden SED-Funktionär mit den Worten: „Am 9. Oktober stand die DDR vor dem Bürgerkrieg.“ Honecker habe an diesem Tag Befehl erteilt, die Massendemonstration in Leipzig unter Einsatz der Nationalen Volksarmee niederzuschlagen.

21.53 Uhr kamen die ersten über Schlutup

Lübeck. Vier DDR-Bürger aus dem grenznahen Raum haben sich kurz nach Öffnung der Grenzen zur Bundesrepublik am Grenzübergang Lübeck-Schlutup um 21.53 Uhr eingefunden, um eine Nacht im Westen zu erleben.

Den Bundesgrenzschutzbeamten, die ihnen bereits Übersiedlerformulare in den Hände drücken wollten, sagten die jungen Leute: „Wir wollen noch in der Nacht zurück. Vorher möchten wir aber ganz gerne noch das Nachtleben in Lübeck anschauerı“, sagten die vier, die aus Wismar kamen, nach Angaben des BGS. Dann fuhren sie in ihrem himmelblauen Trabant gen Westen. Die vier waren ohne Visum eingereist.

Wenig später kamen in Schlutup auch die ersten Flüchtlinge an. Bis 23 Uhr registrierte der Lübecker Bundesgrenzschutz bereits elf DDR-Bürger, die in den Westen übersiedeln wollten.

Bitte beachten Sie, dass dieser Text mit einem automatischen Texterkennungsprogramm aus unserem Print-Archiv ausgelesen wurde und somit möglicherweise unkorrekte Buchstaben und Satzzeichen enthalten kann.