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Olympia 2024 Geplatzter Traum von Olympia: Verärgerung und Unverständnis in Lübeck
Thema O Olympia 2024 Geplatzter Traum von Olympia: Verärgerung und Unverständnis in Lübeck
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23:30 14.04.2015
Fand bei der Auswahlkommission keine Anerkennung: Segeln zum Greifen nah direkt vor dem Strand in Travemünde. Quelle: segel-bilder.de
Lübeck

„Gemeinsam Segel setzen“. Lübecks Olympia-Banner, es begrüßt die Gäste in Travemünde noch immer. Es ist das Relikt eines geplatzten Traumes. Seit Montag ist die Hoffnung dahin, an der Seite von Hamburg in die Olympia-Bewerbung 2024 zu segeln. Lübeck ist nach den Kampagnen für 1972, 2000 und 2012 im vierten Olympia-Anlauf erneut gescheitert. Auch wenn es im Rathaus offiziell keiner sagen mag, zum Thema 2024 gänzlich Stillschweigen herrscht, steht auf Jahrzehnte hinaus fest, dass Lübeck olympisch keine Segel mehr setzen wird.

Auch aus Verärgerung. Nicht über die direkten Drähte von Hamburg nach Kiel (Segler-Verband, Landesfürst zu Landesfürst, Ehefrau des Kieler Wirtschaftsministers arbeitet an der Hamburger Bewerbung mit). Es ist die Verärgerung über die Intransparenz, mit der die Wahl des Segelreviers kommentiert wurde, über die Gründe, die für Kiels Wahl offen genannt und Lübecks Scheitern nur hinter vorgehaltener Hand geäußert wurden, auch über die Millionen an Soforthilfe, die die Landesregierung zum Aufhübschen ihrer Hauptstadt sofort in Aussicht stellte. „Warum sagt man nicht von vornherein, dass man nur mit der Stadt mit Segelweltruf für Hamburg eine Chance sieht. Das ist Kiel. Und keiner hätte sich aufgeregt. So fühlen sich alle veralbert“, sagt Travemünder-Woche-Chef Frank Schärffe.

„Denn alle anderen Fakten, die für Kiel als Plus angeführt worden sind, hätten Warnemünde und Travemünde besser erfüllt.“ Im Lübecker Rathaus hat man nach dem Wahlergebnis vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) auch nichts gehört. Nach LN-Nachfrage jetzt wohl schon. „Ein Brief an die beteiligen Städte ist in Arbeit. Dabei bieten wir auch die Möglichkeit eines Debriefings an“, erklärte Sprecher Christian Klaue, der den Vorwurf der Intransparenz zurückwies. Man habe sich bewusst für eine Pro-Argumentation entschieden, um so zu vermeiden, dass den Verlierern öffentlich wehgetan werde. „Es gab für alle eine klare und faire Chance. Es wurden alle Argumente abgewogen.“ Dafür spreche, dass die finale Entscheidung zwischen Schilksee und Warnemünde knapp gewesen sei.

Nur: Lübeck fühlt sich vom DOSB vorgeführt. Denn die bei der Hamburg-Wahl propagierten Agenda-2020-Kriterien, wie finanzielle und ökonomische Vernunft, Nachhaltigkeit fern von Gigantomanie, auf die Lübeck in seinem Konzept gesetzt hatte, wurden bei der Wahl des Segelreviers über Bord geworfen. Unverständnis herrscht auch über die Kommissionszweifel am Priwall-Feriendorf als Unterkunft (Was passiert, wenn der Investor insolvent geht, Bewohner gegen die Ausquartierung klagen?), trotz schriftlicher Zusicherung. Stattdessen komme nun ein Hochglanz-Konzept zum Tragen, das den Steuerzahler teuer zu stehen komme, bei dem zum Thema Olympisches Dorf weder Bauherr noch Finanzierung feststünden. Und in das plötzlich Millionen Euro flößen, die in Lübeck nicht vonnöten gewesen wären. Die Landesregierung werde „für eine Top-Verkehrsanbindung des Olympiastandorts Kiel und Investitionen in Segel- und Sportanlagen sorgen, sollte 2017 das IOC Hamburg den Zuschlag geben“, teilte das Albig-Haus direkt nach dem Kiel-Zuschlag schriftlich mit. Regierungssprecher Carsten Maltzan relativierte das gestern: „Wir gehen davon aus, dass Deutschland dafür Sorge tragen wird und muss. Wir verstehen das als Gemeinschaftsaufgabe von Bund, Land und Stadt.“ Über mögliche Projekte, wie eine Stadtbahn nach Schilksee, zu reden, sei es aber zu früh.

Fest steht, dass die Landesregierung bis 2017 zwei Millionen Euro in Segelevents investieren will — in Schleswig-Holstein wohlgemerkt. Schärffe will für die Travemünder Woche mit WM und EM jetzt „zügig Gelder in Kiel beantragen. Dann wird man sehen, ob das eine Feigenblattnummer für Kiel ist“.

Für Katamaran-Profi Helge Sache ist es jetzt wichtig, dass Travemünde weiter Segel setzt: „Wir haben die geile Trave, geilen Wind, geile Bahnen. Es gibt auch ohne Olympia genug Projekte, gerade für den Nachwuchs, auch für den Segeltourismus. Da ist in Travemünde mehr drin.“ Schärffe registrierte am Tag danach bereits eine „Aufbruchstimmung. Die Olympia-Bewerbung hat für den Segelstandort Travemünde ein Wir-Gefühl erzeugt, wie wir es lange nicht hatten. Diesen Schulterschluss müssen wir jetzt nutzen.“

Hamburg will mehr für Spitzensport tun
Ein Doppelabstieg des FC St. Pauli und des HSV hätte für die Positionierung und Profilierung Hamburgs als Sportstadt erhebliche Folgen — gerade im Hinblick auf die Bewerbung um die Olympischen Spiele. Das sagte Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Der Experte geht von einem Minus von 50 Millionen Euro für die Stadt aus. „Die Präsenz von Profisportvereinen am Standort hat für die nachhaltige Vermarktung als Sportstandort eine wichtige Bedeutung“, ergänzte Vöpel.
Hamburg will insgesamt mehr für den Spitzensport tun: Marathon, Cyclassics und Triathlon allein reichen nicht. Den Olympia-Stützpunkt bezeichnete DOSB-Chef Alfons Hörmann launig als eine „Hinterhof-Organisation“. Bei einem Besuch habe er nicht einmal den Eingang gefunden. Sorgen bereitet Hörmann das Ungleichgewicht zwischen dem Milliarden-Geschäft Fußball und allen anderen olympischen Sportarten. Kann dieser Spagat verkleinert werden? Hörmann: „Deswegen die Olympia-Bewerbung. Um Boden gutzumachen.“

Jens Kürbis