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Mit Sicherheit 24 Stunden bei der Feuerwehr
Thema S Mit Sicherheit 24 Stunden bei der Feuerwehr
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06:29 12.11.2018
24 Stunden bei der Feuerwehr: Der Alltag auf der Feuerwache 1 in Lübeck. Quelle: 54° / Felix König
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Lübeck

Der Motor heult auf. Die Tachonadel schnellt nach oben. Chris Lüder sitzt hoch konzentriert am Steuer, lenkt an den stehenden Autos vorbei und bahnt sich mit dem riesigen Einsatzwagen einen Weg durch den dichten Stadtverkehr. Er bremst ab, beschleunigt wieder. „Oh, ein Blitzer!“, ruft der Feuerwehrmann. Seine Kollegen Andreas Werner, Daniel Grönebaum und Julian Jaacks schmunzeln. „Mindestens einer steht bei jeder Fahrt im Weg.“ Kaum gesagt, wird der Innenraum des Wagens in orangefarbenes Licht getaucht. Erwischt. Doch die Kollegen der Feuerwache 1 sind im Einsatz. Ein Notruf im Lübecker Stadtteil St. Gertrud. „Suizidale Absichten“ – die Wohnungstür wird nicht mehr geöffnet. Mit ihrem Werkzeug brechen die Feuerwehrmänner die Tür auf. Doch die Wohnung ist leer. Der Einsatz damit beendet. Denn nun muss die Polizei in diesem Fall ermitteln.

Wenn es kein Feuer zu löschen gibt, ist es auf der Wache nicht ruhig: Reparatur, Wartung und Fortbildung steht auf der Tagesordnung der Feuerwehrleute. Das ist der Alltag der Feuerwache 1 in Lübeck.

Wachwechsel ist morgens um sieben Uhr

Die Berufsfeuerwehr Lübeck hat täglich mit solchen Einsätzen zu tun. Die Wache 1 an der Lohmühle ist die Hauptwache – sowohl die Leitstelle als auch der Einsatzleitwagen (ELW), der zur Einsatzleitung zu allen größeren Einsätzen im Stadtgebiet gerufen wird, sind hier stationiert.

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Heute sitzt Dirk Zietz auf dem ELW. Wie auch für alle anderen Kollegen beginnt seine Schicht um 6.30 Uhr. Um sieben Uhr findet er sich mit den restlichen Feuerwehrleuten der Schicht zum Wachwechsel in der Fahrzeughalle ein. Auf einer Magnetwand steht, welcher Kollege, auf welchem Fahrzeug eingeteilt wird – der Einsatzplan.

Nach einem kurzen Check der Einsatzfahrzeuge und Geräte steht um 8.30 Uhr das gemeinsame Frühstück auf der Tagesordnung. Doch da ein schrilles „Diiduu, Diiduu“ aus den Lautsprechern der Wache – das Signal für einen Einsatz. Eine Brandmeldeanlage im Gewerbegebiet an der Malmöstraße ist ausgelöst worden, der ELW muss zur Leitung des Einsatzes ausrücken. Damit fällt das Frühstück für Zietz aus. Schnell die Treppe herunter. Türen auf. Rein in die Klamotten. Gerade einmal eine Minute haben die Feuerwehrleute Zeit, sich einsatzbereit zu machen. Rein in das Einsatzfahrzeug. Hallentor auf. Blaulicht und Martinshorn an. Runter vom Hof und los.

Es riecht nach verbranntem Plastik. Schwarzer Rauch liegt über der Produktionshalle. Das macht die Situation unübersichtlich. Zwei Freiwillige Feuerwehren und der Löschzug von der Feuerwache 2 stehen bereits vor der Halle. Schläuche werden ausgerollt. „Eine Produktionsanlage ist in Brand geraten“, sagt Dirk Zietz. Doch es war kein großer Brand. Schon eine Stunde nach dem Alarm ist das Feuer gelöscht. „Was uns jetzt noch Kopfschmerzen bereitet ist, dass Angestellte in den Hallen immer noch ohne Atemschutzgerät herumlaufen“, sagt Zietz. „Aber wir haben alles unter Kontrolle.“

Vormittags werden Geräte gecheckt

Auf der Wache haben die übrigen Kollegen das Frühstück inzwischen beendet. So lange es keinen weiteren Einsatz gibt, sind die Feuerwehrleute mit der Reparatur und Wartung der Geräte beschäftigt. So auch Stephan Dreyer. „Ich prüfe, ob das Auto auch noch rot ist“, sagt er schmunzelnd.

Aufmerksam wandert Dreyer um das Einsatzfahrzeug herum. Checkt den Generator und die großen Schneidezangen, die Blech wie Papier zerschneiden, prüft die Wasserpumpe und kontrolliert, ob die Scheinwerfer noch funktionieren. Bei den Atemschutzgeräten hält Dreyer inne. Ein lautes Zischen ist zu hören, der Feuerwehrmann runzelt die Stirn. Da stimmt was nicht. Die Nadel stoppt schon bei 250 Bar. „Das ist zu wenig. 270 Bar wären noch okay“, sagt Dreyer. „Die Flaschen muss ich nachher austauschen.“ Es ist wichtig, dass die Geräte wie die Feuerwehrleute immer einsatzbereit sind. „Fehler können immer passieren – aber es ist blöd, wenn wir sie hätten verhindern können.“

Stephan Dreyer checkt die Ausrüstung am Einsatzfahrzeug: „Fehler können immer passieren – aber es ist blöd, wenn wir sie hätten verhindern können.“ Quelle: 54° / Felix König

Mittlerweile ist es Punkt zwölf. „Mittagessen“, sagt Dreyer. In der Küche stehen die Feuerwehrleute bereits mit Tellern an der Ausgabe. Es gibt Erbseneintopf mit Bockwurst und Senf. Gegessen wird gemeinsam. Doch sobald wieder das schrille „Diiduu, Diiduu“ aus den Lautsprechern ertönt, müssen sie alles stehen und liegen lassen, erklärt Sebastian Seidel. Der 35-Jährige ist für die Aus- und Fortbildung der Truppe verantwortlich. Kollegen seien auch schon mit Shampoo in den Haaren oder mit zur Hälfte rasiertem Gesicht in das Einsatzfahrzeug gesprungen – witzige Anekdoten, von denen Seidel viele auf Lager hat.

Manche Einsätze gehen an die Substanz

Aber es gibt auch Momente, in denen er den Humor zurückstecken muss. In denen Einsätze an die Substanz gehen können. „Wenn Menschenleben betroffen sind, ist das eine andere Hausnummer, als wenn ein Gebäude abbrennt“, sagt Sebastian Seidel. Der 35-Jährige hat eine Familie, ist Vater von drei Kindern.

Sebastian Seidel weiß, dass es auch Einsätze gibt, die an die Substanz gehen können. Quelle: 54° / Felix König

Er erinnert sich an einen Einsatz auf der Autobahn. Ein Lkw war in ein Stauende gedonnert. Von einem Auto, in dem eine vierköpfige Familie saß, war nicht mehr als einen Meter breit Blech übrig. „An den Anblick gewöhnt man sich irgendwann“, sagt Seidel. Schlimmer sei es zu sehen, dass das Leben einer Familie ausgelöscht wurde. Die Erkenntnis zu verarbeiten, dass so ein Unfall auch die eigene Familie hätte treffen können. „Das Schlimmste waren die blutverschmierten Kuscheltiere, die am Unfallort lagen.“

Am Abend wird es ruhiger

Nach solchen Einsätzen rücken die Kollegen näher zusammen. „Jeder Mensch ist wie ein Glas, in das Wasser tropft. Irgendwann läuft man über“, sagt Seidel. „Aber wir achten aufeinander.“ Sie kennen einander gut. Gerade in den Abendstunden verbringen die Kollegen viel Zeit miteinander. Viele Kollegen treiben zum Beispiel gemeinsam Sport. Im hauseigenen Fitnessraum finden im Winter spannende Tischtennis-Matches statt, während im Sommer der Volleyball-Platz besonders beliebt ist. Ab 21 Uhr – wenn der Bereitschaftsdienst beginnt – machen es sich einige Kollegen auch im Fernsehraum gemütlich. Heute läuft ein Spielfilm, einige Kollegen dösen langsam ein, andere spielen mit ihrem Handy.

Alltag Feuerwehr: Mehr als nur Brände löschen

7 Uhr: Jeden Morgen löst eine neue Wachmannschaft die Kollegen aus ihrer Schicht. Auf dem Einsatzplan werden die Kollegen auf die verschiedenen Einsatzfahrzeuge verteilt.

8.30 Uhr: Mit Brötchen und Kaffee stärken sich die Kollegen für ihren Dienst.

9 bis 12 Uhr: So lange es keinen Einsatz gibt, bleiben die Feuerwehrleute auf der Wache. Neben dem täglichen Check von Geräten und Fahrzeugen, werden auch Fortbildungen angeboten.

12 Uhr: Einige Kollegen werden für den Küchendienst eingeteilt und bereiten das Mittagessen vor. Gegessen wird immer gemeinsam.

12 bis 15 Uhr: Nach dem Essen ist erst einmal Mittagsruhe.

15 Uhr bis 18 Uhr: Weiter geht es im Wachen-Alltag: Die Feuerwehrleute erledigen Reparaturarbeiten in den hauseigenen Werkstätten oder bilden sich weiter.

18 Uhr: Eine Stunde Sport pro Schicht ist Pflicht. Im Fitnessraum gibt es Laufbänder, eine Tischtennisplatte und andere Sportgeräte.

19 Uhr: Wieder trifft sich die Wachmannschaft in der Küche: Zeit fürs Abendbrot.

21 Uhr: Jetzt beginnt der Bereitschaftsdienst. Die Kollegen gucken gemeinsam Fernsehen oder treffen sich im Gemeinschaftsraum.

22 Uhr: Langsam kehrt Ruhe in der Feuerwache ein. Doch sobald das Signal ertönt, geht das Licht in den Zimmern an und die Feuerwehrleute müssen sofort wieder ausrücken.

7 Uhr: Die Schicht endet und eine neue Wachmannschaft übernimmt.

Ab 22 Uhr leeren sich die Gänge der Feuerwache 1. Die Kollegen legen sich aufs Ohr. Immer im Hinterkopf, dass das Licht plötzlich angehen und das „Diiduu, Diiduu“ sie aus dem Schlaf reißen kann. In dieser Nacht bleibt es aber ruhig. Um sechs Uhr klingelt der Wecker. Es wird sich ein bisschen frisch gemacht. Im Aufenthaltsraum warten die Kollegen auf die neue Wachmannschaft, denn gleich endet ihre Schicht. Dann: „Diiduu, Diiduu“ – eine Brandmeldeanlage im Stadtgebiet hat ausgelöst. Dirk Zietz und der ELW müssen noch einmal los. Sein Feierabend verschiebt sich damit wohl nach hinten.

Hier finden Sie eine spannende Multimedia-Reportage über den Alltag der Berufsfeuerwehr in Lübeck.

Saskia Hassink

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