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Sommerredaktion Der Vogelzähler von Fehmarn
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18:10 07.07.2018
Während andere noch schlafen, stellt Finn Brunßen im Vogelreservat sein Spektiv auf und sucht die Wiesen nach Brutvögeln ab.
Während andere noch schlafen, stellt Finn Brunßen im Vogelreservat sein Spektiv auf und sucht die Wiesen nach Brutvögeln ab. Quelle: Fotos: S. Bücker, Brunßen (hfr)

Wer kein Vogelkenner ist, hört am frühen Morgen vielleicht leises Wellenrauschen, das Muhen einer Kuh, unbestimmte Vogelgeräusche, Insektensurren im Schilf. Finn Brunßen hört mehr und vor allem präziser: einen Sandregenpfeifer, zwei Teichrohrsänger, den Warnruf einer Kiebitz-Mutter, einen Trupp Kampfläufer, einen Zilp Zalp, Kormorane. Die unterschiedlichen Gesänge verraten ihm, mit welcher Vogelart er es zu tun hat. „Jetzt will ich noch herausfinden, wie viele Tiere es sind und ob sie brüten“, sagt der 19-Jährige.

Wenn die Vögel im Wasservogelreservat Wallnau früh am Morgen ihr Konzert beginnen, haben sie einen aufmerksamen Zuhörer sicher. Es ist Finn Brunßen. Der 19-Jährige absolviert seit einigen Monaten einen Freiwilligendienst auf Fehmarn. Er beobachtet, zählt und kartiert Brut- und Zugvögel in der Wiesen- und Teichlandschaft.

Querfeldein durch Wiesen und Wälder

Dafür muss Finn Brunßen näher heran. Ausgerüstet mit einem speziellen Beobachtungsrohr, Spektiv genannt, einer Karte vom Reservat und Fernglas schwingt er sich über ein Gatter. Ab dieser Stelle dürfen normale Besucher nicht weiter. Hier beginnt der Schutzraum der Vögel, die auf der Durchreise sind, brüten wollen, Nahrung suchen. Finn Brunßen pirscht sich durch eine ausgetrocknete Pfützenlandschaft und eine Schilfwiese. In der Morgensonne liegen 297 Hektar Land vor ihm, dem „Orni“. So nennen ihn die anderen Reservat-Freiwilligen. „Orni“ ist eine Kurzform für Ornithologe, Vogelkundler. Vor vier Jahren entdeckte Finn Brunßen die Wissenschaft der Vögel für sich. Da lebte er noch in der Stadt, in Frankfurt. Nach dem Abitur wollte er die Vogelkunde vertiefen, bewarb sich bundesweit für Freiwilligendienste – und landete so im September auf Fehmarn. Andere sammeln Briefmarken, Finn Brunßen sammelt Vogelnamen. Auf einer langen Liste notiert er alles, was er in freier Wildbahn vor die Linse bekommt. Allein in Deutschland hat er bisher 263 Arten gesichtet. Doch es geht ihm um mehr als nur den Triumph einer hohen Anzahl gesichteter Seltenheiten. „Vögel sind ein Hinweis darauf, wie es um die Natur bestellt ist“, erklärt der 19-Jährige. „Das größte Problem ist die intensive Landwirtschaft.“ Zu viele Insektizide bedrohten die Artenvielfalt. Verschwinden bestimmte Vögel, sei das ein schlechtes Signal.

Konzentriertes Zuhören ganz früh am Morgen

Das Leben im Vogelreservat ist für Finn Brunßen ein Kontrast zum städtischen Leben. „Wenn ich für Besuche am Frankfurter Bahnhof ankomme, sind die ganzen Menschen erstmal überfordernd“, sagt Finn Brunßen.

Wallnau tickt anders, ist eine ganz andere Welt. Wenn der Freiwillige im Nieselregen mit Gummistiefeln hüfthoch im Wiesenmatsch versinkt, wenn er sich mit einem kleinen Boot einen Weg zur „Kormoran-Insel“ bahnt oder sich nachts, ohne ein Geräusch von sich zu geben, auf die Lauer legt, um nachtaktiven Vögeln wie Rallen und Eulen zu lauschen, dann ist Finn Brunßen ganz allein mit sich und der Tierwelt. An manchen Tagen laufe er bis zu 14 Kilometer am Stück. „Irgendwann wird es aber anstrengend, sich die ganze Zeit auf die Tiergeräusche und die Natur zu konzentrieren“, sagt der Freiwillige.

Nach spätestens sechs Stunden kehrt er zurück zum Besucherzentrum, macht einen Mittagsschlaf, wertet das Kartenmaterial aus. Während seiner Wanderungen trägt er genau ein, wo er welche Arten gesichtet hat. Wenn dann noch Zeit ist, bietet er ornithologische Führungen für die Besucher von Wallnau an. Langweilig werde ihm auf Fehmarn nicht. 25 Freiwillige arbeiten in Wallnau, kochen, essen, leben gemeinsam. „In klaren Nächten beobachten wir vom Aussichtsturm aus die Sterne“, sagt Finn Brunßen. „Es ist schon toll, wenn dann morgens die Sonne über den Wiesen aufgeht.“

Wallnau: Treffpunkt für Freiwillige und Fehmarn-Besucher

Rund 60 Freiwillige und Praktikanten unterstützen die Mitarbeiter des Vogelreservats Wallnau jedes Jahr. „Einige bleiben nur ein paar Wochen, andere ein ganzes Jahr“, sagt Nikola Vagt, stellvertretende Leiterin der Einrichtung. Die Freiwilligen machen beispielsweise Besucherführungen und pflegen die Weiden. An der Vogelwelt Interessierte können sich speziell auf Ornithologie-Stellen bewerben.

Besucher können Teile des Reservats besuchen. Täglich um 11 Uhr, 13 und 15 Uhr gibt es Führungen. Von einem Aussichtsturm und Beobachtungsverstecken aus können Brut- und Zugvögel beobachtet werden. Auf einem ein Kilometer langen Naturerlebnispfad testen Kinder an Spielstationen ihre Sinne. Ferngläser können ausgeliehen werden.

Um die Fledermaus dreht sich in Wallnau alles am Donnerstag, 19. Juli, ab 15 Uhr. Ein Experte hält Vorträge, um 21.15 Uhr gibt es eine Exkursion.

Weitere Informationen und Öffnungszeiten für Besucher und an Mitarbeit Interessierten im Internet unter: www.wallnau.nabu.de

Saskia Bücker