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St. Gertrud Rechte Gewalt: Syrer verprügelt, Steinwurf auf Flüchtlingsheim
Thema S St. Gertrud Rechte Gewalt: Syrer verprügelt, Steinwurf auf Flüchtlingsheim
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22:39 28.08.2015
Rechtsextreme haben am Donnerstagabend eine Fensterscheibe im Containerdorf eingeschlagen und ausländerfeindliche NPD-Sticker an die Mauern geklebt. Quelle: Fotos: Peer Hellerling (2), Holger Kröger
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St. Gertrud

Angriff auf einen Flüchtling: In St. Gertrud ist am Donnerstagabend um 19.20 Uhr ein Syrer verprügelt worden. Der 31-jährige Flüchtling wurde von zwei Männern in der Arnimstraße angesprochen, angegriffen und dabei leicht verletzt. Die Polizei spricht von einer „gefährlichen Körperverletzung“. Die beiden Täter flüchteten — und rotteten sich mit fünf weiteren Männern in der Schlutuper Straße am Containerdorf für Asylbewerber zusammen, das gerade aufgebaut wird. Einer warf einen Stein und zerstörte die Scheibe eines Wohncontainers, die anderen brachten NPD-Aufkleber „Asylantenheim? Nein Danke“ an.

Ein Lastwagenfahrer beobachtete nach LN-Informationen die Tat und alarmierte die Polizei. Diese nahm die sieben Männer noch in Tatortnähe fest. Sie sind zwischen 29 und 42 Jahre alt. Laut Oberstaatsanwalt Ralf Peter Anders handelt es sich um rechtsextreme Hooligans der Division Schleswig-Holstein Lübeck. Der Schläger ist ein 34-jähriger Lübecker, der Steinewerfer ein 29-jähriger Mann — ebenfalls aus Lübeck. Jetzt ermittelt der Staatsschutz der Kripo. „Dies ist ein schneller Erfolg“, bewertet Polizeidirektor Ulf Witt die unverzüglichen Festnahmen positiv. Zudem hätten sie eine präventive Wirkung. Auch wenn es sich juristisch laut Oberstaatsanwalt Anders um „keine großen Delikte“ handelt, „werden wir schnellstmöglich Anklage erheben“. Anders: „Die Intention hinter den Taten ist klar.“

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Bereits am 29. Juni hatten Rechte einen Brandanschlag auf eine geplante Asylbewerberunterkunft in Kücknitz verübt. Niemand wurde verletzt, es entstand ein Schaden in Höhe von 10000 Euro. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft haben beide Taten nichts miteinander zu tun, auch wenn die gleichen Aufkleber angebracht wurden. Mit der Stein-Attacke auf Marli reiht sich Lübeck in die unrühmliche Liste der Städte ein, in denen Flüchtlinge angegriffen werden — wie jüngst in Heidenau (Sachsen) und gestern in Salzhemmendorf (Niedersachsen).

„Es ist erschreckend und furchtbar, dass es in unserer Stadt zu solchen Taten gekommen ist“, zeigt sich Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) schockiert. Er fordert mehr Polizeischutz für Flüchtlinge und deren Unterkünfte. „Es wäre nicht zu verstehen, wenn die Polizei zwar mit großem Personalaufgebot Fußballspiele schützt, bei Flüchtlingsheimen aber wegen fehlenden Personals abwinkt.“ Es könne nicht sein, dass die Kommunen damit wieder alleingelassen werden und gegen Geld einen privaten Wachdienst engagieren müssten. Die rund 20 Arbeiter beim Containerdorf wollen das Gelände nun erst recht mit Bauzäunen sichern und die Rollläden an den Fenstern herunterlassen. Die Antwort der Polizei auf die Frage nach mehr Kontrollen: „Keine Angaben.“

Auf Marli herrscht indes Entsetzen. „Für mich ist das ein terroristischer Anschlag“, sagt SPD-Ortsvereinschef Ingo Schaffenberg. Auch er fordert mehr Polizeischutz. „Wir müssen Farbe bekennen.“ Dabei dürfe Geld und Personal keine Rolle spielen. Schaffenberg: „Wir auf Marli sind gute Nachbarn.“ Er fordert alle auf, aufzupassen. Die örtliche CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Heidi Menorca bezeichnet den Angriff ebenfalls als „einen Anschlag mit terroristischen Hintergrund“, den sie zutiefst verabscheue. „Diese Menschen sind vor Gewalt geflüchtet — und begegnen hier wieder der Gewalt.“ Sie fordert die Menschen auf Marli auf: „Wir müssen uns der rechten Szene entgegenstellen.“ Sie setzt auf Gespräche. Mit mehr Polizeischutz kann sie sich indes nicht anfreunden. Dem stimmt Grünen-Fraktionvizechefin Silke Mählenhoff zu. Sie fordert die Lübecker auf: „Hingucken — und nicht weggucken.“

Schockiert ist Kathrin Hering, Sprecherin des Runden Tisches Marli: „Ich bin fassungslos.“ Mit Anschlägen auf Flüchtlinge in ihrem Stadtteil habe sie nicht gerechnet. „Das hat mich kalt erwischt.“ Mehr als 50 Institutionen, Vereine, Verbände und Privatleute sind in dem Verein organisiert. „Wir heißen Flüchtlinge auf Marli willkommen.“ So wurden vor dem Bau des Containerdorfs alle informiert, die Stimmung war friedlich, alle hilfsbereit. Am Abend haben sich etwa 30 Menschen zu einer Demo an dem Containerdorf eingefunden. Hering: „Unser Stadtteil ist bunt.“

„Es ist erschreckend und furchtbar, dass es in unserer Stadt zu solchen Taten gekommen ist.“
Bürgermeister Bernd Saxe (SPD)

Peer Hellerling und Josephine von Zastrow