Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Lübeck Die Moschee: Ein Stück Heimat in der Fremde
Thema Specials Auf der Flucht Flüchtlinge im Norden Lübeck Die Moschee: Ein Stück Heimat in der Fremde
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:54 11.11.2015
Freitagsgebet mit dem Imam Mohammed El-Hendawy in der Assalam- Moschee in St. Lorenz Süd. Sie wird vor allem von arabischsprachigen Muslimen besucht. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
St. Lorenz Süd

Nach und nach kommen Männer und Jungen jedes Alters in die Assalam-Moschee, einen langen Saal in einem alten Industriebau in der Dornestraße. Sie knien auf dem blauen, mit Stern- und Bandmustern verzierten Teppichboden nieder und berühren ihn mit der Stirn.

Vorn predigt ein Mann in weißem Mantel auf Deutsch, wie immer vor Beginn des eigentlichen Freitagsgebets. Der Mann im weißen Mantel spricht von den „Geschwistern aus Syrien“, die auf der Flucht seien vor dem Morden und Sicherheit suchten; er ruft das Bild des ertrunkenen Jungen an der türkischen Küste in Erinnerung, „wo das Meer sich weigerte, den Ertrunkenen zu schlucken und ihn sanft ans Land spülte“. Die Flüchtlinge sind für diese Gemeinde das alles beherrschende Thema. Sie kommen nach Deutschland, nach Lübeck, in die Assalam-Moschee. Ihre täglichen Gebete verrichten sie meist in ihren Unterkünften, denn sie können sich nicht leisten, immer mit dem Bus zur Moschee zu fahren. Aber zum Freitagsgebet finden sich viele Flüchtlinge ein — etwa 50 seien es im Schnitt, schätzt Ali Alqasmi, Vorsitzender des Moscheevereins.

Mit Gläubigen aus unterschiedlichen Ländern hat man in der Assalam-Moschee Erfahrung. „Wir haben hier 23 Nationen“, sagt Alqasmi. Aber in letzter Zeit kommen auffällig viele Syrer. Dass es nicht mehr sind, schreibt er zum Teil einem Gerücht zu, nach dem die Assalam-Moschee von den Behörden beobachtet werde. An diesem Gerücht stimmt nichts — aber Flüchtlinge, die nicht wissen, ob sie bleiben dürfen, vermeiden jedes noch so kleine Risiko, mit dem deutschen Staat in Konflikt zu geraten.

Sie kommen, um zu beten, aber sie kommen auch, weil sie Unterstützung im Alltag suchen oder einfach nur ein kleines Stück Heimat. „Viele brauchen Hilfe bei der Wohnungssuche oder beim Übersetzen“, sagt Alqasmi. Zum Beispiel Moammar Al-Khubi (42), der vor einem Jahr aus Dara‘a im Süden Syriens geflohen ist. Er lebt in Lübeck bei einem Bekannten. In wenigen Wochen soll seine Familie ihm folgen, und er weiß noch nicht, wie er sie unterbringen soll.

Die Moschee gibt den Flüchtlingen ein bisschen Sicherheit in der Fremde. „Sobald ich Muslime finde, fühle ich mich zu Hause, in vertrauter Umgebung“, sagt Al-Khubi. Hussein Khaldoun (36) sagt, er vermisse den Ruf des Muezzins. Darauf beginnt eine aufgeregte Diskussion zwischen ihm und dem Dolmetscher, dem Tunesier Habib Trabelsi (63), der seit 44 Jahren in Lübeck lebt.

Trabelsi meint, es stehe dem Flüchtling nicht zu, in Deutschland darüber zu klagen. Trabelsi ist jetzt viel in den Flüchtlingsunterkünften unterwegs, um seine Hilfe anzubieten und zu übersetzen. Zum Opferfest, erzählt er, hätten Mitglieder der Gemeinde vier Hammel geschlachtet und das Fleisch im Erstaufnahmelager auf dem Volksfestplatz verteilt.

Der Maschinenbaustudent Mohammed Akkad (25) aus der zerstörten und umkämpften syrischen Stadt Aleppo ist vor neun Monaten nach Deutschland gekommen und hat schnell die Sprache gelernt. Er sagt auf Deutsch: „Wir sind in Deutschland — das ist kein islamisches Land, aber wir können unsere Religion hier praktizieren.“ Dafür sei er dankbar.

Nach der deutschen Predigt hat sich die Moschee gefüllt. Ein einziges weibliches Wesen ist dabei, ein etwa fünfjähriges Mädchen mit Kopftuch an der Hand seines Vaters.

Der Imam, ein junger Mann mit sorgfältig gestutztem Vollbart, topfförmiger Kappe und langem, beigefarbenem Mantel, steigt drei Stufen empor auf ein Podest und predigt auf Arabisch mit hoher Stimme, die durch die Lautsprecher heiser und blechern klingt. Es hört sich an, als rede er den Gläubigen unerbittlich ins Gewissen.

Den Schluss bildet ein Gebet, auf dessen Verse die Gläubigen jedes Mal mit „Allahu akbar“ (Gott ist größer) antworten. Der Imam kommt von seinem Podest herunter. Die Menge strömt aus dem Saal.

Moammar Al-Khubi, der Syrer, der nach einer Unterkunft für seine Familie sucht, bleibt noch eine Weile. Er schaut nach vorn, berührt mehrmals den Boden mit der Stirn und betet leise.

Hanno Kabel