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Travemünde Aus Lübeck in ein neues Leben
Thema T Travemünde Aus Lübeck in ein neues Leben
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10:43 27.09.2015
Vor einem Monat aus Syrien geflohen: Mohammed (23), Mirzo (21), Marwan (50) und Adnan (19) in Travemünde vor der Fähre „Peter Pan“. Etwa zehn Stunden später sind sie in Schweden. Quelle: Fotos: Felix König (3), Int
Lübeck

Lübeck. Haider war am glücklichsten in seinem Leben, als er aus dem Schlauchboot auf den Strand sprang. Er war aus der Türkei gekommen, ein paar Stunden übers Meer gefahren, das Boot war überfüllt, er hatte 1500 Dollar bezahlt, und er wusste nicht, was werden sollte. Aber er war jetzt in Griechenland, in Europa, in dieser sonderbaren Gegend der Erde, wo sich die Völker einigermaßen vertragen und Bomben nicht zum Alltag gehören. Er war jetzt in der Alten Welt, und der Plan ist, dass sie für ihn zu einer neuen Welt wird.

Haider ist 28 und kommt aus dem Irak. Er ist einer von etwa 40 Flüchtlingen, die heute von Travemünde nach Trelleborg fahren. Es sind vor allem Männer, jung und mit wachen Augen, Emigranten des digitalen Zeitalters, die auf der Fähre erst mal Steckdosen suchen, um ihre Handys aufzuladen. Vor allem aber sind sie in Lübeck in ein weiches Räderwerk der Hilfe und der Humanität gefallen, das inzwischen ziemlich reibungslos läuft. Und es ist ein Segen.

Am Ende der Odyssee

Die Uhr zeigt sieben, als die „Alternative“ gegenüber der MuK langsam erwacht. Es regt sich etwas in den Zelten und oben überm Café Brazil, es schälen sich Menschen in Hütten und Bauwagen aus ihren Betten, sie machen sich fertig und gehen frühstücken. Sie bereiten sich vor auf ihre Reise, auf die Fahrt mit dem Stadtverkehrbus nach Travemünde, wo sie die „Peter Pan“ über Rostock nach Schweden bringen wird. Sie werden dort am Ende ihrer Odyssee sein oder ihrem Ziel wieder ein Stück näher. Und es ist erst mal nicht so wichtig, dass manche überhaupt kein Ziel haben.

Um elf legt die Fähre ab. Die Flüchtlinge sitzen im Restaurant, vorne, wo man hinaussehen kann aufs Meer, zehn Stunden lang, bis Trelleborg erreicht ist. Sie reden und dösen, sie holen sich einen Kaffee, eine Pizza, manche lachen, manche schweigen. Sie kommen aus Syrien und Afghanistan, aus dem Irak, dem Iran und Eritrea. Sie kommen aus Katastrophenstaaten, in denen es manchmal so etwas wie einen Staat gar nicht mehr gibt. Sie haben alle eine Geschichte, und es ist immer eine Geschichte aus dem beschädigten Leben.

Es sind Geschichten wie die von Ahmed (27) und Maher (29), die vor drei Wochen in Syrien aufgebrochen sind und nach Malmö wollen, wo sie jemanden kennen. Es sind Geschichten wie die eines Vaters (43) und einer Tochter (20) aus dem zerbombten Aleppo, die fragen, ob sie nach Schweden gehen sollen oder nach Norwegen.

Auch Mirzo (21) gehört zu den Flüchtlingen, er ist mit seinem Onkel Marwan (50) und den Freunden Mohammed (23) und Adnan (19) seit einem Monat unterwegs. Sie kommen aus Syrien, nahe der türkischen Grenze. Mirzo hat dort Tiermedizin studiert, jetzt liegt seine Uni in Trümmern, und er will nach Norwegen. „Geh“, sagte seine Mutter mit Tränen in den Augen, „du musst gehen.“

Sie kamen mit dem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland und haben sich über den Balkan bis nach Deutschland durchgeschlagen. Sie haben diesen Weg hinter sich, der einem jeden Tag tausendfach in den Nachrichten begegnet. Aber das hier ist kein Fernsehen, sondern da sitzt einem jemand gegenüber und erzählt vom Wasser im Boot und den 1300 Dollar, die sie jeder für die Fahrt bezahlt haben.

Von Messern, mit denen sie bedroht wurden. Von türkischen Polizisten, die ihnen Geld abgenommen haben. Und von seinem Land, das er nicht verlassen, sondern das er verloren hat. „I have lost it“, sagt er.

Und er erzählt von seinem Onkel, der in Raqqa gelebt hat, der Hauptstadt der IS-Terrormiliz. Der Onkel hat Enthauptungen gesehen, viele, viel zu viele. Er hat erlebt, wie die Kurden vertrieben wurden. Er ist entkommen aus diesem Wahnsinn, aber seine Familie ist noch da. Der IS hat auch Mirzos Onkel Mohammed getötet, seinen Freund Yalmaz ebenso. Und wenn er nicht geflohen wäre, sagt er, hätte er auch kämpfen müssen, für den IS oder für die syrische Armee.

Kein Geld, keine Dokumente

Irgendwann auf der Fahrt sitzt Haider am Tisch, der Mann aus dem Irak. Er hat einen Master-Abschluss als Laserphysiker, aber er hat seine Dokumente auf der Flucht verloren. Er hat kein Geld mehr, und die Sachen, die er trägt, hat man ihm unterwegs irgendwo gegeben. Er hat nicht viel mehr als seine Kraft und seine Zuversicht, und manchmal sieht er aus, als habe er nicht mal mehr die.

Haider ist ein kluger Mann, er macht sich viele Gedanken. Er fragt sich, warum ihm so viele helfen, Menschen, die ihn gar nicht kennen. Und auch er erzählt von der Türkei-Griechenland-BalkanRoute.

Sie waren wohl 20 Tage unterwegs, zu Fuß, mit dem Bus, mit dem Zug und natürlich mit dem Boot. Er hat tote Kinder bei der Überfahrt gesehen, sagt er, und wie die griechische Polizei ein Boot mit einer toten Frau wieder aufs Meer schob. Kroatien war ein „Desaster“, in Serbien haben sie ihm Geld und sein Handy abgenommen, und in der Türkei sind sie „Vampire“. Aber er hatte ja keine Wahl. Er kennt den Irak im Grunde nur im Krieg oder im Ausnahmezustand. Und er preist Europa, wo nach dem Krieg ein Land wie Deutschland aus den Ruinen auferstehen konnte. „Ein Wunder“, sagt er, „das würden sie im Irak nie schaffen.“ Und dann redet er über Islam und Demokratie, über Bildung und darüber, dass jeder ein Buch lesen müsste, wenn er Präsident wäre. „Es ist kein Problem, im Irak Blut zu sehen“, sagt er. „Ich bin geflohen vor dem Blut. Sie haben uns unser Leben gestohlen. Ich will ein Mensch sein, ich will normal leben.“ Und zwar in Finnland. Wo dort, das spielt erst mal keine Rolle.

Er hat sowieso das Gefühl für Zeit und Raum verloren.

Am Nebentisch sitzt ein junger Mann. Er hockt vor dem großen Panoramafenster, guckt aufs Wasser und sagt kein Wort. Manchmal legt er den Kopf auf den Tisch, er ist ganz allein. Er heißt Saqeb, sagt er, ist fünfzehn und will nach Schweden. Und er wusste vor seiner Flucht nicht mal, dass es ein Land wie Schweden überhaupt gibt.

Saqeb kommt aus Afghanistan, die Taliban haben seinen Vater erschossen, als er klein war. Wo seine Mutter und seine Brüder sind, weiß er nicht. Er ist vor einem halben Jahr aufgebrochen, meist zu Fuß, hat in Gärten geschlafen und es irgendwie nach Deutschland geschafft. Er hat noch zehn Euro und die Sachen, die er am Leibe trägt. Sonst hat er nichts. Er ist nie zu Schule gegangen, hat aber in einem Kursus drei Monate Englisch gelernt und spricht es jetzt ganz passabel. Und wenn man ihn fragt, was er tun will in Schweden, was werden soll aus ihm, aus Saqeb, 15 Jahre alt, ein Niemandskind im Niemandsland, das allein am Fenster sitzt und auf eine Welt guckt, die ihm mehr zu bieten haben sollte als ein Achselzucken, lächelt er scheu und sagt: „I will make my life.“ Das heißt ungefähr so viel wie: Ich will etwas aus mir machen.

Gegen neun am Abend ist Trelleborg erreicht. Die Flüchtlinge werden mit dem Bus nach Malmö gebracht und haben 24 Stunden Zeit zu sagen, ob sie in Schweden bleiben oder weiter wollen. Saqeb geht als Letzter von Bord. Er dreht sich noch einmal um, lächelt, winkt, dann ist er verschwunden.

Spenden benötigt
Flüchtlinge ohne Geld für ein Fährticket nach Schweden bekommen eines von den Helfern. Die Unterstützer brauchen daher nach wie vor Spenden:

Postbank Hamburg
Iban: DE04 2001 0020 0806 1522 08
Kontonummer: 806 152 208
Bankleitzahl: 200 100 20

Über die Homepage der Lübecker Helfer (fluechtlingsforum.de) findet man die Facebookseite des Flüchtlingsforums mit Informationen, was noch an Spenden und Hilfe gebraucht wird.

Peter Intelmann